Kommentar
Die Oscar-Show blieb unter den hohen Erwartungen – und das ist gut so

Oscar-Nacht verpasst? Kein Problem, wir haben für Sie durchgehalten. In einer drögen Show waren dies die Highlights.

Daniel Fuchs
Daniel Fuchs
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Inszeniert als wäre die Oscar-Show ein Film: Ein Crew-Mitglied poliert in Los Angeles Teile des Oscars-Design.

Inszeniert als wäre die Oscar-Show ein Film: Ein Crew-Mitglied poliert in Los Angeles Teile des Oscars-Design.

Foto: Chris Pizzello / AP

Regisseur Steven Soderbergh versprach nicht weniger als eine Show, inszeniert am Fernsehen wie ein Film. So begann sie denn auch: Mit Schauspielerin Regina King, die sich eine Oscar-Statuette schnappte und für den Vorspann in die Union Station in Los Angeles trat, einer von mehreren neuen Austragungsorten neben dem traditionellen, dem Dolby Theatre in L.A.

Getarnt als Filmset war es überhaupt erst möglich, dass sich eine Vielzahl der Stars im historischen Bahnhof von Los Angeles traf. Bei eingeschaltener Kamera waren die Masken weg. Ansonsten, hiess es, habe Maskenpflicht gegolten.

Dem Publikum erklärte Regina King die Abstands- und Maskenregeln und nahm in ihrer Eröffnungsrede Bezug auf die Verurteilung des Polizisten Derek Chauvin von voriger Woche, der bei einem Polizeieinsatz den Schwarzen George Floyd getötet hatte, was in Amerika zu einer Vielzahl von Black-Lives-Matter geführt hatte. «Wäre das Urteil anders herausgekommen, würde ich heute wohl mit Kampfstiefeln statt in Highheels vor Ihnen stehen», sagte King in ihrer Oscar-Eröffnungsrede.

Wir freuten uns auf etwas Besonderes. Was hatte Regisseur Soderbergh, der 2011 mit «Contagion» einen Film über eine Pandemie drehte, mit der Pandemieversion der Oscars vor? Würde aus einer Filmpreis-Gala eine wirklich spannende Inszenierung?

Mitnichten. So pompös die Inszenierung begann, so abrupt endete sie rund 3,5 Stunden später gegen 5.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit mit der Vergabe des Oscars für den besten Hauptdarsteller. Der Preisträger: Anthony Hopkins für seine Rolle als demenzkranker Anthony (!) im Film des französisch-schweizerischen Doppelbürgers Florian Zeller «The Father». Damit hatte man nicht gerechnet. Jedenfalls war Hopkins weder in L.A. anwesend noch in einer der Oscar-Aussenstationen in Europa zuschaltbar. Es war ein etwas peinliches Ende einer so grossspurig angekündeten Inszenierung.

Oscar-Verleihung: «Nomadland» holt drei Auszeichnungen

Zeller übrigens war einer der wenigen Protagonisten, die ihren Oscar in einem der extra wegen der Pandemie über den ganzen Globus verteilten Oscar-Satelliten entgegennahm. Isoliert und ohne Speis und Trank in Paris.

Los Angeles, Paris, London, Sidney, Seoul und Kilkenny waren einige der zugeschalteten Orte, in denen Filmschaffende auf eine Auszeichnung hofften.

Ein Lichtblick war da der Südkoreaner Bong Joon-ho, dessen Film «Parasite» letztes Jahr den Oscar für den besten Film erhielt - als erster nicht englischsprachiger Film überhaupt.

Anlässlich der diesjährigen Preisverleihung wurde Joon-ho zugeschaltet aus einem Kino in Seoul und präsentierte die diesjährigen Nominierten für die Kategorie «Beste Regie». Dieser Oscar ging auch an eine Asiatin, die in China geborene US-Amerikanerin Chloé Zhao.

Ihr Film «Nomadland» hat dieses Jahr zu den Favoriten gehört und wurde schliesslich mit drei Oscars ausgezeichnet (bester Film, beste Regie und Frances McDormand gewann den Oscar als beste Hauptdarstellerin). Frances McDormand war es denn auch, die für die beste (und kürzeste) Dankesrede sorgte - und das Publikum mit Wolfsgeheul überraschte.

Und hier auch gleich die Hintergründe des Wolfgeheuls, präsentiert von Chloé Zhao:

Es war also eine Ehrerweisung an ein verstorbenes Mitglied der «Nomadland»-Crew.

Trocken und enttäuschend blieb dagegen Brad Pitt, der den Oscar für die beste Nebendarstellerin vergab. Diesen erhielt Yuh-Jung Youn für ihre Rolle in «Minari».

Mit einem Seitenhieb an Brad Pitt machte sie deutlich, dass dieser sich auf dem Set an dem von ihm mitproduzierten Film nie hat blicken lassen.

Enttäuscht muss Glenn Close sein, die ewige Oscar-Anwärterin. Auch dieses Jahr ist sie leer ausgegangen. Für ihre Rolle in «Hillbilly Elegy» war sie für einen Nebendarsteller-Oscar nominiert. Dafür liess sich Close in der Show zu einer Tanzeinlage hinreissen.

Was Sie sonst verpassten? Die emotionalste Rede gab es vom dänischen Regisseur Thomas Vinterberg, dessen Film «Drunk (Another Round)» mit Mads Mikkelsen den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt. Seinen Oscar widmete Vinterberg seiner Tochter, die während des Filmdrehs vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.

Den skurrilsten, jedoch hochgradig sympathischen Auftritt hatte Emerald Fennell. Für das Drehbuch von «Promising Young Woman» gab es immerhin einen Oscar. Der sehr klug umgesetzte Beitrag zu #MeToo, in dem sich eine Frau an Männern rächt, die alkoholisierte Frauen im Ausgang als Freiwild betrachten, war auch für die «Beste Regie» und den «Besten Film» nominiert.

Das waren die Lichtblicke der 93. Oscar-Verleihung. Insgesamt blieb die Show unter den hohen Erwartungen. Doch sie ist ja auch nicht dazu da, die Filme, die sie würdigt, zu konkurrenzieren. Statt sich die Show im Replay anzusehen, schauen Sie sich besser einen der nominierten oder siegreichen Filme an (hier geht es zur Liste). Einige davon gibt es im Streaming bei Netflix, Prime und Co. Andere kommen bei uns in den nächsten Wochen und Monaten ins Kino.