Nachruf

Keiner dachte so leicht und baute so schwer – Jürg Altherr 73-jährig gestorben

Bildhauer Jürg Altherr (1944–2018). Sarah Serafini

Bildhauer Jürg Altherr (1944–2018). Sarah Serafini

Der Zürcher Bildhauer Jürg Altherr ist 73-jährig gestorben. Er war der Spezialist für das Sperrige.

Atelierbesuche bei Jürg Altherr machte man besser nicht im Winter. Sein überhoher Raum im Gaswerk Schlieren war kalt und zugig, oft baute sich der Bildhauer ein Plastikzelt in seinem Atelier, um arbeiten zu können. Denn Altherr packte zwar handfest an, wenn es nötig war. Aber hauptsächlich zeichnete, plante, organisierte der Künstler. Oder er träumte. Das Gleichgewicht und wie man es sichtbar machen könne, war eines seiner Lieblingsthemen. Nicht erstaunlich also, liess er seinen ersten an der Mailänder Brera-Akademie erlernten Beruf als Steinbildhauer bald einmal sein.

Altherr studierte in den 70er-Jahren in Rapperswil Landschafts- und Gartenarchitektur und unterrichtete dort auch bis 1989. Landschaft und Skulptur, öffentlicher Raum und Kunst: Das war fortan sein Betätigungsfeld. Allerdings nicht im Sinne von Behübschung. Nein, Altherr wollte anregen (und manchmal vielleicht gar aufregen?). Gross, sperrig, extrem: seine Werke sollte man nicht übersehen. Unvergesslich ist seine Skulptur aus zwei mächtigen Stahlzylindern in Biel, die gefährlich schief in der Landschaft standen, fixiert durch ein einziges Drahtseil.

Träume versus Physik

Wenn Jürg Altherr über seine Ideen sprach, schien vieles leicht. Fragile Standhaftigkeit, Schwerelosigkeit trotz Schwere, waren seine Begriffe. Ein tonnenschwerer Turm aus Eisen etwa sollte sich im Windhauch bewegen. Einen im prekären Gleichgewicht schwebenden Steg über dem Waffenplatz Frauenfeld nannte Altherr «Verhängnis», dafür bescherte er Zürcher Beamten eine luftige Himmelsleiter zwischen zwei Verwaltungsgebäuden an der Stampfenbachstrasse.

Manchmal scheiterte Jürg Altherr auch: Im zürcherischen Wald 2011 aus politischen Gründen, in Wettingen 1991 liess ihn die Physik im Stich. Das kam so: Für den Kulturweg Baden–Wettingen–Neuenhof hatte er ein monumentales hölzernes Dreibein in der Limmat geplant. Das wollte er mit an Scharnieren abgeklappten Beinen in den Fluss legen, Fallschirme im Wasser sollten per Umlenkung die Plastik dann aufrichten. Altherr tüftelte mit Ingenieuren im Wasserkanal an dieser poetischen Idee. Bei der Installation durch eine Kompanie Genie-Rekruten brauchte es dann aber rohe Kraftmechanismen, was den Künstler in Rage brachte und das Militär nicht zu Kunstfreunden machte. Zum Schluss standen Künstler, Kommandanten und Kuratorin glücklich wie Kinder und versöhnt auf der Skulptur ...

Auch diese Prominenten verstarben in diesem Jahr:

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