Solothurner Literaturtage

Karen Duve: Nettchen und ihre gar nicht nette Biografin

Erfindet sich mit jedem Roman neu: Die deutsche Autorin Karen Duve (57).

Karen Duve war einst Taxifahrerin. Am Sonntag erhält sie den Solothurner Literaturpreis

Annette von Droste-Hülshoff? War das nicht diese adelige deutsche Dichterin, die auf ihrem Schloss «Die Juden- buche» schrieb? Schullektüre bis heute. Und Karen Duve? Wer ist das? Ach ja, diese radikale Schriftstellerin, die im Selbstversuch «anständig» zu essen versuchte – vegan, frutarisch und so. Die beiden Autorinnen haben eines gemeinsam: Sie sind sehr talentiert, entsprechen aber nicht dem Geist ihrer Zeit.

Die eine, Zeitgenossin Goethes, sprengte als junge Frau mit Ambitionen das enge Biedermeier-Korsett, in das Frauen im 19. Jahrhundert geschnürt waren. Die andere, die sich im 21. Jahrhundert mit jedem Buch neu erfindet, verweigert genau damit, zur kommerziell optimal verwertbaren Marke zu werden.

Während Leserinnen und Leser bei Autoren wie Bernhard Schlink, Peter Stamm oder dem Diogenes-Bestseller Martin Suter genau wissen, was sie beim nächsten Buch zu erwarten haben, kann es im Fall von Karen Duve sein, dass ihnen ein Buch gut gefällt und das nächste gar nicht.

Denn Duve wiederholt sich nicht. Für sie ist jedes Buch ein Aufbruch in eine Welt, die sie sich neu erschliesst und in die sie ganz und gar eintaucht. «Ich leb’ richtig in der Zeit und ich sprech’ dann auch anders, glaube ich, je nachdem, welches Buch ich gerade schreibe», erklärte die 58-jährige Hamburgerin in einem Radio-Interview.

Stammbäume zählen nicht mehr

Im Fall ihres aktuellen Buches «Fräulein Nettes kurzer Sommer» über Annette von Droste-Hülshoff heisst das, dass sie 1820 mit westfälischen Adeligen in Lustgärten wandelt und sich in gestelzten Worten beklagt – über Napoleon und das aufstrebende Bürgertum, das aus der feudalen Ordnung eine Leistungsgesellschaft macht, in der Stammbäume nichts mehr zählen.

Apropos Stammbäume: Bäume spielen in Karen Duves akribisch recherchiertem Droste-Roman eine interessante Rolle. So erfahren wir etwa, warum die Ulme in hiesigen Wäldern ein seltener Baum geworden ist. Sie wächst so langsam, dass es sich für die frühen Kapitalisten nicht lohnte, sie nach der Abholzung neu anzupflanzen. Schnell wachsende Baumarten brachten mehr Ertrag.

Annettes Vater, Clemens August II. von Droste zu Hülshoff, regt sich im Roman darüber auf. Kein Wunder: Die Beschleunigung der neuen, industrialisierten Zeit hängt den untätigen Adel einfach ab. Unweigerlich empfindet man beim Lesen Sympathie für den alten Freiherrn. Denn als Nachgeborene wissen wir, welche katastrophalen Folgen der Zwang zum Wirtschaftswachstum hatte.

Es habe sie überrascht, wie viele Überschneidungen es zwischen dem 19. Jahrhundert und unserer Zeit gebe, sagt Karen Duve. Und genau da zeigt sich eine ihrer Stärken. Diese Autorin, die nach dem Abitur erst Hilfsarbeiterin wurde und 13 Jahre lang Taxi fuhr, bevor sie ihr erstes Buch veröffentlichte, weiss historische Stoffe ebenso auf das Hier und Jetzt zu beziehen wie Science-Fiction.

Mit dem für sie typischen scharfkantigen Humor zeigt sie auf, dass nichts neu ist unter der Sonne. Aktuelle Probleme gab es schon und wird es weiterhin geben. Der Kampf der Geschlechter ist nur ein Beispiel.

Annette von Droste-Hülshoff war nicht nur eine kritische Denkerin und begabte Dichterin, sie hatte auch musikalisches Talent. Von einem Mann hätte man damals gesagt, er sei ein Universalgenie. Sie aber wurde in jeder Hinsicht abgewertet und zurückgebunden von ihren Cousins, Onkeln und angeblichen Freunden.

Zum Beispiel nach einem Singspiel vor adeligen Gästen: «‹Sehr schön, sehr schön, Nettchen!›, sagte Werner. ‹Fast zu schön. Du musst achtgeben, dass dein musikalisches Engagement nicht eines Tages in Ehrgeiz und eine eitle Begierde nach Bewunderung ausartet.›» So weit eine Szene in Duves Roman.

Grösser und weiter denken

Ihr Buch davor heisst «Macht», es spielt im Jahr 2031. Männer sind entmachtet und Frauen am Ruder, Hitzestürme toben und der Weltuntergang steht kurz bevor. Eine Ministerin wird von ihrem Mann, einem untergeordneten Sachbearbeiter, im Keller gefangen gehalten, zum Keksebacken gezwungen, regelmässig vergewaltigt und fast umgebracht. Warum? Ihre Überlegenheit hat ihn in seine Schranken verwie-sen, genauso wie Annette von Droste-Hülshoffs Talent ihre dichtenden männlichen Verwandten in den Schatten stellte.

Da kennen die Rächer keine Gnade. Nur Annettes bürgerlicher Liebhaber Heinrich Straube, selbst ein begnadeter Poet, schätzte ihre Schreibkunst. Doch die Verbindung der beiden unkonventionell Liebenden wurde brutal unterbunden.

Musste das sein? Wird es immer unmöglich sein, dass Mann und Frau einander auf Augenhöhe begegnen, sich gegenseitig respektieren und inspirieren? Diese Frage beantwortet Karen Duve nicht. Aber in ihren bisher 16 Büchern entwirft sie ganze Welten und macht vor, was Literatur kann: sich hinwegsetzen über das Diktat der eigenen Zeit, grösser und weiter denken.

So sind nicht zuletzt durch sie Annette von Droste-Hülshoffs Dichtungen erneut zum Leben erweckt worden. Den Solothurner Literaturpreis 2019 erhält Karen Duve auch stellvertretend für alle anderen Autorinnen, die sich um einschränkende Normen nicht gross kümmern und schreiben, wie es ihnen gefällt.

Preisverleihung: So, 2. Juni, 10.30 Uhr, Stadttheater, Solothurn

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