Es ist heiss im «Caveau des vignerons». Dichtgedrängt stehen Besucher und Besucherinnen mit Schirmmützen, Hipster-Bärten und Miles-Davis-T-Shirts, trinken Wein aus dem Lavaux (nein, Bier gibts hier nicht) und tanzen zum groovenden Jazz der formidablen Jam-Band Kuma um Arthur Donnot (Sax) und Mathieu Llodra (Keys). Der «Caveau des vignerons» ist so etwas wie das Herz des Festivals Cully Jazz. Hier treffen sich die feuchtfröhlichen Jazz-Verrückten nach den grossen Konzerten und feiern bis in die frühen Morgenstunden.

Während in der Deutschschweiz viele Festival- und Konzertveranstalter mit der Überalterung kämpfen, ist das Publikum in Cully gut durchmischt. Es hat auffallend viele weibliche Gäste und vor allem viele Junge. Jazz ist hier hip. Gerade wurde ein neuer Publikumsrekord gemeldet: Mehr als 70'000 Leute haben das neuntägige Festival in der Waadt besucht. Was ist das Erfolgsrezept, was ist das Geheimnis von Cully?

Caveau des Vignerons mit KUMA am Cully Jazz Festival 2018

Das Festival von Cully war immer schon jung. Die beiden jazzverrückten Freunde Emmanuel Gétaz und Daniel Thentz waren 16 Jahre alt, als sie das Festival 1983 gründeten. Ihre Eltern mussten damals noch die Verträge unterschreiben. Das Festival ist jung geblieben. Die langjährige Festivalleiterin und heutige Chefin des Zürcher Jazzclubs Moods, Carine Zuber, war 23, als sie einstieg. Vor drei Jahren hat sie die musikalische Leitung an den heute 35-jährigen Jean-Yves Cavin übergeben. Der junge Blick soll erhalten bleiben. Diesem Motto ist Cavin treu geblieben: «Wir denken für die jungen Leute. Wir fragen uns, was brauchen sie und was wollen sie?»

Offener Jazzbegriff

Dementsprechend offen wird hier Jazz definiert. Schon früh hat man aktuelle Strömungen wie Hip-Hop, Electronica und DJs ins Festival integriert und dabei den Ärger von Jazz-Puristen provoziert. Ebenso verpönt ist verstaubter Altväter-Jazz. Stattdessen wurden in diesem Jahr in den drei zahlpflichtigen Sälen neben den hochkarätigen Jazzacts wie Joshua Redman, dem Trio Ponty-Lagrene-Eastwood oder Ambrose Akinmusire viel Jazzverwandtes aus dem World- und Pop-Bereich serviert: Gospel der Blind Boys of Alabama, Soul von Raul Midon oder Lisa Simone, der Tochter von Nina Simone. Dazu auserwählte Perlen aus aller Welt: Ester Rada aus Israel, Fatoumata Diawara, Amadou & Mariam aus Westafrika oder Youn Sun Nah aus Südkorea. «Diese Offenheit ist Teil des Erfolgsrezepts», sagt Cavin.

Die Bezahlkonzerte sind aber nur das eine. Mindestens so wichtig sind die Gratiskonzerte auf bis zu siebzehn Bühnen, im Freien sowie in Lokalen verstreut im Dorf. Hier erhalten aufstrebende Jazz- talente eine Plattform, um ihr Können zu präsentieren. Das sind vor allem Studenten aus dem Umfeld der blühenden HEMU Lausanne (Haute École de Musique de Lausanne). Sie und ihre Entourage kommen nach Cully, bilden eine Community und sorgen dafür, dass das Festival sein junges Gesicht behält. Ein riesiges Potenzial hat zum Beispiel der 21-jährige Trompeter Shems Bendali von der französischen Seite des Genfersees. Den Namen muss man sich unbedingt merken.

Das Cully Jazz Festival 2017

Gepflegt wird bei Cully Jazz auch der aufstrebende Schweizer Jazz. Lucia Cadotsch, Marie Krüttli, Nik Bärtsch mit dem HEMU Jazz Orchestra und Tobias Preisig schafften es in den Hauptsaal. Elina Duni, Erika Stucky und Mathieu Michel nutzten die spezielle Atmosphäre des «Temple», der Kirche von Cully. Erstmals wurden auch von Pro Helvetia unterstützte zweitägige «Swiss Jazz Days» mit Debatten und Showcases durchgeführt.

Das Dorf ist das Festival

Die Biografie von Festivalleiter Jean-Yves Cavin ist beispielhaft für Cully Jazz. Im Dorf aufgewachsen, lernte er Jazz wie selbstverständlich kennen. Gepackt hat es ihn, als er im Alter von zwölf Jahren ein Konzert des belgischen Multiinstrumentalisten Toots Thielemanns erlebte. Schon bald arbeitete er als Freiwilliger am Festival und wuchs Jahr für Jahr mehr hinein. Heute lebt er mit seiner Familie in Cully, arbeitet in einer Kommunikationsagentur in Lausanne und reserviert einen Tag pro Woche für das Festival. Ohne Entgelt, notabene. «Cully Jazz ist unsere Leidenschaft», sagt er, «das Festival bleibt dadurch authentisch.»

Das Dorf Cully hat nur 2000 Einwohner. Direkt am Genfersee gelegen und mitten im Unesco-geadelten Weltkulturerbe, dem terrassenartigen Weinbaugebiet Lavaux mit Blick auf die Alpen, profitiert das Festival von seiner einmaligen Lage. Es ist wohl das schönste Festival der Schweiz. «Cully Jazz ist mehr als ein Musikfestival», sagt Cavin bestimmt, «der Wein, der See und die Gemeinschaft geben ihm eine Marke und eine Identität. Das Dorf ist das Festival. Es ist im Dorf gewachsen und die Eltern sind stolz auf uns Junge, weil wir weiterführen, was sie begonnen haben.»

Cully Jazz ist auch ein Volksfest, das am See und in den Gassen gefeiert wird. Und alle machen mit: Das Festival kann auf rund 600 freiwillige Helfer zählen. Und alle profitieren: Das Gewerbe und vor allem natürlich die zwanzig Weinproduzenten, die 55 verschiedene Weinsorten anbieten und bis zu 17'000 Flaschen verkaufen. Wein ist das unbestrittene Festivalgetränk.

Mehr Charme als Montreux

Vom 20 Kilometer entfernten, international ausstrahlenden Montreux Jazz Festival blickt man etwas neidisch nach Cully und kann kaum glauben, wie das funktionieren kann. Denn mit einem Budget von 2,4 Millionen ist Cully rund 10-mal kleiner als das renommierte Festival in Montreux. Die Hauptacts von Cully wie Joshua Redman und Fatoumata Diawara würden in Montreux im kleinen Club (300 Sitzplätze) untergebracht, in Cully füllen sie problemlos das Chapiteau (1000 Sitzplätze).

Es ist der Geist, der es ausmacht, der Charme. Cully Jazz ist cool und hip, Montreux einfach nur gross, ja riesig. Montreux zahlt den Preis für seine jetzige Grösse. In Cully dagegen lebt jener Spirit, den auch das Montreux Jazz Festival einmal ausgezeichnet hat, aber nie wieder zurückkommen wird. Es ist das Geheimnis von Cully.