Kultur

In Margrit Schribers neuem Roman löst ein windiger Mädchenschwarm ein Drama aus

Die gebürtige Luzerner Schriftstellerin Margrit Schriber in ihrem Zuhause in Zofingen.

Die gebürtige Luzerner Schriftstellerin Margrit Schriber in ihrem Zuhause in Zofingen.

Margrit Schriber zeigt in ihrem neuen Roman eine dörfliche Idylle der 1960er-Jahre. Dort tun sich schleichend menschliche Abgründe auf.

Das wird böse enden. Man erfährt es in den ersten Textzeilen: Das 13-jährige Chormädchen Kitty will die Frau des Chorleiters erschiessen. Diese wiederum ist die Ich-Erzählerin, was suggeriert, dass sie überleben wird. Hintergrund des sich anbahnenden Dramas: Eifersucht.

Nach der Lektüre des neuen Romans von Margrit Schriber, geboren 1939 in Luzern und heute in Zofingen wohnhaft, fragt man sich: War dieser Einstieg nötig, der die dramatische Kulmination bereits verrät. Die Autorin meint dazu: «Mich hat es gereizt, mit einem Paukenschlag zu starten.» Doch wäre es nicht origineller gewesen, die Story aus der vermeintlichen Harmlosigkeit heraus zu entwickeln?

Er fördert Chormädchen in so manchen Belangen

Es soll dies der einzige kritische Einwand sein. Die Harmlosigkeit ist der spannende Nährboden für die menschlichen Abgründe, die sich nach und nach enthüllen. Der begnadete Musikus Charly lässt sich in den 1960er-Jahren als Organist und Chorleiter in ein idyllisches Schweizer Dorf engagieren, begleitet von Gattin Rosy. Dort verzaubert er alle. Vor allem die Mädchen des Chores, den er flugs gegründet hat. Ihnen gibt er das Gefühl, Stars werden zu können – solche wie in der allwöchentlich verschlungenen «Bravo». Und er wird zur Projektionsfläche ihrer aufknospenden Sexualität. Was er allzu gerne geschehen lässt.

Mit subtilen Andeutungen lässt Margrit Schriber erahnen, dass Charly den unbeholfenen Verführungsversuchen der Girls sehr viel beholfener entgegenkommt. Dabei ist er doch einer anderen auffallenden Persönlichkeit des Dorfes verfallen: der alterslosen, Villa-behausten, immer wieder mondän auf- und abtauchenden Madam Benz. Und dabei gäbe es noch die erwähnte junge Ehefrau, die mitzuhalten versucht, mit immer weniger Erfolg. Und die trotzdem zum Hauptfeindbild der liebestollen Chormädchen wird.

Man hat Mitgefühl mit der Erzählerin

Am 170 Seiten kurzen Roman gibt es vieles zu geniessen. Da ist die kunstvoll lakonische Sprache, die das anfänglich biedere Geschehen noch unterstreicht, aber auch gedankenreich, sinnlich und immer für eine Spur Ironie gut ist. Und obschon ja Ehefrau Rosy auf diese Art erzählt, fühlt man zunehmend mit ihr – der pflichtbewussten Haushälterin und Geldverdienerin, die keinen Zugang zur Seelenwelt ihres Gatten findet und den vielfältigen Reizen und Gelegenheiten, denen jener «ausgeliefert» ist, nichts entgegensetzen kann.

Charlys Psychogramm ist simpler: Er ist ein Schlawiner, der seinen Charme einsetzt, um sogar Minderjährige zu verführen, und dessen schöngeistige Gedankenlosigkeit ihn nicht entschuldigt. Schriber verzichtet darauf, ihn explizit zu verurteilen. Ohnehin stimmen am Ende die von den einzelnen Figuren erlittenen Konsequenzen wenig mit ihren moralischen Verantwortlichkeiten überein.

Doch so ist das Leben. Und es stimmt auch für den Roman, der vor dem Hintergrund der 1960er-Jahre trefflich von innerdörflichen Dynamiken, pubertären Aufregungen und alltäglichen Beziehungsfallen erzählt.

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