Oper

In diesem Zürcher «Figaro» ist die weite Welt zu Gast – und mittendrin eine Schweizerin

Regula Mühlemann als liebreizende Kammerzofe und Golda Schultz als extravertierte Gräfin. T+T Fotografie/Toni Suter

Regula Mühlemann als liebreizende Kammerzofe und Golda Schultz als extravertierte Gräfin. T+T Fotografie/Toni Suter

Die Schweizerin Regula Mühlemann debütiert als Susanna am Opernhaus Zürich. Das hat Seltenheitswert.

Zwei Stimmen, die sich umspielen. Die eine von sonorer Schönheit, Glanz und Grandezza verströmend, die andere sensibel, gleichzeitig glasklar und innig. Sie gehören der Südafrikanerin Golda Schultz und der Adligenswilerin Regula Mühlemann. Bald schmiegen sie sich aneinander, bald holen sie aus zu eigenem Ausdruck, um sich wieder zu finden. So geht Globalisierung à la Mozart.

Überhaupt ist in diesem Zürcher «Figaro» die weite Welt zu Gast: Besagte Comtesse-Darstellerin aus Südafrika, der Comte aus South Carolina, Figaro aus Russland, seine Mutter aus Rumänien. Und mittendrin: Kammerzofe Susanna alias Regula Mühlemann aus Adligenswil. «Für uns spielt die Nationalität keine bedeutende Rolle, aber wenn unsere Wunschbesetzung die Schweizer Staatsangehörigkeit hat, freut es uns als Opernhaus Zürich umso mehr», erklärt Intendant Andreas Homoki gegenüber dieser Zeitung. Tatsächlich war Globalisierung an vielen Opernhäusern gang und gäbe, bevor das Wort überhaupt erfunden war. Doch eine Schweizer Sängerin in einer Hauptrolle am Opernhaus Zürich – das hat Seltenheitswert. Mindestens!

Raketenartiger Karrierestart

Regula Mühlemann ist allerdings auch eine Ausnahmeerscheinung. Sowohl optisch wie stimmlich. Wie sie in der Arie «Deh, vieni» in Mozarts Musik hineinhorcht, als befrage sie Mozarts Musik höchstpersönlich – und dann ihre Stimme mit der Antwort verschmilzt, ist so feinfühlig und aussergewöhnlich schön, dass man versteht, weshalb Mühlemanns Karriere vor acht Jahren durchstartete wie eine Rakete.

Damals erlangte sie Bekanntheit als Ännchen im Opernfilm «Der Freischütz» von Jens Neubert. 2012 debütierte sie an den Salzburger Sommerfestspielen und hat am Opernhaus Zürich bereits einmal gesungen: 2012 die Gianetta, eine Nebenrolle in Donizettis «Elisir d’Amore». Mit der Susanna in der aktuellen Wiederaufnahme von Mozarts «Figaro» spielt die 33-Jährige in einer anderen Liga. In der Liga der internationalen Opernsängerinnen.

Denn solche aus der Schweiz scheinen ziemlich rar zu sein. So rar, dass Google zum Stichwort «Schweizer Opernsängerin» als ersten Treffer die vor hundert Jahren geborene Lisa della Casa (1919–2012) auflistet, gefolgt von Noëmi Nadelmann, die lediglich dreimal am Opernhaus Zürich zu hören war – zum letzten Mal 2002. Weil Google aber immer etwas findet, heissen Schweizer Opernsängerinnen kurzerhand Cecilia Bartoli, Vesselina Kasarova und Martina Jankova – auf den hinteren Rängen gefolgt von Rachel Harnisch und Maya Boog. Passen grosse Oper und kleine Schweiz so schlecht zusammen?

Ist Oper typisch unschweizerisch?

Vielleicht sind Opern tatsächlich etwas ungemein Unschweizerisches und die Schweiz kein opernsingend Volk von Brüdern – und vor allem Schwestern. Denn seine Befindlichkeiten mitsamt Liebesschmerz vor Tausenden Menschen herauszuschmettern, zählt nicht zu den helvetischen Tugenden. Doch genau das ist – vereinfacht gesagt –, worum sich alles auf einer Opernbühne dreht.

Und hinsichtlich dieser Sache zeigt selbst Regula Mühlemann trotz Bühnenpräsenz in Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung ein letztes Quäntchen Zurückhaltung. Die äussert sich etwa in der Häufigkeit, mit der sie zum (hervorragenden!) Dirigenten Ottavio Dantone blickt, als würde sie ihren Ohren und den Stimmen ihrer Sängerkollegen allein nicht trauen. Dabei dürfte sie. Denn Alexander Miminoshvili gibt ihren Verlobten Figaro mit supersonorer Selbstsicherheit sowie körperlicher Präsenz und John Chest den ebenfalls um sie werbenden Comte mit kindlichem Egozentrismus und entsprechendem stimmlichen Ausdrucksregister. Nicht so Mühlemann. Sie bricht nie aus, verliert nie die Contenance. Ihre Susanna ist eher liebreizend als lustig, eher süss als schlau, ihre Wut hinreissend statt furchteinflössend, sie selbst mehr Mitspielerin als Antreiberin.

Man kann diese Rolle so sehen. Aber man könnte auch anders. Dass umgekehrt die Südafrikanerin Golda Schultz als Gräfin in die Rolle der lustvollen Gamblerin schlüpft, scheint das Klischee von Schweizerin und Nichtschweizerin zu stützen. Doch dass die beiden Frauen auch mit geradezu umgekehrten Rollen ein wunderbares Duo abgeben, macht den Zauber der Inszenierung aus. Hier darf jeder und jede sich selbst bleiben – zu einem wunderbaren Ensemble werden sie trotzdem.

Figaro Opernhaus Zürich, 16. und 28. Juni. Siehe www.opernhaus.ch

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Autorin

Anna Kardos

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