Grand Théâtre de Genève

«In der Oper geschehen Dinge, die einen normalen Menschen interessieren können»

Zirkus? Kino? Drogentrip? Philip Glass’ «Einstein on the Beach» am Grand Théâtre de Genève zeigt, was Oper alles sein kann, wenn sie darf. Bild: Carole Parodi

Zirkus? Kino? Drogentrip? Philip Glass’ «Einstein on the Beach» am Grand Théâtre de Genève zeigt, was Oper alles sein kann, wenn sie darf. Bild: Carole Parodi

Die Oper soll Fragen von heute beantworten, findet Aviel Cahn, Intendant des Grand Théâtre de Genève. Darum holt er unter anderem Xavier Kollers Oscar gekrönten Film «Reise der Hoffnung» auf die Bühne.

Das Pferd füllt die ganze Bühne aus. Von oben bis unten ist alles Tier. Seitlich streifen Nüstern und Schweif sogar die Kulisse, wenn das Schattenbild auf der riesigen Leinwand seine Kreise zieht, während Chor und Orchester eine ununterbrochene Abfolge von Tönen repetieren.

Bis zur Trance - oder bis zum dringenden Bedürfnis nach Stille. Wo sind wir? Im Kino? Drogentrip? Oder Zirkus? Als der weisse Vorhang fällt, sieht man: Es ist nichts von alldem. Sondern das Grand Théâtre de Genève, dessen neuer Intendant Aviel Cahn (45) mit «Einstein on the Beach» (Philip Glass) demonstriert, was Oper alles sein kann.

Der Zürcher hat vor seiner Genfer Intendanz eine steile Karriere hingelegt, zuletzt als Intendant der Flämischen Oper in Antwerpen, nun will er Genf zur Nummer 1 der Schweizer Opern machen. Seine Devise? «Eine Oper von heute muss Antworten auf Fragen von heute finden.»

Keine selbstverständliche Aussage. Damit es funktioniert, müssen laut Cahn gewisse Bedingungen erfüllt sein: «Wir müssen zuerst mit den Klischees aufräumen. Die bestehen hartnäckig und ausgerechnet Menschen wie Anna Netrebko nähren sie noch mehr. Dieses Betuliche der Diven mit ihren bombastischen Kleidern und Klunkern.»

Für den Intendanten muss Oper anders sein: «Man muss bewusst machen, dass da Dinge geschehen, die einen normalen Menschen interessieren können. Weil der normale Mensch annimmt, Oper sei etwas Seltsames für einen Kreis Eingeschworener.» Dafür scheut Cahn keinen Effort, frei nach der Devise: Wenn die Menschen zu wenig in die Oper gehen, muss die Oper eben zu den Menschen.

Zur Saisoneröffnung gibt’s gratis Glacé, grossräumig verteilt an Passanten und Opernbesucher. Der Geschmack? Nicht Fiordiligi (eine Opernfigur), aber immerhin: Fior di latte. Die Farbe? Knalliges Hellblau à la Schlumpfglacé. Wer bei so viel verspieltem Trash an verstaubte Opern denkt, ist selber schuld.

Aber das ist nicht alles: Auch die neu gestaltete Homepage des Grand Théâtre de Genève ist hell, cool und chic. «Die Verpackung zählt immer», sagt Cahn. «Aber das Resultat ist noch wichtiger. Wenn man etwas behauptet, was auf der Bühne dann nicht stattfindet, verliert man sofort an Glaubwürdigkeit.»

In Genf ist «Einstein on the Beach» tatsächlich wie die Glacé: Verführung pur. Und ja, hellblau gibt es auch in der Inszenierung von Daniele Finzi Pasca und Bob Wilson, samt einem Hang zum Süssen. Da wird eine Bubble an Illusion aufgeblasen – mit einem entscheidenden Unterschied zu Kino oder Netflix. Denn das hier ist live. Keine Computeranimation, sondern erzeugt von Menschen im Moment. Auch die Meerjungfrau, die schwimmend Purzelbäume schlägt, ist nicht digital, sondern aus Fleisch und Blut.

Der Zirkus-Effekt setzt im Publikum unmittelbar ein. Vielleicht, weil die Inszenierung mit den computeranimierten Sehgewohnheiten spielt. Damit, dass wir am Bildschirm ohne mit der Wimper zu zucken Fantasy-Welten beim Einstürzen oder Menschen beim Mutieren zusehen. In Genf flüstert die Oper: Schau hin, schau gut hin. Hier kriegst du das auch, aber nicht virtuell. Sondern in echt.

Und Genf ist mit dieser neuen Art Oper nicht allein: Schon in Berlin verwandelte Barrie Kosky Mozarts Zauberflöte in einen expressionistischen Stummfilm. Mensch und Projektion spielen da atemberaubend zusammen. Am Zürcher Opernhaus liess Kirill Serebrennikov Fiordiligi und Dorabella Selfies schiessen – und Mozart uns damit einen Spiegel vorhalten. Und an den Salzburger Festspielen machte Peter Sellers Idomeneo gar zur Klimaoper.

Ob Salzburg oder Berlin, ob Genf oder Zürich: Durch die Musik, das Theatersetting, wird der Stoff verfremdet, was den allzu konkreten, erhobenen Zeigefinger gar nicht erst zulässt– dafür aber Raum schafft für die Fantasie des Publikums und dadurch auch für Reflexion. «Klar sind Stoffe, die sich mit politischen Themen beschäftigen, geeigneter, um aktualisiert zu werden», meint Aviel Cahn. «Andererseits eignet sich jeder zwischenmenschliche Stoff dazu. ‹Così fan tutte› ist rein zwischenmenschlich, das ist quasi ein Yasmina Reza-Plot».

Vielleicht liegt das Geheimnis tatsächlich im Verschmelzen, in der Legierung aus klassischer Musik und heutigen Seh- und Lebensgewohnheiten, die den Zuschauern neue Dimensionen erschliesst. Das gibt es nirgends als in der Oper. Und das auch noch nicht so lange. Die meisten von uns erinnern sich an Bilder von strammen Diven und Tenören, die pfostenfest posierend Arien schmettern. «Das muss man versuchen aufzubrechen», betont Cahn.

Aviel Cahn (45) will keine Oper über Bergbauern machen, aber Schweizer Themen wie «Reise der Hoffnung» von Xavier Koller für die Oper adaptieren. Bild: Nicolas Schopfer

Aviel Cahn (45) will keine Oper über Bergbauern machen, aber Schweizer Themen wie «Reise der Hoffnung» von Xavier Koller für die Oper adaptieren. Bild: Nicolas Schopfer

In Antwerpen hat er das Durchschnittsalter der Zuschauer von über 60 auf 48 verjüngt. Auch in Genf ist das Publikum jung. Die Neugierde scheint gross. Der Intendant will darauf mit dem Mitteln der Oper antworten. «Ich werde keine Oper über Bergbauern machen. Aber wir adaptieren Xavier Kollers ‹Reise der Hoffnung› für die Oper. Das ist eine sehr schweizerische Geschichte.»

Einst konnte Oper durchaus reale Zustände umkrempeln. Nach Rossinis «Wilhelm Tell» 1829 stürzte das Publikum auf die Strasse und rief nach Waffen. Genauso zwei Jahre später bei Aubers «La muette de Portici» in Brüssel. Und wenn man heute nicht immer, aber immer öfter die Oper zwar ohne Waffen, aber mit neuen Gedanken zur aktuellen Gegenwart verlässt, ist das ein Wiederanfang. Und erst noch kein schlechter.

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Autorin

Anna Kardos

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