«The Dead Don’t Die»

Iggytt! Kultregisseur Jim Jarmusch versucht sich erstmals in seiner Karriere an einem Zombiefilm

Selbst als Zombie unverkennbar: Rocksänger Iggy Pop im neuen Kinofilm «The Dead Don’t Die».

Selbst als Zombie unverkennbar: Rocksänger Iggy Pop im neuen Kinofilm «The Dead Don’t Die».

Seit 50 Jahren sind Zombies in Film und Fernsehen allgegenwärtig und spiegeln die Ängste ihrer Zeit. Mit «The Dead Don’t Die» verneigt sich Kultregisseur Jim Jarmusch vor dem Vater der Zombie-Filme: George A. Romero.

Er knabbert noch ein bisschen an der Kellnerin, iggytt! Doch eigentlich hat es Iggy Pop, gerade dem Grab entstiegen, auf eine alltäglichere Kost abgesehen: «Coffee», sagt der Rocksänger, der im neuen Kinofilm «The Dead Don’t Die» einen Zombie spielt, mit monotoner Stimme – und nimmt einen Schluck aus dem Krug hinter dem Tresen. «Sie werden von jenen Dingen angezogen, an denen sie schon zu Lebzeiten hingen», analysiert am nächsten Tag der von Adam Driver gespielte Kleinstadtpolizist. Und tatsächlich: Während die Untoten in der Nacht ihr blutiges Unwesen treiben, krächzen sie Worte wie «Chardonnay», «Akku» oder «Wifi».

Willkommen in der absurd-komischen Welt von Kultregisseur Jim Jarmusch. Der 66-jährige US-Amerikaner, Regisseur preisgekrönter Autorenfilme wie «Stranger than Paradise» (1984) und «Broken Flowers» (2005), versucht sich zum ersten Mal in seiner bald 40-jährigen Karriere am Zombie-Genre. Und trotzdem ist «The Dead Don’t Die» unverkennbar Jarmusch: Da ist der staubtrockene Humor, die beinahe zum Stillstand entschleunigten Szenen, und das prominente Schauspielerensemble, angeführt von JarmuschGetreuen wie Driver, Bill Murray und Tilda Swinton.

Das Zombie-Abc

Mit «The Dead Don’t Die» verneigt sich Jarmusch vor dem Vater der Zombie-Filme: George A. Romero. Ursprünglich waren Zombies Tote, die in karibischen Erzählungen von Voodoo-Priestern zum Leben erweckt und versklavt wurden. Romero holte sie 1968 mit seinem bahnbrechenden Low-Budget-Horrorfilm «Night of the Living Dead» in die aufgeklärte Welt.

Und stellte für die Untoten ein Regelwerk auf, an dem sich alle Filme dieser Art orientieren: Zombies haben einen unstillbaren Hunger nach Menschenfleisch, sie zombifizieren Menschen mit nur einem Biss , und es gibt nur eine Art, Zombies aufzuhalten: Man muss sie köpfen. Regeln, an die sich auch Jarmusch hält.

Entscheidender war aber, dass Romero seine untoten Antihelden als Metapher begriff für alles, was er an der modernen Welt auszusetzen hatte. «Im Drehbuch steckt meine grosse Wut darüber, dass die Sechziger nicht funktioniert haben», erzählt Romero in einer Dokumentation über seinen Klassiker.

Im schwarzen Filmhelden Ben, der in «Night of the Living Dead» von hirnlosen Wesen gejagt wird, spiegelte Romero die Bürgerrechtsbewegung, in den blutrünstigen Filmszenen die Schrecken des Vietnamkriegs. Mit seinem 1978 veröffentlichten Sequel ging Romero einen Schritt weiter. In «Dawn of the Dead» verortete er die Zombies in einem grossen Shoppingzentrum.

Der offizielle Filmtrailer zu «The Dead Don't Die».

Die Kritik an der Konsumwut der Massen und an der gesellschaftlichen Gleichförmigkeit wurde damals zum Eckpfeiler des Zombiegenres, seither sind die Untoten in Film und Fernsehen allgegenwärtig.

Nach der Jahrtausendwende spielten andere Ängste und Sorgen hinein. In Danny Boyles «28 Days Later» (2002) etwa ist es ein hochansteckender Virus, der einen Grossteil der globalen Bevölkerung in Zombies verwandelt. Der Film war eine Endzeitfantasie, die vor dem Einsatz von Biowaffen in der Post-9/11-Welt warnte.

Auch die populäre TV-Serie «The Walking Dead» (seit 2010) und der Kino-Kassenschlager «World War Z» (2013) greifen Zombie-Dystopien auf. Sie zeigen eine Welt, in der alle gesellschaftlichen Strukturen auseinandergebrochen sind und die Überreste der Menschheit ums Überleben kämpft.

«Wir leben in unsicheren Zeiten», erklärte «World War Z»-Autor Max Brooks in einem Interview mit der BBC. «Genau wie in den 70ern suchen wir wieder nach sicheren Zonen, in denen wir unsere Ängste verarbeiten können.» Zombiegeschichten würden sich dazu hervorragend eignen. «Sie zeigen uns, wie das Ende der Welt aussehen könnte – doch weil sie fiktional sind, können wir nachts trotzdem noch schlafen.»

Der Klimawandel ist Schuld

Die Eiszombies in der kürzlich zu Ende gegangenen TV-Serie «Game of Thrones» werden als Metapher für den Klimawandel interpretiert (die wahre Gefahr, die lauert, während sich die ganze Welt über unwichtige Dinge streitet). Die These ist beliebt, geht allerdings nicht von Autor George R. R. Martin aus (der erste Band seiner Romanvorlagen erschien bereits 1991), sondern wurde von den Fans der TV-Serie in den Stoff hineingelesen.

«Jede Story über Zombies sagt etwas aus über uns als Gesellschaft»: Jim Jarmusch, Filmregisseur.

«Jede Story über Zombies sagt etwas aus über uns als Gesellschaft»: Jim Jarmusch, Filmregisseur.

Jim Jarmusch dagegen inszeniert den Klimawandel und das menschliche Hineinpfuschen in die Natur als Ursache seiner Zombie-Apokalypse. In «The Dead Don’t Die» bohren gierige Firmen an den Polkappen, was die Erde aus ihrer Rotationsachse wirft. Das Klima kippt, die Sonne scheint auch mal nachts, und die Tierwelt sucht das Weite. Während regierungsnahe Nachrichtensprecher den Zusammenhang leugnen, steigen Untote aus ihren Gräbern.

«Jede Story über Zombies ist eine Metapher, die etwas über uns als Gesellschaft aussagt», so Jim Jarmusch. «Darüber, dass wir langsam zu seelenlosen Wesen werden.» Die Botschaft scheint Jarmusch wichtig zu sein. Damit sie der Zuschauer kapiert, lässt er Tom Waits Sätze in die Kamera sagen wie: «Eigentlich sind wir alle Zombies, die nur konsumieren wollen.» Unnötig. Trotzdem hat «The Dead Don’t Die» etwas Versöhnliches. Wenn der Weltuntergang schon bevorsteht, so der Film, nehmen wirs doch am besten mit Humor. Oder einem Schluck Kaffee.

The Dead Don’t Die (USA 2019), ab 13. 6. im Kino.

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