Musik: Künzli empfiehlt

Ibrahim Maalouf zwischen Orient und Okzident

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Oum Kalthoum, die vor 40 Jahren verstorbene grosse ägyptische Sängerin, hat für den arabischen Gesang den Status von Maria Callas für die Opernwelt oder die Beatles für die Popmusik. Und noch heute wird die Diva kultisch verehrt.

Jetzt ist der Name «Kalthoum» plötzlich wieder in den Hitparaden aufgetaucht. Und zwar nicht in den ägyptischen Charts, sondern in jenen von Frankreich, Belgien, Holland und der Schweiz. «Kalthoum» heisst das Album von Ibrahim Maalouf, einem 35-jährigen libanesisch-französischen Trompeter. Unbedingt merken! Fantastisch!

Ibrahim Maalouf ist 1980 in Beirut in einer Künstler- und Intellektuellenfamilie geboren. Die Stimme von Oum Kalthoum war bei den Maaloufs allgegenwärtig. Auch noch nachdem die Familie vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Frankreich flüchtete. Der Name Kalthoum ist bei Ibrahim Maalouf auch symbolisch und steht für alle Frauen, die den Verlauf der Geschichte verändert haben. Für Frauen, deren künstlerischer Einfluss noch heute Auswirkungen auf unser Leben hat.

Für Ibrahim Maalouf prägend war aber auch sein Vater Nassim. Ebenfalls Trompeter und ein Schüler von Trompetenübervater Maurice André. Nassim Maalouf hat vor Jahren eine Viertelton-Trompete entwickelt, um die in der klassischen arabischen Musik gebräuchlichen Vierteltonreihen spielen zu können.

Sohn Ibrahim ist nach einem kurzen Abstecher in die Mathematik in die Fussstapfen seines Vaters getreten und spielt ebenfalls die Vierteltontrompete. Doch der klassisch ausgebildete Ibrahim Maalouf hat das Genre gewechselt und improvisiert auf seinem Horn, wie schon in den 60er-Jahren der amerikanische Jazztrompeter Don Ellis.

Maalouf improvisiert auch auf «Kalthoum». Ausgangspunkt für das Album ist «Alf Leila Wa Leila» («Tausendundeine Nacht»), eine im Original von 1969 rund einstündige Suite mit Strophe, Refrain und Teilen, die grosszügig für Improvisation reserviert waren. Maalouf hat das Werk nun in einen relativ konventionellen Jazzkontext überführt. Vom Original sind die schwelgerischen Themen sowie in der Improvisation die melodischen, orientalischen Verzierungen geblieben. Wie sich hier orientalische und westliche Kulturen im Jazzquintett mit Pianist Frank Woeste, Kontrabassist Larry Grenadier, Schlagzeuger Clarence Penn und Tenorsaxofonist Mark Turner vermischen und miteinander verschränken ist himmlisch, hymnisch, grandios.

Ibrahim Maalouf kennt stilistisch keine Berührungsängste. Er schrieb Soundtracks für diverse französische Filme, hat sich aber auch einen Namen bei Popprojekten von Sting, Vanessa Paradis, bei afrikanischen Musikern wie Amadou & Mariam und Salif Keita gemacht, weshalb er in Frankreich einen Starstatus geniesst. In der Schweiz, vor allem in der Deutschschweiz, ist er aber noch weitgehend unbekannt. Es ist zu hoffen, dass sich das jetzt ändert.

Wer es noch eine Prise eingängiger mag, dem sei das Album «Red & Black Light» mit seinem französischen Quartett empfohlen. Es ist die pop-rockige Zugabe zu «Kalthoum» (erscheint diesen Freitag). Der Mann will es wissen.

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