Schweizer Filmpreis
Grosse Ehre für Lilo Pulver: Sie lachte ihre Männer unter den roten Teppich

Nie war das Schweizer Nachkriegskino frühfeministischer und unschweizerischer als in der Person der Schauspielerin Lilo Pulver. Jetzt wird die 91-jährige Bernerin für ihr Lebenswerk mit dem Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises 2021 ausgezeichnet.

Daniele Muscionico
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Liselotte Pulver 2018 in Berlin bei der Bambi-Verleihung.

Liselotte Pulver 2018 in Berlin bei der Bambi-Verleihung.

Jens Kalaene / DPA-Zentralbild

Sie lachte, und wie! Lilo Pulvers Lachen war ein Ereignis. Laut war es, verwegen, raumgreifend - und damit unheimlich unweiblich. Denn diese reizende, den Schönheitsidealen der Zeit entsprechende Person kicherte nicht leise hinter vorgehaltener Hand, wie es für ihre Geschlechtsgenossinnen vorgesehen war: Liselotte, kurz Lilo genannt, zeigte gerne ihre Zähne und wieherte dann los wie ein Pferd.

Lilo Pulver ist heute 91 Jahre alt und wird für ihren Beitrag zur internationalen Filmgeschichte mit dem Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises 2021 geehrt. Ein richtiger Entscheid, wenn auch ein irritierender, weil unerklärlich später. Auf jeden Fall ist er die Gelegenheit, sich die Leistung dieser Pionierin für ein anderes weibliches Frauenbild im Nachkriegskino bewusst zu machen.

Wer heute ihre Filme sieht, bekommt das Gefühl: Wäre sie ein Mann, sie hätte damals nicht gelacht, sie hätte - geschossen! Als Berner Meitschi 1929 geboren, Absolventin einer Töchterhandelsschule, waren ihr ja wohl wenig andere legale Waffen erlaubt gewesen, zumal in einer von Männern dominierten Arbeitswelt. Ihr Lachen wurde Lilo Pulvers Markenzeichen. Und nicht selten brachte sie damit ihre Filmpartner tatsächlich zum Schweigen.

Eine späte Ehrung für eine frühe Leistung

Ambitionierte Schweizer Regisseure wurden Ende der 1940er Jahre auf sie aufmerksam. Und bald sprach sich die Pulver auch in der Filmbranche in Deutschland herum und später sogar in Hollywood. Man bekam mit ihr ja doch einiges für sein Geld. Die junge Frau beherrschte ihr Handwerk, sie hatte ihre Anfängerinnenjahre am Schauspielhaus Zürich verbracht.

Lilo Pulver in "Ich denke oft an Piroschka" 1955.

Lilo Pulver in "Ich denke oft an Piroschka" 1955.

Ullstein Bild Dtl. / ullstein bild

Die Künstlerin aber ist auch ein Missverständnis. Nichts anderes nämlich passt zu ihr schlechter als die Schweizer Neigung, nur unauffällige Dinge angenehme Dinge zu finden. Die Pulver hat zwar immer wieder das süsse Mädchen gespielt, doch sie muss es als Berufsfrau faustdick hinter den Ohren gehabt haben. Anders ist die Interpretation vieler ihrer Rollen nicht zu erklären.

Ihr Einfluss blieb freilich im Rahmen des Möglichen beschränkt. Doch die Art und Weise, wie sie auf Rollenstereotype und das berüchtigte «Typecasting» reagierte, ist aus der Rückschau noch immer beachtlich. Lilo Pulver bediente sich der selbstbewussten Mittel einer Frau von damals, Humor, Selbstironie – und einer tüchtigen Portion Ehrgeiz.

Lilo Pulver in "Ueli, de Pächter" 1955.

Lilo Pulver in "Ueli, de Pächter" 1955.

United Archives / Hulton Archive

Die Künstlerin, die in der Schweiz vor allem in Erinnerung als Magd «Vreneli» ist in Franz Schnyders Gotthelf Verfilmungen «Ueli der Knecht» (1954) und «Ueli der Pächter» (1955), konnte ganz anders, hatte man sie erst einmal – aus der damals bäuerlich geprägten Schweiz - losgelassen. Ihre Heimat nämlich legte sie fest als süsses Gotthelf-Gesicht, und in Deutschland war sie ab 1955 eingeführt als drollige Pusta-Schönheit und Titelfigur in der Liebeskomödie «Ich denke oft an Piroschka». Eng war diese Filmwelt. Doch es gab ja eine andere Welt, eine neue, Amerika.

Lilo Pulver gegen Sophia Loren und Elizabeth Taylor

Sie unternahm verschiedene Versuche, in Hollywood zu reüssieren, doch wiederholt hatten ihre Konkurrentinnen Sophia Loren und Elizabeth Taylor die besseren Karten – oder einflussreichere Förderer. In zwei besonderen Fällen gelang Lilo Pulver ein künstlerischer Achtungserfolg tatsächlich. Die die kommerziellen Erfolge blieben in Amerika allerdings aus.

Sie war bei Universal Films unter Vertrag und spielte bereits 1958 die Hauptrolle im Antikriegsfilm «Zeit zu leben und zu sterben» von Douglas Sirk nach dem gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque. Nur drei Jahre später wurde sie vom grossen Regisseur Billy Wilder für ihre vielleicht aussagekräftigste Rolle gecastet.

In Wilders Satire auf den kalten Krieg «Eins, zwei, drei» (1961) verkörperte sie die deutsche Sekretärin «Fräulein Ingeborg» eines amerikanischen Coca-Cola-Tycoons in Berlin. Dieser Rolle ordnete sie alles, auch ihr Privatleben, unter. Mehrfach verschob sie für die Dreharbeiten sogar ihre Hochzeit. Lilo Pulver mobilisierte für «Ingeborg» ihr ganzes Talent, ihren Ehrgeiz und auch ihre Erfahrung, dass eine Frau jeden Mann wie einen Schuljungen um den Finger wickeln könne. Bis in die Aussprache des Umlauts von «Fräulein» wies sie in ihrer Rolle ihren Boss zurecht und machte den Schauspieler James Cagney (offenbar) zur Schnecke.

Als manipulatives Biest imitierte sie den Hüftschwung von Marilyn Monroe und tanzte im engen weissen Kleid mit grossen schwarzen Punkten für sowjetische Delegierte auf dem Tisch, in der Hand feurige Spiesse, die Füsse nackt – bis die Männer sozusagen auch noch den letzten Rest an Verstand verloren. Das starke Geschlecht als Marionette einer klugen Frau, die Pulver münzte eine unwürdige Situation in eine würdige um.

«Ich habe aus jeder meiner Rollen ein Meisterwerk machen wollen,» schreibt sie in ihrer Autobiografie, «Was vergeht, ist nicht verloren». Erschienen ist sie zum Anlass ihres 90. Geburtstags. Nun ist der Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises die Krönung des Meisterwerks Pulver.