Interview

Grand-Prix-Musik-Gewinnerin Erika Stucky: «Ich finde mich gar nicht unschweizerisch»

Die Künstlerin Erika Stucky sieht sich auch als Entertainerin.

Die Künstlerin Erika Stucky sieht sich auch als Entertainerin.

Die Amerika-Schweizerin Erika Stucky ist eine einzigartige Künstlerin. Sie hat den Grand Prix Schweiz gewonnen.

Sie gilt als Enfant terrible, verrücktes Huhn und als künstlerische Wundertüte. Und ist vielleicht gerade deswegen eine wunderbare Botschafterin der Schweiz. Sie erfindet sich immer wieder neu und will auch im Telefon-Interview partout nicht aufhören, uns zu überraschen

Hallo, ist dort Erika Stucky?

Erika Stucky: Ja, ich bin es. Sie sind aber pünktlich. Das ist schön. Ich selber bin ja auch immer überpünktlich.

Dann sind Sie ja gar nicht so unschweizerisch, wie man immer von Ihnen sagt.

Ich finde mich gar nicht unschweizerisch. Aber es ist schon so: Für die Amerikaner bin ich die «crazy swiss singer». Für die Schweizer die exaltierte Amerikanerin. Mir gefällt das. So habe ich immer einen Joker.

Und jetzt haben Sie noch den Jackpot geknackt. Sie sind ein Glückskind. Gratuliere!

Danke vielmals. 100 Thousand Swiss Flaps, das ist der Wahnsinn!

Was machen Sie damit?

Ich möchte mein Projekt «Stucky sings the Blues» auf einem Album festhalten. Ich habe schon den Elektro-Bassisten Steve Swallow gefragt und er ist dabei. Jetzt kann ich meinen Musikerfreunden bezahlen, was sie wirklich verdienen.

Jetzt können Sie endlich Ihre Träume verwirklichen!

Das konnte ich immer. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich auf etwas verzichten musste. Selbst der Countertenor Andreas Scholl hat auf meiner letzten CD mit mir gearbeitet. Und der hat ja sonst Gagen, die wir uns nicht vorstellen können.

Wie haben Sie die Corona-Zeit überstanden?

Ich bin jetzt seit 35 Jahren ununterbrochen unterwegs und habe rund 5000 Konzerte gegeben. Seit fünf Jahren sag ich meiner Agentur, dass ich eine Pause brauche. Es hat nie geklappt. Insofern war der Lockdown wie eine Erlösung. Plötzlich war Ruhe.

Dann konnten Sie den Lockdown so richtig geniessen?

Fast nur. Ich hatte nie das Verlangen, die Koffer zu packen, um wieder mal Easy Jet zu fliegen. Und ich bin überrascht, es fehlt mir bisher gar nicht so stark.

Dann sind Sie aber schon eine Privilegierte.

Ja, ich bin ja auch nicht mehr 25. Damals lebten wir schon von der Hand in den Mund, von Konzert zu Konzert. Dazu mit einem kleinen Kind. Ich hatte kein Polster. Aber nach all den Jahren habe ich schon eine gewisse Reserve. Und als ich dann noch vom Grand Prix Musik erfuhr, hat es mir die Angst ganz genommen. Ich sagte: Das ist jetzt grad mein Corona-Geld.

Umso grösser war der Kulturschock im Wallis.

Es war eigentlich kein Schock. Aber meine extrovertierte, überschwängliche, schamlos direkte Art ist auf dem Pausenhof in Mörel nicht besonders gut angekommen. Welches Wallisermeitli schreit schon «Ali Bumaye»? («Ali, töte ihn!») beim Völkerball.

Sind Sie heute noch viel in den Staaten?

Mein Bruder, mein Onkel vaterseits und meine amerikanische Verwandtschaft leben dort. Ich besuche sie immer wieder. Im letzten November habe ich auch Konzerte gegeben.

Können Sie sich vorstellen, einmal wieder in den USA zu leben?

Momentan überhaupt nicht. Mein Bruder tut mit leid, der sich tagtäglich mit dem Blonden konfrontiert sieht. Aber ich habe schon sehr starke heimatliche Gefühle, wenn ich jeweils in San Francisco unterwegs bin. Dasselbe Gefühl habe ich jedoch auch im Wallis auf dem Gletscher.

Die doppelte Identität hat in Ihrer Musik immer eine wichtige Rolle gespielt.

Das sind die zwei Seelen in meiner Brust, die sich in meiner Musik widerspiegeln. Kulinarisch gesprochen: Zwei Zutaten, bei der sich beim Erhitzen ein neuer Geschmack herausbildet. Es ist kein Cowboy-Jodel, aber sicher auch kein Zäuerli. Vielleicht ist es das, was den Leuten an meiner Musik gefällt. Der Swiss-american Stucky Jodel-Blues.

Der Blues symbolisiert ihre amerikanische, der Jodel die Schweizer Seele. Als Sie die beiden Seiten zu kombinieren begannen. Wussten Sie, dass es in Amerika den «Blues Yodel» gibt, der vor allem in den 30er-Jahren sehr populär war?

Doch, das war in den 1960er-Jahren in Kalifornien schon präsent und hat mich geprägt. Genauso wie Frank Sinatra und Janis Joplin. Ich konnte es nicht benennen, als Kind habe ich das aber alles aufgesogen.

Wie stehen Sie eigentlich zur Schweizer Volksmusik?

Meine erste Erinnerung an Schweizer Volksmusik ist der Cowboy Jodler Fred Burri. Er sprach mit amerikanischem Akzent und jodelte im Disneyland für das Matterhorn. Wir hatten Platten von ihm, die ich auswändig lernte. Es kamen die Alder Buebe, aber auch Vico Torriani. Daneben immer auch typisch Amerikanisches. Zum Geburtstag meines Vaters sang ich Dean Martin. Als ich mit 17 nach Südamerika reiste, habe ich auf den Strassen in der Walliser-Tracht und mit Gitarre Bob Dylan gesungen. Das war für mich alles ganz selbstverständlich und hat zu mir gehört. Ich hatte keine Hemmungen, in der Walliser-Tracht einen Blues zu singen.

Dann haben Sie Schweizer Volksmusik nie ironisiert?

Ich habe nie über Schweizer Volksmusik geschnödet. Der Gesang der Schönbächler Sisters treibt mir Tränen in die Augen. So eindrücklich finde ich das.

Und die archaischen Schweizer Jodel wie der Jutz. Haben Sie den erst später kennen gelernt?

Ja, schon. Aber das freie, anarchische Rausschreien im Gesang geht bei mir auf den Punk zurück. Im Züri der 80er hörte man The Clash.

Sie haben ja auch Schauspiel studiert. Wie wichtig ist der theatralische Aspekt in Ihren Auftritten?

Schlüsselerlebnisse waren die Auftritte des Rat Pat mit Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Dean Martin. Mir wurde bewusst, dass Musiker auch eine Entertainer-Funktion haben. Im Wallis, bei den Auftritten mit dem Trachtenvereinen gab man mir aber zu verstehen, dass man das hier nicht macht. Ich habe das nicht verstanden. Für mich gehörte die Unterhaltung immer dazu. In Paris, wo ich neben Jazz auch Schauspiel studierte, wurde ich in meiner Ansicht bestärkt. Bei mir spielt deshalb das Visuelle eine wichtige Rolle, genauso wie die Präsentation und die Ansage. Wer sich als Solist versteckt, so wie das viele Jazzmusiker machen, vergibt etwas. Ich weiss noch wie “beleidigt” ich war, als Miles Davis den ganzen Abend dem Publikum den Rücken zeigte.

Sie sehen sich also auch als Entertainerin?

Ja, ich betrachte das als meinen Job. Meinem Publikum will ich etwas bieten. Schliesslich hat es für mein Konzert Eintritt bezahlt. Es muss aber authentisch sein und nicht aufgesetzt. Viele Schweizer Musiker haben Angst, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie auf Unterhaltung setzen. Ich spreche jetzt nicht von Klamauk oder Comedy. Schlussendlich ist es eine Frage der Ehrlichkeit. Berührt mich, was ich zu erzählen habe? Geht mir etwas ans Herz.

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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