Filmfestival Locarno
Gleich zwei Schweizer Filme knöpfen sich das Thema Selbstjustiz vor

Selbstjustiz scheint das Thema der Stunde des Schweizer Films zu sein: «Moka» prominent auf der Piazza Grande, «Un Juif pour l’exemple» irgendwo im Abseits – umgekehrt wäre sinnvoller gewesen.

Lory Roebuck, Locarno
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Der Film «Moka» zeigt Emmanuelle Devos in der Rolle der Lausannerin Diane, die nach dem Mörder ihres Sohnes sucht. Frenetic Films

Der Film «Moka» zeigt Emmanuelle Devos in der Rolle der Lausannerin Diane, die nach dem Mörder ihres Sohnes sucht. Frenetic Films

Frenetic Films

Die grosse Eröffnung des Festivals ist durch, das erste Schaulaufen von Hollywoodstars wie Bill Pullman und Gemma Arterton vorüber. Der zweite Tag steht ganz im Zeichen der Schweizer. Zum einen: Frédéric Mermoud. Der Genfer Filmemacher kehrt sieben Jahre nach seinem Spielfilmdebüt «Complices» (ausgezeichnet mit dem Schweizer Filmpreis für sein Drehbuch) nach Locarno zurück – und wie: Sein neuer Film «Moka» feierte gestern Abend seine Weltpremiere auf der Piazza Grande vor mehreren tausend Zuschauern.

Eine unglückliche Wahl von Programmdirektor Carlo Chatrian? Als «Moka» am Abend zuvor der Presse gezeigt wird, wird links und rechts permanent gegähnt. Die lange und ermüdende Anreise ins Tessin mag einen Teil dazu beigetragen haben, der langsame Einstieg in den Film aber auch. Es dauert fast fünfzehn Minuten, bis hier nur mal das erste Wort gesprochen wird. Doch ganz so langweilig, wie es zunächst den Anschein erweckt, ist «Moka» dann schon nicht.

Mermouds Film handelt von einer Lausannerin namens Diane (gespielt von Emmanuelle Devos, die bereits in «Complices» vor der Kamera stand), die nach dem Mörder ihres Sohnes sucht. Genauer: nach dem Fahrer des mokafarbenen Wagens, der den Teenager überfahren und sich dann einfach aus dem Staub gemacht hat. Weil die Polizei nur langsam vorankommt, beginnt die Mutter auf eigene Faust zu ermitteln.

Wut in den Augen

Der Clou: Was wie ein spannender Krimi klingt, entpuppt sich als sperriges psychologisches Drama. Es ist ein Drama, das sich lange nur an einem einzigen Ort abspielt: in Dianes Gesicht. Die verzweifelte Mutter zeigt äusserlich kaum eine Emotion, verharrt regungslos wie ein Fels. Aber in ihren Augen, in ihren strahlend blauen Augen, da sehen wirs: das unbändige Meer an Wut, das in Diane tobt. Und nur einmal, im Halbschlaf, bricht es aus ihr aus, fliessen doch noch Tränen.

Mit verzweifelter Präzision klammert sich Diane an allem fest, was ihren Sohn für den Bruchteil einer Sekunde wieder lebendig macht: seine Combox-Nachrichten, seine Handyvideos, seine heimliche Freundin. Aber auch an jenen Personen, die vermeintlich an seinem Tod Schuld tragen: ein kriselndes Ehepaar auf der anderen Seite des Genfersees. Unter einem Vorwand mischt sich Diane in dessen Leben ein – und steigert sich dabei in einen gefährlichen Wahn hinein.

«Moka» fragt: Wie gehen wir mit der Wahrheit um, wenn wir sie gefunden haben? Die Wahrheit des Films lautet: Die Story wird mit einem naiven Techtelmechtel zwischen Diane und einem Dealer unnötig verlängert, der dramatische Showdown kommt viel zu spät. Ob die Zuschauer auf der Piazza da bis zum Schluss mitmachen?

Bruno Ganz als Jude

Ganz anders der andere Schweizer Film, der in der Anfangsphase des Festivals läuft, von Carlo Chatrian aber aus unerklärlichen Gründen in irgendwelchen Alibi-Vorstellungen am Nachmittag am grossen Publikum vorbeigeschmuggelt wurde. «Un Juif pour l’exemple» heisst er, und er zeigt Bruno Ganz in der Rolle des wohlhabenden Berner Juden Arthur Bloch, der 1942 in Payerne VD von einem Mob gelyncht wird.

Harter Stoff natürlich, nicht ohne Brisanz, aber Stoff, der keinen kalt lässt. Der schweizerisch-britische Doppelbürger Jacob Berger hat dabei den Roman des 2009 verstorbenen Jacques Chessex verfilmt, der die schreckliche Tat vor über 70 Jahren mit eigenen Augen bezeugt hat und dann in einem literarischen Zeitdokument festhielt. Und dieses hat heute, wo fremdenfeindliche Übergriffe wieder zunehmen, leider nichts von seiner Aktualität eingebüsst.

Im Film sehen wir den jungen Chessex, der mit seiner Familie beim liebenswürdigen Patriarch Bloch diniert, als draussen plötzlich Schüsse fallen. Es ist der Auftakt zu einer regelrechten Hetzjagd, Bloch und andere Juden werden auf offener Strasse eingeschüchtert und schikaniert. Dahinter steckt ein Trupp junger Männer, der sich nachts im Wald an Hitlers Reden aufgeilt und in der Dorfkneipe auf ein «neues Europa» anstösst.

Heute wie damals

Zugegeben: Die Schweizer Möchtegern-Nazis im Film wirken platt, allen voran ihr Anführer mit dem Oberlippenbart, der in seiner Freizeit gerne seine Geliebte auspeitscht. Vielschichtiger und weitaus einfallsreicher ist dafür Regisseur Bergers Bildsprache: In seine historischen Kulissen holt er immer wieder moderne Requisiten hinein, Gegenstände wie Uniformen, Fahrzeuge oder gar Gebäude von heute. Das mag verwirren, hat aber einen Sinn: Berger durchbricht damit die vermeintlich schützende historische Distanz zu jenen düsteren Tagen. Ein genialer Kniff.

Auch den alten Chessex sehen wir in diesen Szenen, als wäre er aus der Zukunft zurückgereist, um zu beobachten, niederzuschreiben – seine schützende Hand auszustrecken, wie ein Geist im Strom der Zeit. «Un Juif pour l’exemple» ist ein filmisches Mahnmal und eine Hommage an einen Mann, der seine Augen vor den Gräueln seiner Zeit nicht verschloss. Schade, dass ihn am Filmfestival von Locarno nur so wenige Augen zu sehen bekamen.

Moka (CH 2016), 89 Min.
Regie: Frédéric Mermoud. QQQQQ

Un Juif pour l’exemple (CH 2016),
72 Min. Regie: Jacob Berger. QQQQQ

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