Grosse Ehre
Genfer Grégoire Maret bei den Grammy Awards nominiert – wer ist der sympathische Musiker?

In der Deutschschweiz ist er kaum bekannt, obwohl er international Erfolg hat. Wir haben mit Mundharmonikastar Grégoire Maret über seine Siegeschancen gesprochen.

Stefan Künzli
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Der Genfer Musiker Grégoire Maret lebt seit über 20 Jahren in den USA.

Der Genfer Musiker Grégoire Maret lebt seit über 20 Jahren in den USA.

Getty Images

Wie klingt die Weite der amerikanischen Prärie? Wie die Einsamkeit des Mittleren Westens? Und wie die Hoffnung auf ein besseres Amerika?

Ausgerechnet ein Schweizer, der Genfer Mundharmonika-Spieler Grégoire Maret, hat sich auf seinem Album «Americana» dieser Frage angenommen und ist dafür in der Kategorie des «besten Instrumental­albums» mit einer Nomination für die 63. Ausgabe der Grammy Awards in Los Angeles belohnt worden. Mit dem französischen Pianisten Romain Colin und dem amerikanischen Star-Gitarristen Bill Frisell hat er sich auf die Spur der amerikanischen Musiktraditionen begeben und Country, Gospel, Blue Grass, Folk, Blues und Jazz zu einer imaginären Folklore vermengt.

Es ist eine ausgesprochen schöne, gelassene und ruhige Musik, die zum Träumen und Sinnieren einlädt. «Ich hatte schon immer eine Schwäche für wunderschöne Melodien», sagt der 45-jährige Maret der «Schweiz am Wochenende». «Romain und ich wollten etwas Schönes kreieren. Etwas, das sich auf unsere Idee von Amerika bezieht, bevor das Land total verrückt wurde. Wir wollten jene Bedeutung von Freiheit und Hoffnung ausdrücken, die wir fühlten, als wir zum ersten Mal in New York City ankamen». Musik als Balsam.

Er hätte längst den Oscar für die beste Nebenrolle verdient

Grégoire Maret ist 1975 in Genf als Sohn eines Schweizers und einer Amerikanerin geboren, hat in Genf studiert, wechselte in die Jazz-Abteilung der New School in New York und blieb in den Staaten hängen. Dort hat er sich schnell einen exquisiten Ruf als Studiomusiker erarbeitet, und seit dem Tod des legendären belgischen Mundharmonika-Spielers Toots Thielemans vor vier Jahren ist Grégoire Maret die erste Adresse für das beliebte Instrument.

Wer immer nach der chromatischen Mundharmonika ruft, Maret ist zur Stelle. So spielte er mit der Crème de la Crème des Jazz wie Pat Metheny, Herbie Hancock, Cassandra Wilson, Marcus Miller, Meshell Ndegeocello oder Steve Coleman und trat 2010 mit Popstars wie Elton John und Sting am «Concert for the Rainforest» auf. Der «Spiegel» schreibt:

Wäre er ein Schauspieler, hätte Grégoire Maret längst den Oscar für die beste Nebenrolle bekommen.

Und nennt ihn einen «Stil-Giganten», der neben Jazz und Pop auch virtuos Bach und Chopin auf seinem Instrument spielt.

Seine virtuosen Fähigkeiten zeigt Grégoire Maret auf «Americana» aber eben nicht. Vielmehr spielt er ausserordentlich reduziert und schlicht, verzichtet auf Verzierungen, Firlefanz, und lässt stattdessen einfach die Kraft der Melodie wirken. Zwei Stücke stammen von Frisell, vier von Colin und Maret. Dazu kommt Mark Knopflers «Brothers In Arms» und der Countryklassiker «Wichita Lineman».

Grégoire Maret ist kein Grammy-Greenhorn. Vor zwei Jahren hat er als Gastsolist von Chuck Owen & The Jazz Surge an einem Grammy geschnuppert. Und als Mitglied der Pat Metheny Band war er 2006 sogar schon einmal an einem Grammy-Gewinn beteiligt, als «The Way Up» zum besten Jazz-Album des Jahres gewählt wurde. Doch in diesem Jahr hat er erstmals eine Nomination für seine Arbeit als Bandleader geschafft. Maret sagt:

Das ist ein grosser Schritt, ein Meilenstein für mich und eine grosse Ehre. Die Academy und die Musikbranche drückt mir gegenüber aus, dass sie meine künstlerische Arbeit schätzt und anerkennt.
Grégoire Maret Schweizer Mundharmonikaspieler

Grégoire Maret Schweizer Mundharmonikaspieler

zvg

Die Grammy Awards gehören weltweit zu den bedeutendsten Musikpreisen, und gerade für Schweizer Musiker ist eine Nomination oder sogar ein Grammy-Gewinn sehr schwierig und selten.

Die Schweizer Grammy-Gewinner

Schweizer Musikerinnen und Musiker haben es bei den amerikanischen Grammy Awards schwer. Der Zürcher Harfenist Andreas Vollenweider (1987) war der Erste, der einen Grammy einheimste, es folgten der Produzent und Musik-Ethnologe Marcel Cellier (1990), Produzent Al Walser (2016) und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja (2018). Sie waren die einzigen Schweizer, die zu Grammy-Ehren kamen. Dazu kann man noch Grégoire Maret zählen, der 2006 am Grammy-Gewinn von Pat Metheny als Bandmitglied beteiligt war.

Grammy-Nominationen sind ebenso dünn gesät. 2017 waren es das Basler Barockorchester La Cetra mit der Sängerin Magdalena Kozena sowie die Schweizer Soundengineers Ben Mühlethaler und Jamie Lewis für ihre Arbeit mit Prince. An einer Nomination beteiligt war 2018 auch wieder Grégoire Maret. Er war damals Gastsolist im Orchester von Chuck Owen and The Jazz Surge. Jetzt ist er als Bandleader nominiert. Nichtamerikanische Musiker haben es im Herkunftsland des Jazz besonders schwer, sich gegen Amerikaner durchzusetzen. Insofern ist schon eine Nomination in einer Jazz-Kategorie aussergewöhnlich. Ein Sieg wäre eine Sensation. (sk)

Umso erstaunlicher ist, dass in der Schweiz bis jetzt kaum jemand von den Grammy-Ehren des Genfers Notiz genommen hat. In der französischen Schweiz kenne man ihn schon lange, und er gebe «jedes Jahr ziemlich viele Konzerte», jedenfalls viel mehr als in Deutschland und der Deutschschweiz. Dort ist der Exil-Schweizer tatsächlich immer noch weitgehend unbekannt.

«Ich hoffe, das wird sich bald ändern», sagt er, denn «Americana» ist auf dem bekannten deutschen Label «Act» von Siggi Loch erschienen. Er habe zwar mit den grössten Stars aus Pop und Jazz gespielt, sei aber halt noch nicht so lange als Bandleader unterwegs. Jetzt will er das ändern und die Hauptrolle spielen.

Grégoire Maret hält einen Sieg für möglich

Da käme ein Grammy-Sieg gelegen. Wie sieht er seine Chancen? Neben dem angesagten Trompeter Christian Scott, der hippen Grossformation Snarky Puppy und dem Entertainer Jon Batiste aus New Orleans schätzt er sich und «Americana» als «Underdog» ein. Trotzdem hält er einen Sieg für möglich. «Die Leute lieben dieses Album», sagt Maret. Der Song «Re: Stacks» ist auf Spotify schon weit über eine Million mal gestreamt worden.

In «schwierigen Zeiten» seien die Leute besonders empfänglich für eine «einfache, aber subtile Art Musik, die ins Herz trifft».

Grégoire Maret lebt zwar seit über zwanzig Jahren in den USA, er hat aber immer noch regen Kontakt zur Schweiz und zu Genf. «Meine Familie lebt immer noch in Genf, und ich mache dort immer Halt, wenn ich auf Europa-Tour bin. Ich sehe sie normalerweise ein- bis zweimal pro Jahr», sagt er.

Das war in diesem Jahr natürlich anders. «Alle unsere Konzerte sind gestrichen worden.» Umso mehr freut er sich auf das Ende der verrückten Zeiten, auf die Rückkehr der Livemusik und das Wiedersehen seiner Schweizer Familie:

Ich bin sicher, dass wir einige Konzerte in der Schweiz geben werden.

Grégoire Maret: Americana (act/musikvertrieb).
Die 63. Grammy-Verleihung findet am 31. Januar 2021 in Los Angeles statt.