Kolumne

Gebucht-Rubrik mit Bundeskanzler Walter Thurnherr: «Das ist der Grund, warum man liest»

Walter Thurnherr, 56, hat Theoretische Physik an der ETH in Zürich studiert, trat danach in den diplomatischen Dienst ein. Das CVP-Mitglied wurde 2016 zum Bundeskanzler gewählt. Bild: san

Walter Thurnherr, 56, hat Theoretische Physik an der ETH in Zürich studiert, trat danach in den diplomatischen Dienst ein. Das CVP-Mitglied wurde 2016 zum Bundeskanzler gewählt. Bild: san

Beim Lesen von Romanen stösst Bundeskanzler Walter Thurnherr auf Antworten, die er sonst nirgends findet.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Etwa zehn Bücher liegen neben und auf dem Nachttisch, die meisten sind Sachbücher. Zuoberst ist jedoch zurzeit: «Cowboys and Kings, Three Letters». Von Theodore Roosevelt.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrem Haus?

Viele! Ich habe sie noch nie gezählt.

Wie lesen Sie?

Ausschliesslich Print. Weil ich in die Bücher hineinschreibe und einzelne Passagen unterstreiche und weil ich sonst schon genug Bildschirme sehe.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert? Und warum?

Keines, oder besser gesagt: viele, aber eher bereichert als verändert.

Welches Buch empfehlen Sie unseren Lesern?

Aus aktuellem Anlass, weil es nun hundert Jahre her ist: Margaret Macmillan, «Peacemakers», ein Buch über die Friedenskonferenz von Paris 1919, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Es erzählt die sechs Monate, in denen so viele Fragen geklärt werden sollten, und von den verschiedenen Delegationen völlig verschieden beurteilt wurden. Das Buch ist unerhört anschaulich und detailliert geschrieben, und es macht deutlich, wie viel einfacher es war, in einen Krieg zu schlittern, als nachher einen stabilen Frieden zu schaffen.

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Durch Empfehlungen von Freunden, beim Stöbern durch Buchhandlungen oder über Hinweise auf Twitter. Ein Buch über Mikroben («I contain Multitudes») habe ich wegen eines TED-Video-Auftritts des Autors (Ed Young) gekauft (sehr lesenswert). Wenn ich ein gutes Buch fertig habe, lese ich oft alle andern vom selben Autor.

Welche Romanfigur bewundern Sie besonders?

Ich bewunderte natürlich d’Artagnan und die drei Musketiere. Später, mit zwanzig, war es Bruder William von Baskerville in «Der Name der Rose» von Umberto Eco. Gemessenen Schrittes durchquerte er das winterliche Norditalien mit seinem Gehilfen Adson, während alle andern zu frösteln schienen. Und er wusste auch alles, oder er hatte zumindest eine sehr weise Antwort parat. Ständig wartete ich darauf, dass er einmal wütend gegen eine Tür tritt und ausruft: «Verdammt, auch das noch!» Aber das tat er nicht. Er benahm sich wie ein vorbildlicher Ständerat.

Gibt es ein Jugendbuch, das Sie auch als Erwachsener nochmals gelesen haben? Mit welchem Ergebnis?

«Huckleberry Finn» von Mark Twain. Damals fand ich es vor allem ein packendes Abenteuerbuch. Später habe ich es als das gelesen, was es eigentlich war, eine kritische Auseinandersetzung mit der Sklaverei und mit den Moralvorstellungen seiner Zeit.

Lesen Sie historische Romane?

Ja, aber nicht viele. Wie in allen guten Romanen stösst man hier auf Antworten, die man so in Sachbüchern nicht findet. Dasselbe gilt auch umgekehrt. Abgesehen von guter Unterhaltung ist das ja der Grund, weshalb man liest.

Welches Buch haben Sie nie zu Ende gelesen? Warum?

«Wallenstein» von Golo Mann. Irgendwann habe ich den Überblick verloren über all die Pfalzgrafen und Fürsten, diese Ferdinands und Maximilians und Herren von Trauttmansdorff, Stralendorf, Meggau und Eggenberg, und wie sie alle hiessen. Sicher mein Fehler.

Welchen Roman haben Sie zu früh gelesen?

«Schuld und Sühne», die neuere, bessere Übersetzung heisst «Verbrechen und Strafe», von Fjodor Dostojewski. Mir wurde nach wenigen Seiten schwindlig. V. Nabokov fand das Buch schlecht, weil die Dirne und der Mörder zusammen die Bibel lasen. Ich aber habe bis zum Schluss nicht verstanden, weshalb Raskolnikow die alte Pfandleiherin und ihre Schwester erschlagen musste. Damals schien mir das wirklich konfus.

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