Gastkommentar
Das Verhältnis von Innovation zu Restauration ist in der klassischen Musik grotesk – jetzt braucht es einen Aufbruch

Die Spielqualität der Klassik hat sich zwar massiv verbessert, doch die Inhalte sind gleich geblieben. Es wäre darum wichtig, Zentren zu schaffen, wo neue Musik lebt und das Publikum mit den Schaffenden in regem Austausch stehen kann.

Matthias Müller<em>*</em>
Matthias Müller*
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Die neu sanierte Tonhalle

Die neu sanierte Tonhalle

Bild: Keystone

Die Musik ist in der Krise. Corona hat die Probleme noch deutlicher zum Vorschein gebracht. Das nahende Ende der Pandemie, bei der die Musikerinnen und Musiker nur feststellen konnten, wie die Gesellschaft sie für komplett irrelevant hält, könnte genutzt werden, um mit neuem Elan Besserungen hervorzurufen. Im weiten Musikfeld fokussiere ich im Folgenden auf die sogenannte Klassik.

Die Neueröffnung der strahlenden und weiterhin wohlklingenden Tonhalle erweckt den Anschein, alles sei in bester Ordnung. Es ist ein Anschein, denn das System ist sehr marod. Wenn es ein Grundgesetz gibt, dann dieses, dass alles, was sich nicht erneuert und verjüngt, dem Untergang geweiht ist. Die Programme der Schweizer Orchester gleichen sich wie ein Ei dem anderen und verändern sich seit Jahrzehnten nicht im Geringsten. Die Spielqualität wurde zwar massiv verbessert – in der Schweiz sind wir an der Weltspitze angekommen –, aber die Inhalte (inklusiv die der Opernhäuser) sind gleich geblieben.

Gefeiert wird die Klassik und Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts. Das heisst: Diese Institutionen sind schon lange reine Museen. Die Ausnahmen stellen nur das berühmte Mauerblümchen dar. Das Verhältnis von Innovation zu Restauration ist so grotesk, dass alle sich hüten, die Wahrheit auszusprechen. Man hört immer wieder, dass das Publikum das so will und dass mit Neuem die Konzertgänger abgeschreckt werden. Diese Argumentation sollte uns Komponistinnen aufhorchen lassen – jedes Produkt, das abschreckt und nicht begeistert, hat keine Überlebenschance.

Grundsätzlich gibt es drei Player im System: 1. Die Erschaffenden (insbesondere die Komponistinnen) 2. Die Vermittler (veranstaltende Institutionen) und 3. das Publikum. Ich bin selber Komponist und darf deshalb getrost die Aussage machen: Wir tragen die Hauptverantwortung für die neu geschaffene Musik und müssen die Antreiber sein der Erneuerung.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin gegen anbiedernden Populismus in der Kunst. Gute Kunst ist anspruchsvoll und fordernd, wie das bei Mahler und Strauss der Fall ist. Aber sie schreckt nicht ab. Ist es möglich, heute eine Musik zu komponieren, die unserer Zeit entspricht, komplexen Kunstkriterien gerecht wird und trotzdem genossen werden kann? Ja! Leider verharrt die von der Avantgarde bestimmte Kompositionskunst in ihrer Trotzecke und verharrt in der Avantgardefalle. Die Erneuerung kann nicht nur in glänzender und pädagogischer Verpackung liegen. Wir Komponisten sind gefordert, die Musik des 21. Jahrhunderts, die obengenannten Kriterien entspricht, zu erschaffen.

Player 2, die Vermittler, sind auch gefordert. Die schaffende Künstlerin ist ohne sie isoliert und wirkungslos. Das Publikum (Player 3) hat immer recht. Es kann weder erzogen, noch soll es beschimpft (Handke) werden. Das Publikum sind wird ja alle – das gilt es ernst zu nehmen.

Was wäre ein möglicher Ausweg: 1. Den Ursachen der Probleme der fehlenden Aktualität in die Augen schauen – 2. Gemeinsam analysieren und diskutieren – 3. Handeln und konkrete Ideen umsetzen. Wichtig wäre es, Zentren zu schaffen, wo aktuelle Musik lebt und das Publikum mit den Schaffenden in regem Austausch steht. Diese Zentren wären erste Laboratorien, wo die aktuelle Musik aus ihrem Keim spriessen könnte und bis in die heute allein musealen Tonhallen wachsen kann.

Corona hier, Desinteresse und Abneigung da: Resignation ist doch gerade jetzt nicht angesagt. Die Musik und wir verdienen einfach mehr.

Zur Person

Matthias Mueller* (1966)
Bild: zvg

Matthias Mueller* (1966)

Komponist und Klarinettist, Professor ZHdK. Seine erste Oper CHRONOS kommt im Mai in Zürich zur Uraufführung. Sein Ästhetikbuch DIE AVANTGARDEFALLE erscheint 2022. Matthias Mueller lebt im Tessin.

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