Frankreich
Viel Gedränge, kaum Masken, steigende Zahlen: Wird das Filmfestival Cannes abgebrochen?

In der französischen Küstenstadt drängen sich Badegäste und Filmfestivalbesucher. Setzt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dem Treiben heute ein Ende?

Daniel Fuchs, Cannes
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Sophie Marceau posiert in Cannes für ihren Film «Everything Went Fine».

Sophie Marceau posiert in Cannes für ihren Film «Everything Went Fine».

Keystone

Bis zur italienischen Grenze ist es nicht weit. Und Italiens Einfluss an der Côte d'Azur ist deutlich spürbar. In Cannes steht Tiramisù statt Crème brûlée in der Speisekarte und nach dem EM-Triumph der Italiener kam auch die französische Küstenstadt in der Nacht auf Montag nicht zur Ruhe.

Cannes am Vorabend: Die Stadt ist so etwas wie das Sinnbild des europäischen Pandemiesommers 2021. In den engen Gassen drängen sich Badegäste im Strandlook, Fussballfans und, festlicher gekleidet, die Besucher des Filmfestivals.

Business as usual in Cannes: Vor dem «Palais» mischen sich Badegäste mit Festivalbesuchern.

Business as usual in Cannes: Vor dem «Palais» mischen sich Badegäste mit Festivalbesuchern.

Bild: dfu

Präsident Macron tritt am Montagabend vor die Nation

Vor den Restaurants, Bars und Gelaterias sitzen die Gäste dicht an dicht. Masken? Sie fehlen selbst beim Personal meist komplett. Die Polizei? Sie markiert Präsenz. Wie auf jenem Markt in Südfrankreich vor ein paar Tagen, auf dem Maskenpflicht herrscht, sich jedoch kaum jemand daran hält und eine Polizistin auf Nachfrage einer Frau diese lautstark belehrt: «Ja, Madame, auf öffentlichen Märkten herrscht in ganz Frankreich allgemeine Maskenpflicht.»

Ihren Kopf dreht die Polizistin dabei in alle Himmelsrichtungen. Die Antwort klingt wie ein zum Anlass genommener Vortrag der Gesetzeshüterin an die Adresse sämtlicher Marktbesucher, die ohne Maske und sichtbar unberührt an ihr vorbeischlendern.

Viele Menschen, kaum Masken: Frankreich schnuppert am Duft der postpandemischen Freiheit, wie in diesem Gässchen in Cannes.

Viele Menschen, kaum Masken: Frankreich schnuppert am Duft der postpandemischen Freiheit, wie in diesem Gässchen in Cannes.

Bild: dfu

Frankreich riecht gerade am Duft einer Art postpandemischen Freiheit. Auch in unserem Nachbarland sind seit spätestens diesem Wochenende Sommerferien. Über das vergangene Wochenende standen die Ferienreisenden wieder in kilometerlangen Staus, die Züge an die Côte waren zum Teil ausgebucht. Am Mittwoch ist nationaler Feiertag. Gleichzeitig führt die Delta-Variante des Virus' natürlich auch hier zu steigenden Fallzahlen. Die Behörden sind alarmiert. Heute Montagabend um 20 Uhr verkündet Präsident Emmanuel Macron dem Land neue Massnahmen.

Laxe Kontrollen vor den Kinos

In Cannes blickt man in einer Mischung aus Sorge und Spannung nach Paris. Das prestigeträchtigste Filmfestival überhaupt verschob nach einem Jahr Zwangspause die diesjährige Ausgabe von Mai in den Juli. Und pokerte damit gut.

Das Festival rühmte sich mit seinem Schutzkonzept, das, auf dem Papier, bestechend klingt: Einlass erhält nur, wer ein Covid-Zertifikat vorweist, also zum Beispiel einen genügenden Impfschutz nachweisen kann oder alle 48 Stunden ein negatives Testresultat der vom Festival angebotenen Gratistests vorweist.

Und wie wird es umgesetzt? Die positive Nachricht zuerst: Selbst das Schweizer Covid-Zertifikat wird in der Zwischenzeit anerkannt. In den Kinosälen halten sich die Besucher an die generelle Maskenpflicht.

Überprüft wird der Schutzstatus jedoch nur beim Einlass in den zentralen Palais, dem Festspiel- und Kongresshaus von Cannes, wo neben den Weltpremieren mit den Stars auch andere Vorstellungen stattfinden. Die Kinos des Festivals verteilen sich jedoch über die ganze Stadt und darüber hinaus. Einlass kriegt man dort ganz ohne Coronazertifikat. Ein Ticket und der Blick des Securitas in die Taschen der Besucherinnen und Besucher muss reichen. Im Kinosaal dann die väterliche Erinnerung des Festivaldirektors Thierry Frémaux ab Band, die Maske auch im abgedunkelten Saal doch bitte nicht wegzuschieben.

Star des Festivals an Corona erkrankt

Kaum Masken in der Stadt, Covidzertifikatspflicht nur in manchen der Kinos – Cannes steht vielleicht auch exemplarisch für die Widersprüchlichkeiten, die uns die Pandemie auszuhalten lehrt. Weil die französische Schauspielerin Léa Seydoux nun positiv getestet wurde, steht ihr Auftritt in Cannes (wo sie in gleich vier Filmen vertreten ist) auf der Kippe. Festivaldirektor Frémaux sah sich am Wochenende genötigt, Gerüchte über einen Festivalabbruch vor einer der Vorstellungen entgegenzutreten.

Ob das hilft? In Cannes zeigt man sich leger. Niemand rechnet damit, dass neue Massnahmen das Festival ernsthaft gefährden könnten, ist doch vor allem die Rede von neuen Impfpflichten und neuen Reiseregeln. An der Croisette jedenfalls herrscht business as usual. Das Programm ist hochkarätig, die Gästeschar illuster und auch im Jahr 2021 fehlt der Gigant der Branche Netflix ganz am wichtigen Rendez-vous der Branche, weil er das Zulassungskriterium für seine Filme, einen Start in einem französischen Kino, nicht erfüllt.

Wie toxisch die Mischung internationale Filmbranchebesucher, Badegäste und EM-Final ist, wird sich wie alles in der Pandemie, erst verzögert zeigen, wenn die Gäste wieder dorthin zurückgereist sind, wo sie herkamen. Die Festivalleitung hofft, dass sich dann nicht ein Cannes-Corona-Cluster bemerkbar macht.

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