Kunst

Fotos mit Seltenheitswert: Spektakuläre Ausstellung im Kunstmuseum Basel

Badende auf Coney Island, um die Jahre 1950 bis 1960 herum.

Badende auf Coney Island, um die Jahre 1950 bis 1960 herum.

Das Basler Ehepaar Ruth und Peter Herzog gehört zu den bedeutendsten Fotosammlern weltweit. Teile ihrer atemberaubenden Sammlung sind nun im Neubau des Kunstmuseum Basel zu sehen. Manche Exponate wurde noch nie in einem Museum gezeigt.

Für passionierte Sammler ist nie ein Ende in Sicht. Aber es gibt Höhepunkte der Anerkennung. Ein solcher widerfährt ab Samstag dem Basler Ehepaar Ruth und Peter Herzog: Rund 400 Spitzenexponate ihrer Fotosammlung sind im Neubau des Kunstmuseums Basel zu sehen. Historische (Alltags-)Fotografie im höchsten Haus der hohen Künste? Ja, das geht.

Denn mit den Lichtbildern aus der Vergangenheit lassen sich ungezählte Bezüge herstellen. Zum Leben, zur grossen Historie, zu den kleinen Alltagsmomenten. Aber eben auch zur Kunst. Ob die Fotografen nun von künstlerischen Richtungen im 19. Jahrhundert inspiriert wurden oder selbst künstlerische Strömungen beeinflussten – es gibt schier unendlich viele Hin- und Herbezüge zu entdecken, Inspirationen, Nachahmungen, gewollte stilistische Nähe und ungewollte Abgrenzung. Die Fotografie war, ist und bleibt die Wunderkammer des Lebens. Und somit auch der kunstvollen Überhöhung.

Fotos mit Seltenheitswert

Aber treten wir ein, in diese wundervolle Welt der Lichtbilder. Es beginnt früh mit Daguerreotypien, dieser frühesten Form der Fotografie. Begüterte Kreise entdeckten in den 1840er-Jahren dieses Verfahren vor allem für Porträts – Porträts ihrer Kinder, Porträts ihrer Eltern, Porträts von Verstorbenen.

Schon so früh in seiner Geschichte deckte das Medium Fotografie den ganzen Lebenszyklus ab. Als Einzelbild, Reproduktion (noch) unmöglich. Spektakulär wird es, wenn der Daguerreotypist den geschlossenen Raum verlässt und das ganze, schwere und zerbrechliche Equipment nach draussen verlegt, zum Beispiel vor die Niagarafälle. Kostbar sind diese Bilder, kostbar geworden durch ihren Seltenheitswert.

Die Sammlung Herzog ist voll davon. Später verlagert sich der Luxus durch Verknappung von der Technik auf die Motive. Ein Bild des zerschossenen Stiefels von Giuseppe Garibaldi gehört sicher dazu, der Eiffelturm im Bau, eine damals berühmte Mörderin vor Gericht oder die Errichtung eines Denkmals in einer Kolonie: Historische Momente festgehalten zum Zweck der Dokumentation und, in vielen Fällen, der Propaganda. So viel zur Objektivität dieses Mediums.

Instagram, «avant la lettre»

Das Zeitalter des Bürgertums brachte auch eine Verbürgerlichung der Fotografie. Die «Carte de Visite» wurde zum Allgemeingut der Bourgeoisie verteilt und getauscht wie Panini-Bildchen vor einer Weltmeisterschaft. Diverse Alben belegen dies, voll mit Familienangehörigen oder einer bestimmten Gesellschaftsschicht, die in ihrer Vollständigkeit einerseits die Sammelwut ihrer Schöpfer dokumentieren wie auch die immer breitere Verfügbarkeit von Fotografien und Fotoapparaten gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Instagram, «avant la lettre». Der Mensch hat schon immer nach Abbildern gesucht und sich damit sein Weltbild gezimmert. Heute, im Zeitalter der totalen Reproduktionsmöglichkeiten, würde man von zersplitterten Wahrheiten sprechen. Aber, so kommt uns beim Gang durch die herzögliche Wunderkammer im Kunstmuseum in den Sinn, hat uns die Fotografie dies nicht schon vor der Existenz des World Wide Web beschert?

So disparat die Motive und die (augenscheinliche) Qualität der Fotografien sind, so klar ist doch die Handschrift des Sammlerpaars zu sehen: Bilder ohne doppelten Boden gibt es nicht. Oder anders gesagt: Ruth und Peter Herzog sind nicht an den grossen Namen der Fotogeschichte interessiert – Namen, die an Auktionen längst sechs- oder gar siebenstellige Summen generieren.

Es geht Ruth und Peter Herzog um die verschiedenen Reflexionsebenen, die ein Bild schaffen kann: Wirklich spannend wird es erst, wenn sich in einem Bild persönliche, soziale oder politische Abgründe auftun. Oder wenn ein Fotograf sich für andere Fotografen, zum Beispiel frühe Paparazzi interessiert und so den Gebrauch (oder Missbrauch) des eigenen Mediums ins Bild rückt.

So sind wir bei den vielen Ebenen dieser mengenmässig sehr ausführlichen, Intellekt wie Emotionalität fast überfordernden Bilderschau angelangt.

Auf dem Olymp der Anerkennung

Aber es gibt noch eine weitere, jene eben der Anerkennung der Sammlungstätigkeit selbst. Die Herzogs wähnen sich seit Jahrzehnten im Kampf für die Fotografie. Sie haben ihn in aller Härte ausgefochten, haben gerade in ihrer Heimatstadt immer den Respekt für ihre Passion vermisst. Nun sind sie  – und mit ihnen ihr Medium – auf dem Olymp angekommen.

Gezeigt werden Prunkstücke aus dem riesigen Konvolut von rund einer halben Million Fotografien, welches sie dem Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett vor fünf Jahren verkauft haben (Jacques ist Peters Bruder) und das nun auf dem Dreispitz-Areal fachgerecht betreut und digitalisiert wird. Dass die Sammlungstätigkeit mit dem Verkauf zu einem Ende gekommen sein würde, glaubte wohl niemand. Ruth und Peter Herzog, inzwischen an der Leimenstrasse domiziliert, sind längst einen Schritt weiter und man munkelt, dass sich bereits Hunderte neuer Kostbarkeiten aus der Geschichte dieses Mediums in ihren Händen befinden.

In diesem Sinn ist diese Werkschau zwar ein Höhepunkt, aber kein Ende. Und irgendwie muss man auch froh darüber sein. Historische Fotografie im Museum – das ist ein wichtiges Zeichen. Aber der wahre Wert dieser Bilder liegt anderswo: In ihrer historischen Bedeutung, die wiederum viel mehr ist als ihr künstlerischer (oder gar monetärer) Wert.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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