Interview
Xavier Koller: «Wer keine Selbstironie hat, der verbittert»

Weltpremiere: Xavier Koller eröffnet heute mit seinem Film «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» die 47. Solothurner Filmtage. Die az sprach mit dem Oscarpreisträger über den kauzigen Coiffeurmeister.

Sven Zaugg
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Xavier Koller, was bedeutet es Ihnen, Ihren neusten Film «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» im Rahmen der Solothurner Filmtage vorstellen zu dürfen?

Xavier Koller: Die Direktorin der Filmtage, Seraina Rohrer, hat uns bekniet. Sie wollte «Dällebach Kari» unbedingt als Eröffnungsfilm. Weil der Film erst am 1. März in die Kinos kommt, habe ich lange gezögert. Ich hatte bedenken, dass sechs Wochen vor dem Release – wenn bereits so viel darüber berichtet wird – das Pulver für unsere Marketingkampagne bereits verschossen sein würde. Schliesslich geht es um viel Geld und darum, dass wir die Investitionen amortisieren können. Aber ja, es ist sehr schön, dass die Filmtage mit meinem Film eröffnet werden.

Ist es eine filmische Rückkehr zu Ihren Wurzeln in der Schweiz?

Nein. Ich bin ja nicht ausgewandert und habe der Schweiz nicht den Rücken gekehrt. Lustigerweise denken das viele. Die Geschichte des Dällebach Kari hat mich einfach interessiert und ich war mir sicher, dass ich aus meiner Perspektive etwas über diese Person erzählen kann.

Sie wurden vor ein paar Jahren gebeten, ein Drehbuch zu schreiben, um ganz neue Facetten des Berner Stadtoriginals zu zeigen. Welche Facetten hat Kurt Früh ausgeblendet, welche Facetten zeigen Sie?

Kurt Früh hat die Legende bedient und das sehr gut für die damalige Zeit. Mit einem faszinierenden Walo Lüönd. Mich interessierte vielmehr, wie Dällebach Kari zur Legende wurde. Mich interessierte, was mit jemandem passiert, der so benachteiligt auf die Welt kommt: aus armen Verhältnissen und mit einer Deformation im Gesicht – einer Hasenscharte. Wie kommt es dazu, dass sich ein schönes, vornehmes Mädchen aus gutem Haus in Dällebach Kari verliebte. Diese Fragen trieben mich um.

Die Besonderheit der Figur deutet sich ja bereits im Filmtitel an: «Eine wen iig, ...».

Menschen wie den Dällebach Kari gibt es viele. Wir alle finden uns doch nicht sonderlich perfekt. Gerne hätten wir mehr Haare, weniger Bauch, eine kleinere Nase. Wir haben Äusserlichkeiten, die wir einfach nicht mögen. Es sind diese Selbstzweifel, die mich interessierten.

Dällebachs Jugend steht im Mittelpunkt der Geschichte. Wie gestaltete sich die Recherche zu dieser Lebensphase?

Der Film geht in die ähnliche Richtung wie das bereits aufgeführte Theaterstück von Livia Anne Richard. In ihrer Fassung wurde Dällebachs Jugend bereits thematisiert. Doch das Theaterstück zu verfilmen, lag mir fern. Ich suchte einen anderen Weg, der noch tiefer in die Jugend vordringt. Ich wollte an den Anfang seines Lebenswegs zurück.

Bezüglich Ihrer Interpretation der Geschichte des Berner Coiffeurmeisters zitierten Sie in einem Interview den Schriftsteller Samuel Beckett, der einst sagte: «Es gibt nichts Komischeres als das Unglück.» Dällebach war ein armer, versoffener Tropf. Was ist an diesem Unglück komisch?

Ich habe jahrelang über diesen Satz von Beckett nachgedacht, mich gefragt, was er überhaupt damit meinte. Alle Geschichten, die erzählt werden, sind Retrospektiven. Jedes Drama, das man überlebt, ist ein Sieg über das Drama selbst. Rückblickend haftet jedem Drama eine komische Note an, man hat es ja schliesslich überlebt. Und: Jeder Sieg über das Drama ist eine Komödie.

Dällebach Kari wird seine Situation wohl nicht als Komödie empfunden haben.

Wer keine Selbstironie hat, der verbittert. Dällebach war nie verbittert. Zwar hat er seinen Schmerz in sich hineingefressen oder mit Alkohol heruntergespült. Viel wichtiger ist jedoch: Er hat die Selbstironie nie verloren. Er war kein Pessimist. Er durfte Liebe erfahren, auch wenn sie zeitlich begrenzt war. Diese Liebe trug er bis an sein Ende in sich.

Mit Nils Althaus geben sie dem Dällebach Kari ein neues Gesicht. Mit Hanspeter Müller-Drossaart, der den Berner Coiffeurmeister bereits im gleichnamigen Musical verkörperte, setzen Sie auf Kontinuität. Weshalb haben Sie sich für diese zwei Schauspieler entschieden?

Beide sind sehr talentiert. Hanspeter hat quasi Walo Lüönd abgelöst und abgesehen davon, dass er ein hervorragender Schauspieler ist, wäre es blöd gewesen, einen neuen Dällebach einzuführen. Es kam mir also gelegen, dass Hanspeter den Dällebach bereits verkörperte. Bei Nils schien mir, dass er eine Art seelenverwandt ist mit Dällebach und er brachte ein tiefes Verständnis für den Charakter mit.

Wie geht man im filmischen Kontext mit einer Legende um?

Wenn man ein Porträt über eine Legende - wie sie der Dällebach Kari ist - macht, ist zuerst einmal alles Mutmassung. Es ist eine subjektive Interpretation wie diese Figur hätte sein können. Alle, die ihn gekannt haben, hatten ihre ganz eigene Sicht auf diese Person. Es ist ein Eintauchen in eine unbekannte Charaktere. Ich hatte nicht im Sinn, ein Remake von Kurt Frühs Dällebach Kari zu drehen. Das gibt es schon.

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