Oscars

Wer macht die Schweiz zum Weltmeister?

März 1991 Xavier Koller (Mitte) gewann für «Reise der Hoffnung» als bislang einziger Schweizer den Auslands-Oscar.  APKey

März 1991 Xavier Koller (Mitte) gewann für «Reise der Hoffnung» als bislang einziger Schweizer den Auslands-Oscar. APKey

Das Auswahlverfahren beim Bund läuft: Diese Schweizer Filme haben 2018 die Chance, den Auslands-Oscar zu gewinnen.

Der stolzeste Moment der Schweizer Filmgeschichte liegt über 26 Jahre zurück. Am 26. März 1991 gewinnt Xavier Kollers Flüchtlingsdrama «Reise der Hoffnung» in Hollywood den Oscar für den besten fremdsprachigen Film des Jahres. Es ist der Moment, in dem die Schweiz zum Film-Weltmeister wird.

Weil bei der alljährlichen Oscar-Verleihung vor allem amerikanische und britische Filme ausgezeichnet werden, schielt der Rest Welt mit einem Auge auf diesen sogenannten Auslands-Oscar. Für diese Kategorie darf jedes Land der Academy, die den Oscar durchführt, einen einheimischen Film zur Berücksichtigung vorschlagen. Die Academy wählt dann aus den über 150 Einsendungen fünf Filme aus, die in der Kategorie bester nicht-englischsprachiger Film für den Oscar nominiert werden.

In diese WM-Finalrunde haben es in der 89-jährigen Oscar-Geschichte erst fünf Schweizer Filme geschafft: «Erste Liebe» (Regie: Maximilian Schell, 1971), «L’invitation» (Claude Goretta, 1974), «Das Boot ist voll» (Markus Imhoof, 1982), «La diagonale du fou» (Richard Dembo, Oscar-Gewinner 1985) sowie «Reise der Hoffnung» 1991. Seither war die Schweiz zum Zuschauen verdammt. Nicht einmal «Ma vie de Courgette» wurde diesen März für den Auslands-Oscar nominiert – sondern als bester Animationsfilm.

So läuft die Auswahl

Derzeit läuft beim Bundesamt für Kultur (BAK) bereits das Auswahlverfahren für den Schweizer Oscar-Beitrag 2018. Noch bis zum 30. Juni können Schweizer Filme bei der Promotionsagentur Swiss Films zur Berücksichtigung eingesendet werden. Zugelassen sind – vereinfacht formuliert – Schweizer Filme, die zwischen dem 1. Oktober 2016 und 30. September 2017 im Kino liefen und bei denen hinsichtlich Regie, Drehbuch und Produktion mindestens zwei der drei Funktionen mit Schweizerinnen und Schweizern besetzt sind. Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler müssen zu einem bedeutenden Teil aus der Schweiz sein.

Eine fünfköpfige Jury, die vom BAK bestimmt wird, wählt dann daraus laut eigenen Angaben den «erfolgsversprechendsten Film» aus. Er wird am 4. August bekannt gegeben und bis Oktober 2017 bei der Academy angemeldet. Im Januar 2018 verkündet die Academy die fünf Nominierten. Welchen Film wird das BAK wählen? Die vier aussichtsreichsten Kandidaten im Überblick:

«Die göttliche Ordnung»

Die erwartbare Wahl

Die erwartbare Wahl

Petra Volpes Erfolgskomödie über den Kampf um die Einführung des Schweizer Frauenstimmrechts ist der Schweizer Film, der gerade in aller Munde ist. In Zeiten von Frauenmärschen gegen Trump und andere mächtige Chauvinisten ist «Die göttliche Ordnung» aktueller denn je. Seine bisherigen Erfolge hierzulande sind beachtlich: drei Schweizer Filmpreise und mehr Zuschauer als «Beauty and the Beast» – notabene der weltweit erfolgreichste Film des bisherigen Jahres. Doch auch jenseits der Landesgrenzen sorgt Volpes Film für Aufsehen: «Die göttliche Ordnung» sahnte am Filmfestival Tribeca in New York drei wichtige Preise ab und hat in bedeutenden Kinomärkten wie Deutschland, Frankreich und Kanada einen Verleiher gefunden. Reicht das, um die Academy zu beeindrucken? Historische Dramen haben immer gute Oscar-Chancen. Doch handwerklich bewegt sich «Die göttliche Ordnung» nicht auf Hollywoodniveau.

«Un Juif pour l’exemple»

Die logische Wahl

Die logische Wahl

«Un Juif pour l’exemple»? Hat fast niemand gesehen. Das Drama von Jacob Berger , das die wahre Geschichte eines Judenmordes 1942 in Payerne erzählt, lockte schweizweit nur 26 000 Zuschauer vor die Leinwand. Aber: Leere Säle sind bei den Oscars schon lange kein Nachteil mehr (siehe Oscar-Gewinner wie «Birdman» oder «The Hurt Locker»). Und «Un juif pour l’exemple» hat einen grossen Trumpf: sein Inhalt. Die Academy liebt Dramen über die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und würdigte zuletzt mit «Son of Saul» (2016), «Ida» (2015), «Die Fälscher» (2008) und «Das Leben der Anderen» (2007) gleich mehrere solcher Filme mit dem Auslands-Oscar. Hinzu kommt, dass Bergers Hauptdarsteller Bruno Ganz seit seiner Rolle als Hitler in «Der Untergang» (2004) auch in Hollywood Ansehen geniesst. Es sollte also nicht verwundern, wenn das BAK diesen Film gegenüber «Die göttliche Ordnung» vorzieht.

«Cahier africain»

Die starke Wahl

Die starke Wahl

«Cahier africain» ist wie ein Schlag in die Magengrube. Die Bieler Regisseurin Heidi Specogna hat über mehrere Jahre dokumentiert, wie sich kongolesische Söldner während eines Krieges an Frauen und Mädchen vergangen haben. Specognas Langzeitbeobachtung und riesige Recherchearbeit in der Zentralafrikanischen Republik halfen mit, den Fall vor das internationale Straftgerichthof in Den Haag zu bringen. Punkto Bedeutsamkeit sticht «Cahier africain» alle andere Schweizer Kandidaten aus. Der Film wurde mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 gewürdigt und ist ein unerlässliches Zeitdokument. Geht es um den Auslands-Oscar, bevorzugt die Academy allerdings Spielfilme. Denkbar, dass «Cahier africain» 2018 stattdessen in der Kategorie bester Dokumentarfilm nominiert wird. Der letzte Schweizer Dokfilm, dem das gelang, war «War Photographer» von Christian Frei im Jahr 2004.

«Raving Iran»

Die mutige Wahl

Die mutige Wahl

Der Iran ist gegenwärtig ein Film-Eldorado. Was dort gedreht wird, gewinnt Preise, in den letzten Jahren hatten mit «The Salesman» (2017) und «A Separation» (2012) zwei iranische Filme im Rennen um den Auslands-Oscar die Nase vorne. Die Zensur im islamischen Gottesstaat treibt die Filmindustrie zu neuen Blüten. Auch Susanne Regina Meures hat im Iran gedreht. Für ihren ZHdK-Abschlussfilm «Raving Iran» begleitete sie zwei DJs, die in Teheran illegale Partys organisieren. Ihre Filmausrüstung wurde dabei wiederholt von den Behörden konfisziert, also filmte Meures viele Szenen verdeckt mit ihrem Smartphone. Ein Coup. Entstanden ist ein einzigartiges Porträt einer totgeschwiegenen Jugendkultur. Und dank seinen sympathischen Protagonisten macht «Raving Iran» auch ungemein Spass. Ein entscheidender Vorteil im Oscar-Rennen? Das BAK würde mit der Wahl dieses Films ein mutiges Zeichen setzen.

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