Bei den Wilsons in Colorado Springs aufzuwachsen, scheint auf den ersten Blick wie ein wahr gewordener Mädchentraum: Jeden Sonntag versichert der Papa den Töchtern in einer Segnungszeremonie, wie wunderhübsch sie seien und welch «unglaublichen» Traumprinzen Gott ihnen schicken werde. Beim Tischgebet lobpreisen die Familienmitglieder einander, bis Tränen fliessen.

Trailer zum Dokummentarfilm «Virgin Tales» von Mirjam von Arx

Trailer zum Dokummentarfilm «Virgin Tales» von Mirjam von Arx

Ausserdem hat der selbst ernannte Priester einer evangelikalen Splittergruppe extra für seine Töchter Reinheitsbälle erfunden, auf denen Mädchen – mittlerweile in 48 US-Bundesstaaten – im reinweissen Tütü um ein Kreuz tanzen oder aufgebrezelt wie Prinzessinnen ihre Unschuld feiern lassen.

Dass sie an ihrem ersten Vater-Tochter-Reinheitsball – oft schon im Vorschulalter – ihren Vätern vertraglich versichern, vor der Ehe keinen Sex zu haben, kriegen die meisten gar nicht mit. Aber nach jahrelanger Gehirnwäsche – «Nein sagen für ein grösseres Ja» – plappern sie später mit ekstatisch glänzenden Augen die väterlichen Parolen nach.

Bestechendes Konzept

Das Konzept «Kein Sex vor der Ehe, stattdessen familiäre Zuwendung ohne Ende» hat in von Arx’ Film zunächst etwas Bestechendes: Wer hat schon von seinen Eltern genügend Liebe erfahren? Und wem ist nicht in der Jugend wiederholt das Herz gebrochen worden?

Aber die Wilsons diskreditieren sich selber: Die Töchter werden bis zur Hochzeit von der «gottlosen» Aussenwelt weitgehend abgeschirmt, Ausbildung ausser in Religion, Haushaltführung, Schönheitspflege und Anmut wird als Geldverschwendung betrachtet. Als Singles in freier Wildbahn wären diese Mädchen nicht lebensfähig.

Alle Männer im Film behaupten, keusch in die Ehe gegangen zu sein. Keinem kauft man’s ab. Besonders Randy Wilson, diese Galionsfigur der US-Keuschheitsbewegung, erscheint zunehmend dubios, seine subtilen Methoden der Manipulation und Besitzergreifung abscheulich. Und dass er mit der Vermarktung seines Systems Geld verdient, wirkt auch nicht gerade gottgefällig.

Kommentarfrei entlarvt

Das Geschick der Regisseurin, praktisch kommentarlos die Scheinheiligkeit der politisch höchst erfolgreichen neokonservativen Prüderie – siehe Volksinitiative gegen zu frühe Sexualkunde in der Schule – zu entlarven, ist bewundernswert. Kirsten Johnson und Claudia Raschke liefern dazu schöne Bilder, Adrian Frutiger steuert einen wunderbaren Soundtrack bei.

Gemäss einer Yale-Studie brechen derweil 88 Prozent der Jugendlichen ihr Keuschheitsgelübde. Danach haben sie überdurchschnittlich viel Sex, schliesslich gibt’s etwas nachzuholen. Das wiederum führt zu überdurchschnittlich vielen unehelichen Kindern, da die «Jungfrauen» nicht über Verhütung aufgeklärt sind. (sda)