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Verfilmung des Musicals «Cats» ab Weihnachten im Kino: Verstörend schöne Katzenwelt

Wenn dank Computertechnik der Mensch zum Tier wird und umgekehrt. Kommt hier der Film an seine Grenzen?

Wenn dank Computertechnik der Mensch zum Tier wird und umgekehrt. Kommt hier der Film an seine Grenzen?

Die neue Verfilmung des Musicals «Cats» von Regisseur Tom Hooper trifft musikalisch voll ins Herz. Ungelöst ist das Problem der vermenschlichten Tiere.

Wer eine Bühne betritt, schlüpft vorübergehend in eine Rolle. Zum Schluss des Stücks holt er sich unter dem Applaus des Publikums nicht nur Anerkennung, sondern lässt die Rolle auch wieder hinter sich. Das funktioniert prima, selbst da, wo Maske und Kostüm die Schauspieler vor­übergehend verdecken.

Beim Kino ist das anders. Hier stehen der Schauspieler und sein Körper ganz im Dienste einer filmischen Vision, dies umso mehr, seit sich im Zug der Digitalisierung Kamerabilder beliebig verändern lassen. Solange sich Schauspieler dabei in fiktive Figuren – Geister, Fantasie- und Fabelwesen – verwandeln, wirkt das durchaus glaubwürdig. Anders da, wo Menschen Tiere spielen oder Tiere vermenschlicht werden. Handelt es sich nicht um einen Kostüm- oder Trickfilm, wirkt das Resultat oft komisch: die computeranimierte Version von «The Lion King» (2019), in welcher die Tiere beim Sprechen ihre Mäuler wie Menschen bewegen, ist ebenso ein Gräuel, wie die letztjährige Dschungelbuch-Verfilmung.

Suche nach dem Eingang zur ­Katzenhimmelspforte

Diese Tage nun kommt «Cats» ins Kino, eines der erfolgreichsten englischsprachigen Musicals. Es basiert auf einer populären Gedichtsammlung von T.S.Eliot («Old Possum’s Book of Practical Cats», 1939), die Andrew Lloyd Webber als Musical adaptierte. 1981 auf dem New London Theatre uraufgeführt, hat «Cats» einen Siegeszug um die ganze Welt angetreten: Inzwischen in 19 Sprachen übersetzt, haben 81 Millionen Zuschauer in 50 Ländern das Musical gesehen; auch die Schweiz wurde in den Neunzigern vom Cats-Fieber gepackt.

Dabei ist die Geschichte äusserst simpel: Einmal jährlich versammeln sich Londons Hinterhofkatzen, die sogenannten Jellicle Cats, in einem Theater. Hier besingt jede Katze in einem Lied ihr persönliches Schicksal. Die weise Katze Old Deuteronomy – in der Bühnenversion von einem Mann, in Tom Hoopers Film aber von Judi Dench gespielt – bestimmt in der Folge, wer in den Katzenhimmel aufsteigt und ein neues Leben geschenkt bekommt.

Gänsehaut-Moment mit «Memory», vorgetragen von Jennifer Hudson

Als Neuling zum ersten Mal dabei ist die vor kurzem von ihrer Besitzerin ausgesetzte weisse Katze Victoria. Weitere wichtige Rollen spielen: Der Tigerkater Munkustrap, der Victoria in den Kreis der Jellicles einführt, der grünäugige Bösewicht Macavity, der greise Theater­kater Gus (eine schöne Rolle für Ian McKellen) sowie der über magische Kräfte verfügende Mr. Mistoffelees.

Nicht zu vergessen natürlich Glamour-Katze Grizabella, die in die Jahre gekommen und etwas seltsam geworden von den anderen verstossen wird. Grizabella gehört der ohrwurmigste aller «Cats»-Songs, «Memory», den garantiert auch kennt, wer «Cats» nie gesehen hat. Von Jennifer Hudson gespielt und ­ergreifend gesungen, gehört Grizabella der grosse Gänsehaut-Moment von Hoopers Film: unmittelbar ans Herz und auf die Tränendrüsen gehen dieser Katzenjammer und die Sehnsucht nach den glamourös-­guten, vergangenen Zeiten.

Verstörende Verschmelzung von menschlichen und tierischen Körpern

Tatsächlich bewegt sich Hoopers «Cats», mit seinem von Marius de Vries («La La Land») swingend-jazzigen und mit einem Hauch von Pop exzellent arrangierten Soundtrack musikalisch auf höchstem Niveau. Ein einziger Song kommt in Film neu dazu, «Beautiful Ghosts». Er wird im Film von der als Balletttänzerin gefeierte Francesca Hayward in der Rolle Victorias gesungen und findet sich noch einmal im Abspann, hier kräftiger und intensiver interpretiert von Taylor Swift, die ihn auch komponierte. Musikalisch ist «Cats» für Liebhaber ein Muss.

Bleibt das Bildliche, und das ist gewöhnungsbedürftig. Denn was Hooper vorstellt, ist weder ein reiner Trickfilm, noch eine Theater-Verfilmung mit Menschen in Tierkostümen. Sondern eine Mischform, in der Mensch-­Katz-Hybriden sich in permanent verändernden filmischen Räumen bewegen. Das hat in den besten Momenten etwas Traumhaftes. Doch wenn die Kamera den Miezen aufs Fell rückt, die Mimik ihrer Menschengesichter vom Spiel der Katzenschwänze begleitet wird und ihre fellige Körper täuschend echt in menschliche übergehen, hat das etwas tief Verstörendes an sich.

Hier geht's zum Film-Trailer

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