Tatort
«Skalpell» lässt den «Tatort»-Startflop vergessen

Der erste Auftritt von «Tatort»-Kommissar Reto Flückiger in Luzern hatte niemanden so richtig überzeugt. Der zweite Luzerner «Tatort» startet zwar konventionell, endet jedoch nach einer fulminanten Wendung berührend.

Arno Renggli
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Stefan Gubser als Kommissar Reto Flückiger (2.v.r.) erklärt seinen Kollegen den möglichen Tathergang; Marcel Küng (Martin Klaus, v.l.), Beat Odermatt (Matthias Fankhauser) und Yvonne Veitli (Sabina Schneebeli).

Stefan Gubser als Kommissar Reto Flückiger (2.v.r.) erklärt seinen Kollegen den möglichen Tathergang; Marcel Küng (Martin Klaus, v.l.), Beat Odermatt (Matthias Fankhauser) und Yvonne Veitli (Sabina Schneebeli).

Schweizer Fernsehen

Der erste Auftritt von «Tatort»-Kommissar Reto Flückiger in Luzern hatte niemanden so richtig überzeugt. Eine blasse Story mit einem konfusen Ende, hölzerne Dialoge und «CSI»-Star Sofia Milos als totaler Fremdkörper in der Besetzung waren nur die offensichtlichsten Schwachpunkte.

Und so stellt man beim zweiten Luzerner «Tatort», der gestern in Zürich vorgestellt wurde und am Pfingstmontag zur TV-Ausstrahlung kommt, zunächst einmal Vergleiche an. Das dauert ungefähr eine halbe Stunde. Dann erhält der Film eine inhaltliche Wendung, ab der man die Vergleiche vergisst. Ab da ist der Film einfach nur gut, packend und berührend.

Überangebot an Motiven

Die Story startet mit einem Wohltätigkeitslauf. Ein älterer Mann, später als bekannter Chirurg identifiziert, quält sich über die Strecke, fällt immer mehr zurück. In einem Waldabschnitt stellt ihn ein anderer Läufer, der dort gewartet hat. Es kommt zum Streit.

Dann wird der Ältere erstochen aufgefunden. Der andere Mann ist schnell der Hauptverdächtige. Nicht nur ist er, selber Chirurg, der designierte Nachfolger des Toten. Er hat auch eine Affäre mit dessen attraktiver Frau, der Ermordete wusste davon, es geht um viel Geld, und die Tatwaffe, ein Skalpell, weist ebenfalls auf ihn. Bei einer derartig überwältigenden Motivlast weiss jeder halbwegs versierte Krimikonsument: Das ist sicher nicht der Mörder.

Menschen ohne Geschlecht

So weit, so konventionell. Doch dann wendet sich das Blatt: Zunächst weist Kommissar Reto Flückiger das Urlaubsgesuch einer jungen Mitarbeiterin ab, deren Schwester es nicht gut geht. Dann nimmt sich diese Schwester das Leben. Und es stellt sich heraus, dass sie eine sogenannte Intersexuelle war: Ein Mensch, bei dem nach der Geburt keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale zu finden sind. Weshalb sie später auf operativem Weg Geschlechtsteile erhalten. Damit wird physisch eine Geschlechtszugehörigkeit definiert, welche womöglich nicht zur sich erst entwickelnden psychischen Identität passt. Dies führt oft zu dramatischen persönlichen Problemen der Betroffenen, die auch in Suizid münden können.

Operationen an Kleinkindern

Der ermordete Chirurg war ein Spezialist auf dem Gebiet und vertrat die Auffassung, dass intersexuelle Kinder möglichst frühzeitig, schon mit zwei Jahren, operiert werden müssten. Dies hatte er damals auch beim Suizidopfer getan, welches sich dann mit dem ihm auferzwungenen Geschlecht nicht identifizieren konnte. In der Folge treten weitere von diesen Frühoperationen betroffene Menschen und ihre Angehörigen auf den Plan. Und damit auch weitere Leute, die mit dem Ermordeten eine Rechnung offen hatten.

Am Ende wird der Fall sauber aufgelöst und auch noch etwas Action geboten. Aber dies steht bei diesem Film nicht im Zentrum und ist auch nicht das, was nachhallt. Sondern die feinfühlige Thematisierung der Intersexualität, eines Themas, von dem man noch gar nicht allzu viel gehört hat. Und auf berührende Weise wird gezeigt, was es heisst, das nicht zu haben, was für die meisten Menschen selbstverständlich ist: eine klare geschlechtliche Identität.

Dies hat der Luzerner Regisseur Tobias Ineichen stark inszeniert. In einer modernen Bildsprache, die aber behutsam bleibt und nicht US-Serien nacheifert, sondern eher einem nördlich-europäischen Stil verpflichtet ist. Bis zu den Nebenfiguren exzellent sind die darstellerischen Leistungen, inklusive der zum Teil sehr jungen Leute. Ein Gewinn ist Delia Mayer als Kommissar Flückigers neue Assistentin Liz Ritschard. Sie hat die richtige Mischung von Toughness, Emotionalität und Keckheit. So macht sie Sofia Milos locker vergessen.

Seine bisher stärkste Leistung als Flückiger zeigt Stefan Gubser. Grossartig, wie er die Figur stetig weiterentwickelt. Dabei lässt er noch einiges offen, er braucht etwa zur emotionalen Profilierung seiner Figur keine offensichtlichen privaten Probleme, wie man sie den Fahndern sonst gerne zuschanzt.

Mitgefühl und Verletzlichkeit

Man ahnt, dass er ein Einzelgänger ist und vielleicht auch einsam. Man spürt, dass er mitfühlend ist, ohne dass er auf Gefühlsduselei macht. Und während andere Krimihelden, werden sie mal zusammengeschlagen, fast unberührt weitermachen, spürt man bei Flückiger eine auch körperliche Verletzlichkeit, die sehr lebensnah wirkt. Gubsers Leistung krönt einen insgesamt beeindruckenden Luzerner «Tatort», von dem man mehr sehen will.

Tatort «Skalpell» Pfingstmontag, 20.00 Uhr, SF1 (Schweizerdeutsch) und 20.15 Uhr, ARD (Hochdeutsch synchronisiert)

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