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Kopieren geht über Studieren: Amazon hat die Remake-Rechte an der israelischen Erfolgsserie «Shtisel» gekauft

War die israelische Serie «Shtisel» anfangs ein Netflix-Geheimtipp, wurde ihre dritte Staffel von ganz vielen fiebrig erwartet. Nun soll es ein US-Remake geben. Über ein Phänomen, fast so alt wie der Film selbst.

Regina Grüter
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Kann man die Shtisels kopieren? So einfach ist das nicht. Damit ein Remake funktioniert, braucht es eine Vision.

Kann man die Shtisels kopieren? So einfach ist das nicht. Damit ein Remake funktioniert, braucht es eine Vision.

Bild: Ohad Romano

Es ist alles schon einmal erzählt worden. Das gilt insbesondere für die US-amerikanische Film- und Serienwelt. Hollywood ist nicht nur Meister in der Produktion von Sequels, sondern war immer schon sehr gut im Abkupfern. Schon früh in der Filmgeschichte finden sich Neuverfilmungen eines Stoffes. Seit Mitte der 80er-Jahre boomt das lukrative Geschäft mit den Remakes, die Quelle der Inspiration dafür liegt hauptsächlich in Europa, aber Israel holt auf. Wieso neu kreieren statt Erfolgreiches wiederverwerten, zumal der Markt dafür gegeben ist?

Das durchschnittliche amerikanische Publikum hält nichts von Synchronfassungen, noch weniger von Untertiteln.

Also kennt es den Vorgänger meist gar nicht und kann nicht vergleichen. Die USA sind deswegen prädestiniert für Wiederverfilmungen nach amerikanischem Muster, mit einheimischen Stars, innerhalb ihrer Kultur und ihren Wertvorstellungen.

Das ist nicht per se schlecht. Es lassen sich immer wieder Beispiele für Neuverfilmungen finden, die dem Original punkto thematischer Tiefe oder Figurenzeichnung zumindest ebenbürtig sind. Manche Geschichten sind so gut, dass man sie immer wieder neu erzählen kann und will – das gilt auch für amerikanische. Bradley Cooper etwa transportierte das Thema in der dritten Neuverfilmung von «A Star Is Born» in die heutige Zeit und holte sich Superstar Lady Gaga an seine Seite. Häufiger stehen bei Remakes aber kommerzielle vor künstlerischen Interessen.

Jedenfalls steckt die amerikanische Filmbranche das Geld oft genug in den Erwerb von Remakerechten und nicht in die Entwicklung neuer Stoffe.

Eben wieder geschehen im Fall «Shtisel»: Amazon hat die Rechte für eine Neuverfilmung der israelischen Erfolgs­serie erstanden und will die ultraorthodoxe Familie von einem Jerusalemer Vorort nach Brooklyn zügeln. Will man damit Netflix Konkurrenz machen, wo nun auch die dritte Staffel nach langem Hin und Her zu sehen ist?

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Shtisel 3. Staffel

Mit viel Humor, in Hebräisch sowie Jiddisch und einem – säkularen – Topensemble erzählt die Serie von den alltäglichen Sorgen und Nöten der streng orthodoxen Familie Shtisel im Jerusalemer Vorort Geula. Nicht nur in Israel längst Kult, hat sie auch unter den Charedim viele Fans. Die dritte Staffel hält das Niveau hoch und scheut befremdende Momente nicht. Die Kunst: Die Figuren wirken immer authentisch. (reg)

Denn heute muss man unterscheiden zwischen lokalem Kino und globalem Streaming. Die Streaminganbieter Amazon und Netflix, Apple und Disney machen sich gegenseitig den Markt streitig. Damit begann auch der Kampf um Ideen. Netflix investiert schon kräftig in Europa und anderen Weltregionen; gibt die Produktion in europäische, indische oder eben israelische Hände im Wissen darum, dass aus einem Land heraus entwickelte Geschichten meist besser sind.

Ein gutes Remake ist ­ wie ein guter Coversong

Es ist alles schon einmal erzählt worden. Im Fall von «Shtisel» ist das anders. Man bekommt Einblick in eine geschlossene Gemeinschaft, von der man sehr wenig weiss und wenn, dann in den Augen einer offenen westlichen Gesellschaft meist Schlechtes. Der ideale Nährboden für Vorurteile, die eine Netflix-Serie wie «Unorthodox» sicher nicht abbaut. Etwas, das die Macher von «Shtisel», beide aus dem ultra- beziehungsweise orthodoxen Milieu, tunlichst vermeiden. Sie erzählen von innen heraus, ohne zu urteilen.

Bei einem Remake verhält es sich ähnlich wie bei einer Coverversion: Sind Könner am Werk und vermögen einem geliebten Song einen neuen Dreh zu geben und die eigenen Emotionen hineinzulegen, entsteht ein Mehrwert. Auch hierfür gibt es ein gutes Beispiel: «I Will Survive» von Cake. So könnte auch ein «Shtisel»-Remake durchaus gelingen. Kommt stark darauf an, in wessen Hände es gelangt. Aber neu wird die Geschichte dann nicht mehr sein.

Top und Flop: Amerikanische Remakes von Filmen und Serien

The Upside (2017) vs. Intouchables (2011)

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Ein reicher weisser Querschnittgelähmter und sein schwarzer Pfleger: Die amerikanische Neuverfilmung des französischen Hits, der Omar Sy zum Star machte, ist ein Negativbeispiel sondergleichen; ein Beispiel für ein Remake, das sich, dermassen uninspiriert, einzig und allein an kommerziellen Interessen orientiert. Während Sy mit sprühendem Charme und entwaffnendem Humor rassistische und sexistische Stereotype gerade noch so umschiffte oder auch mal durchbrach, geht Kevin Hart jegliches Charisma ab. «The Upside» spielte in den USA dennoch mehr als 94 Millionen Dollar ein. (reg)

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Verblendung (2011) vs. Verblendung (2009)

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US-Regisseur David Fincher hält sich in «The Girl with the Dragon Tattoo», so der Originaltitel, wesentlich enger an die literarische Vorlage von Stieg Larsson. Zu eng, finden manche. Aber genau das ist es wohl, was ihn am Stoff gereizt hat und das Remake vom sehr überzeugenden schwedischen Original abheben sollte. Die Oscar-Nominierung, der Film bekam vier weitere, hat Rooney Mara als Lisbeth Salander zum internationalen Durchbruch verholfen. Fazit: Gleichstand, auch wenn man ehrlicherweise sagen muss, dass es das Remake aus europäischer Sicht nicht unbedingt gebraucht hätte. (reg)

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House of Cards (–2018) vs. House of Cards (1990)

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Wohl das berühmteste Remake der noch jungen Seriengeschichte und ein Riesen-Netflix-Erfolg. Das – auch sehr gute – Original aus den 90ern kennt fast niemand (in der Arte-Mediathek). Die wesentlichen Zutaten sind die gleichen: Ein machthungriger und intriganter Abgeordneter mischt mit Unterstützung seiner Ehefrau statt die britische die amerikanische Politik auf und wendet sich mit seinen Winkelzügen direkt ans Publikum. David Finger führte Regie bei den ersten beiden Episoden. Ein schlechtes Ende genommen hat es dann doch noch mit Kevin Spacey als mit der #MeToo-Bewegung gefallener Engel. (reg)

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Homeland (2011–2020) vs. Hatufim (2009–2012)

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Mit der Adaption der israelischen Erfolgsserie hat der US-Sender Showtime einen Wurf gelandet. Aus drei israelischen Soldaten, die nach 17-jähriger Gefangenschaft im Libanon nach Hause zurückkehren, wird Nicholas Brody, ein «umgedrehter» US-Marine-Sergeant. Im Fokus steht die Beziehung zwischen dem Soldaten und einer CIA-Agentin mit bipolarer Störung. Ist das Original (in der Arte-Mediathek) auf zwei Staffeln beschränkt, dümpelt «Homeland» nach dem Tod von Brody vor sich hin, findet nicht mehr ganz zu alter Stärke, aber in der achten Staffel einen einigermassen würdigen Abschluss. (reg)

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