«Avengers: Endgame»

Selbst Superhelden sind nicht für immer – der letzte «Avengers» zielt nicht aufs Auge, sondern aufs Herz

In der Rolle von Iron Man alias Tony Stark wurde er zum bestbezahlten Schauspieler Hollywoods: Robert Downey Jr., hier in «Avengers: Endgame»Marvel Studios

In der Rolle von Iron Man alias Tony Stark wurde er zum bestbezahlten Schauspieler Hollywoods: Robert Downey Jr., hier in «Avengers: Endgame»Marvel Studios

Mit «Avengers: Endgame» endet die elfjährige Ära von Marvels grössten Kinohelden. Da bleibt kein Auge trocken.

Es ist brutal, aber irgendwann geht alles zu Ende. Noch brutaler: Manchmal endet sogar alles auf einmal. «Avengers», «Star Wars» und «Game of Thrones» beispielsweise: Bei den drei grössten Kinofilm- und Fernsehserien ist 2019 Schluss.

Abermillionen Fans auf der ganzen Welt müssen sich von Figuren verabschieden, die ihnen ans Herz gewachsen sind.

Los geht es mit den Avengers: Was haben wir während der letzten elf Jahre mitgefiebert mit all diesen Superhelden, von denen wir einige nun zum letzten Mal auf der Kinoleinwand sehen werden?

Immerhin: Wir sehen das Ende kommen, wir können uns darauf einstellen, eigentlich haben wir nur einen einzigen Wunsch an die Film- und Fernsehgötter: Lasst unsere Heldinnen und Helden in Würde gehen. Schenkt ihnen einen Abschluss, der ihnen – und den unzähligen Stunden, die wir in sie investiert haben – gerecht wird.

Bloss: Nach sämtlichen Hollywood-Gesetzen müsste ja leider das Gegenteil eintreffen. Ob «The Dark Knight Rises», «Fluch der Karibik III» oder «Matrix Revolutions»: Der letzte Teil einer Filmserie ist zwar oft der spektakulärste, aber nur selten der beste.

Der neue Kinofilm «Avengers: Endgame» will diesen Trend nun umkehren. Dazu muss er die Fäden der 22 Superheldenfilme verknüpfen, die die Marvel Studios zuvor veröffentlicht haben.

Nostalgie statt Spektakel

Unmöglich. Doch «Endgame» schafft es. Mit einem einfachen, aber genialen Trick: Der Film setzt nicht auf Spektakel, sondern auf Nostalgie. Er zielt nicht aufs Auge, sondern aufs Herz. Und das funktioniert.

«Endgame» knüpft dort an, wo «Avengers: Infinity War» vor einem Jahr aufgehört hat. Wir erinnern uns: Nach einer bombastischen Schlacht gelang es dem übermächtigen Superschurken Thanos (Josh Brolin), die Hälfte allen Lebens im Universum auszulöschen.

Die heldenhaften Avengers mussten ihre grösste Niederlage einstecken. Auch ihre Reihen haben sich gelichtet. Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans) und Thor (Chris Hemsworth) sind einige der wenigen Avengers, die überlebt haben.

Wie weiter nach der grossen Niederlage? Black Widow (Scarlett Johansson) und Captain America (Chris Evans) hecken einen neuen Plan aus.

Wie weiter nach der grossen Niederlage? Black Widow (Scarlett Johansson) und Captain America (Chris Evans) hecken einen neuen Plan aus.

Wie geht man mit dem Verlust jener um, die einem am nächsten waren? «Endgame» nimmt diese Frage ernst und liefert überraschende Antworten. Der kampfmüde Iron Man beispielsweise hat sich mit dem Schicksal weitgehend arrangiert. Er hat sich eine bescheidene, aber glückliche neue Existenz aufgebaut.

Ein smarter Kniff der Autoren. Denn als sich den Avengers wider Erwarten eine zweite Chance gegen Thanos bietet, stürzt das Iron Man in ein moralisches Dilemma.

Der wahre Bösewicht in «Endgame» ist nicht Thanos, sondern die Lethargie. Die Schockstarre. Die Zeit, die seit der Niederlage vergangen ist und unsere Helden zunehmend lähmt.

«Endgame» nimmt sich während seiner über dreistündigen Laufzeit ausreichend Zeit für seine Figuren. Da ist sehr lange nur wenig Action, und dafür viel Psychologie. Da sind ruhige, kurze Dialoge, die nach 22 Filmen eine Welt an Bedeutungen und Emotionen transportieren.

Thor (Chris Hemsworth) glaubt, die Niederlage sei ganz alleine seine Schuld. Er hatte schon immer einen Gottkomplex.

Thor (Chris Hemsworth) glaubt, die Niederlage sei ganz alleine seine Schuld. Er hatte schon immer einen Gottkomplex.

Wer sich in Marvels Kinouniversum nicht auskennt, wird damit heillos überfordert sein. Doch alle anderen – sie bilden im Kinosaal garantiert die Mehrheit – kommen voll auf ihre Kosten.

Denn «Endgame» ist ein Film für alle Marvel-Fans. Wie es dem Regieduo Joe und Anthony Russo und ihren Autoren gelingt, wichtige Ereignisse aus früheren Marvel-Filmen in der Handlung von «Endgame» neu aufleben zu lassen, ist schlicht atemberaubend. Selbst für einige fast vergessene Nebenfiguren von einst findet der Film einen gebührenden Platz.

Ist nun wirklich Schluss?

«Endgame» lebt von solchen Widererkennungsmomenten. Sie machen den Abschied von diesen Figuren nicht einfacher. Ohne Namen zu nennen: Einige der Avengers verabschieden sich mit «Endgame» für immer aus Marvels-Kinouniversum. Eine Ära geht zu Ende. Da wird im Kinosaal kein Auge trocken bleiben.

Zum letzten Mal alle zusammen: Marvel-Chef Kevin Feige und die Superheldendarsteller Chris Hemsworth, Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Jeremy Renner und Mark Ruffalo (v.l.n.r).

Zum letzten Mal alle zusammen: Marvel-Chef Kevin Feige und die Superheldendarsteller Chris Hemsworth, Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Jeremy Renner und Mark Ruffalo (v.l.n.r).

Doch ist mit «Endgame» wirklich Schluss? Die Marvel Studios halten sich mit ihren Plänen noch weitgehend bedeckt.

Angekündigt ist bislang nur ein weiterer Superheldenfilm: «Spider-Man: Far From Home» läuft diesen Juli in den Kinos an – und ist in den Augen von Marvel-Chef Kevin Feige eine Art Epilog zu «Endgame». Der vom 22-jährigen Tom Holland gespielte Spider-Man war der jüngste Avenger. Er steht für den Generationenwechsel bei Marvel.

Gut möglich, dass bald unbekanntere Helden aus Marvels Comicarchiv wie Adam Warlock, Moon Girl oder Killraven ihren Leinwandeinstand feiern. Noch nie gehört? Nun, auch Iron Man und Doctor Strange waren vor elf Jahren nur wenigen ein Begriff. Und wurden trotzdem zu Kassenschlagern.

Weil smarte Marvel-Köpfe wie Kevin Feige und die Russo-Brüder wissen, wie man eine Geschichte über mehrere Jahre erzählt. Und wie man sie beendet.

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