Filmpreis

Ruben Östlund weiss am besten, wie man sich als Mann zum Affen macht

Ruben Östlund gewann für seine herausragende Satire «The Square» in Cannes die Goldene Palme. Der Filmemacher aus Schweden versteht es wie kein Zweiter, am männlichen Ego zu kratzen.

Momentan liegt ihm die ganze Filmwelt zu Füssen. Die südamerikanische Regisseurin, die im Hotelzimmer nebenan Interviews gibt, gerät ins Schwärmen: «Dieser Typ ist ein Rockstar!» Ruben Östlund heisst dieser Typ, den wir in Zürich zum Gespräch treffen: ein 43-jähriger, schlaksiger Schwede, der auch im Anzug hip wirkt und der für smartes Kino steht, das wahnsinnig gut unterhält.

Für seinen neuen Film, die Kunstsatire «The Square» wurde Östlund im Mai in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. «Seither fliege ich Premium Economy, schlürfe Prosecco und schlafe in 4-Sterne-Hotels», sagt er und lacht. Östlund ist ein Mann, der gerne lacht. Wenn er die Welt betrachtet, findet er zweifellos vieles darin urkomisch. Oder absurd.

Zum Beispiel die Filmfestspiele in Cannes, die er im Hinterkopf hatte, als er eine der herausragendsten Szenen von «The Square» schrieb. Sie spielt sich wie folgt ab: In einem prächtigen Ballsaal hat sich die Elite der schwedischen Kunstszene – Museumsdirektoren, Künstler, Mäzene – zu einem Galadinner eingefunden. Plötzlich stampft ein Performancekünstler (gespielt vom Briten Terry Notary) mit nacktem Oberkörper durch ihre Reihen, in perfekter Imitation eines Gorillas. Das ist so lange lustig, bis die Situation gefährlich eskaliert.

Szenen, die zunehmend ungemütlich werden, sind Östlunds Markenzeichen. Er sagt: «Was mich interessiert, sind die Regeln, die soziales Verhalten steuern. Und was passiert, wenn diese Verhaltensregeln ausser Kraft treten.» Zum Beispiel wenn ein Mensch, als Gorilla, auf seine Urinstinkte reduziert wurde.

Der Primat unter dem Anzug

Östlund entdeckte Darsteller Terry Notary (bekannt aus den «Planet of the Apes»-Filmen) auf Youtube, als er den Suchbegriff «Mensch imitiert Affe» eingab. Notarys Auftritt steht symbolisch für den Primaten, der potenziell unter jedem Anzug schlummert. «Ich wollte den Zuschauern in Cannes, die sich ebenfalls in Smoking und Abendkleid werfen, mit dieser Szene einen Spiegel hinhalten.» Das ist die Essenz von Östlunds Schaffen: Menschen, die viel auf sich geben, mit sich selbst zu konfrontieren.

Östlund ist ein Meister darin, das männliche Ego auseinanderzunehmen. Sein letzter Film, «Force Majeur» (der je nach Sprachfassung auch «Turist» oder «Höhere Gewalt» heisst), handelte von einem Familienvater, der im Skiurlaub bei einer gefährlichen Situation sein Handy rettet – statt seine Frau und Kinder. Und dann mit dem Gefühl ringt, ein Versager zu sein.

Auch der Protagonist von «The Square» ist einer vom Typ Alphamännchen. Christian (Claes Bang) ist der Direktor eines Museums für moderne Kunst. Er ist erfolgreich, gutaussehend und von sich überzeugt. Bevor er eine Rede hält, übt er auf der Toilette, wie er später seine Karten weglegen wird, um spontan zu wirken. Nach dem Sex mit einer amerikanischen Journalistin (genial: Elisabeth Moss) weigert er sich, ihr das gebrauchte Kondom auszuhändigen, da sie es auf seine Gene abgesehen haben könnte. Und nachdem ihm Handy und Geldbörse geklaut werden, glaubt Christian, den Dieb eigenhändig stellen zu können – und lässt sich auf eine hirnrissige Aktion ein.

«The Square» ist gespickt mit solchen brillanten Einzelszenen, die jeweils wie Kurzfilme daherkommen. Was sie verbindet, ist ein Kniff, den Östlund immer wieder anwendet und wahrscheinlich so gut beherrscht wie derzeit kein anderer Filmemacher: Er führt seine Figuren in Situationen, aus denen scheinbar nur schlechte Entscheidungen hinausführen. «Dilemmas faszinieren mich. Ich möchte, dass Zuschauer sich fragen, was sie in dieser Situation tun würden.»

Im Mittelpunkt von «The Square» steht eine Kunstinstallation, die dem Film seinen Titel gibt: ein weisses Quadrat, 4 mal 4 Meter, das einen Schutzraum symbolisiert, «quasi ein humanistischer Zebrastreifen», sagt Östlund. Das Prinzip: Tritt jemand in das Quadrat und verlangt deine Hilfe, bist du verpflichtet, diese zu leisten.

Humanistisches Ideal

Das Quadrat gibt es auch in echt, sein Urheber ist Ruben Östlund selbst, der das Projekt vor zwei Jahren zusammen mit einem befreundeten Künstler in Göteborg lancierte. Und sich damals fragte: Wie können wir damit Aufmerksamkeit erzeugen? Im Film bittet Christian zwei junge Werbeagenten um Hilfe. Diese drehen dann ein Video, das die Werte des Quadrats in keiner Weise repräsentiert, aber dank anstössigen Bildern online tausendfach angeklickt wird.

Auch das ist natürlich das Alphamännchen-Prinzip, der Gedanke, dass der gewinnt, der am lautesten brüllt. Östlund erzählt, er habe in der Szene viele solche Beobachtung machen können. «Wenn man zuhört, wie sich Menschen in der Kunstwelt über Kunst unterhalten, ist da nur selten etwas unter der Oberfläche. Sie verstecken sich hinter einer gehobenen Sprache.» So ist Christian in einer anderen Filmszene ziemlich sprachlos, als ihm die amerikanische Journalistin einen überkomplizierten Text auf der Website seines Kunstmuseums vorliest. «Diesen Text habe ich vom Kunstprofessor an meiner Universität geklaut», sagt Östlund und lacht.

«The Square» ist eine herausragende Satire, die weit über die Kunstwelt hinausgreift. Immer wieder richtet Östlund seine Kamera auf jene Menschen in unserer Gesellschaft, die beim humanistischen Gedanken des Quadrats aussen vor bleiben: Obdachlose. «Wir sehen diese Menschen auf der Strasse und versäumen es als Gesellschaft, uns um sie zu kümmern», sagt Östlund. «In einer idealen Welt bräuchte niemand das Quadrat. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt.»

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