Matthias von Gunten
«Robbenfleisch isst man in Grönland am liebsten mit Aromat»

Im grönländischen Thule und in Tuvalu bedroht die Klimaerwärmung und das schmelzende Eis Existenzen. Der Basler Regisseur Matthias von Gunten zeigt in seinem neuen Film «ThuleTuvalu», wie der Klimawandel zwei Urvölkern die Lebensgrundlage entzieht.

Susanna Petrin
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Der Basler Filmemacher Matthias von Gunten zeigt in seinem heute schweizweit anlaufenden Dokumentarfilm «ThuleTuvalu» wie zwei Völker ihre über 2000-jährige Lebensweise aufgrund des Klimawandels aufgeben müssen.

Der Basler Filmemacher Matthias von Gunten zeigt in seinem heute schweizweit anlaufenden Dokumentarfilm «ThuleTuvalu» wie zwei Völker ihre über 2000-jährige Lebensweise aufgrund des Klimawandels aufgeben müssen.

Jiri Reiner

Zwei entgegensetzte Orte, dasselbe Problem: Im grönländischen Thule, dem nördlichsten noch bewohnten Landstrich der Welt, schmilzt das Eis und somit der Jagdgrund der Bewohner. In Tuvalu bringt dasselbe Eis in Form eines steigenden Meeresspiegels die Südsee-Insel allmählich zum Verschwinden.

Der Basler Regisseur Matthias von Gunten ist für seinen neuen Film «ThuleTuvalu» an diese Enden der Welt gereist, um zu erleben, was der Klimawandel für das Leben der Ureinwohner bedeutet. Heute Abend ist Filmpremiere in Basel, in Anwesenheit des Regisseurs.

Klimawandel, Abenteuerlust, Weltuntergangsstimmung: Herr von Gunten, was hat Ihr Interesse an den äussersten Rändern der Welt geweckt?

Matthias von Gunten: Wahrscheinlich von all dem etwas. Thule und Tuvalu haben auf der Karte schon als Kind meine Fantasie angeregt. Als das mit dem Klimawandel losging und die beiden Orte immer wieder in den Medien präsent waren, habe ich mir überlegt, was das wohl für die Menschen, die dort leben, bedeutet. Ich bin kein Klimaaktivist. Ich sah das als Möglichkeit, in einem Mikrokosmos, der das ganze Weltgeschehen reflektiert, etwas von uns festzuhalten. Anhand von Menschen, das war mir ganz wichtig.

Wie war die Begegnungen mit den Menschen an diesen entlegenen Orten? War es einfach, ihr Vertrauen zu gewinnen?

Es brauchte sehr viele Schritte, ich war mehrere Male mehrere Wochen allein an beiden Orten, bevor wir mit dem Drehen angefangen haben. Ich wusste, dass der Film nur funktionieren kann, wenn die Leute mir vertrauen. Denn ich wollte einen Film machen, bei dem die Zuschauer nicht statistische Kurven und Experten verstehen müssen, sondern bei dem sie ganz einfach mit ihren Herzen anderen Menschen folgen können. In Grönland war es etwas schwieriger, Menschen kennenzulernen, weil man sie fast nur bei ihnen zu Hause treffen kann.

Und in Tuvalu?

Da bin ich von der Hauptinsel drei Tage auf einem Schiff bis zum äussersten Atoll Nanumea gefahren – dahin geht keiner der vielen Journalisten, die für ihre Klimageschichten zum Hauptort fliegen. In Nanumea musste ich einen Monat bleiben, weil das Schiff in diesem Rhythmus vorbeikommt. Ich liess mich also absetzen und sprang ins kalte Wasser. Der Gemeinderat hat eine Sitzung einberufen. Da sassen wir am Meer in einem offenen, wandlosen Zimmer auf Pfählen, wahrscheinlich im schönsten Sitzungszimmer der Welt. Ich habe erzählt, was ich vorhabe; die haben einander angeschaut, etwas gemurmelt und schliesslich gesagt: «We agree, we agree». Das war ein Türöffner. Von diesem Moment an wussten alle Leute auf der Insel, wer ich bin und was ich will.

Abgesehen von ihrem gemeinsamen Problem, dem Leiden unter dem Klimawandel, hat man den Eindruck, dass die Bewohner von Thule und Tuvalu sich auch sonst ähneln.

Sehr stark, ja. Beide leben intensiv von und mit der Natur, von und mit dem Wasser. An beiden Orten besteht das Leben eigentlich daraus, sich zu ernähren. Das führt zu vielen Ähnlichkeiten im Denken und Wahrnehmen. Die Tageseinteilung etwa geht nach dem Wetter, den Jagdmöglichkeiten und dem Bedarf. Was für mich auch ganz wichtig ist im Film – neben dem Aspekt, dass wir den Erdball aufheizen mit Folgen, die wir noch nicht verstehen –, ist die Schönheit dieser Kulturen, deren elementares Leben. Ich finde es schön, wenn jemand etwas tut, das ich durchs Zuschauen verstehen kann. Das widerspricht ja dem Thema nicht, im Gegenteil, das verstärkt es: Hier sind elementare Lebensformen am Verschwinden, die nicht nur schön sind, sondern auch etwas Universelles über uns Menschen erzählen.

Gibt es etwas, das Sie vor Ort überrascht hat, das Sie sich so vorher nicht hätten vorstellen können?

Die tiefere innere Ruhe ist eindrücklich. Beide Völker werden getragen von einem Lebenswissen, das sich vor über 2000 Jahren entwickelt hat und von Generation zu Generation weitergetragen wird. Diese Menschen fragen sich nie, was sie tun sollen. Es ist einfach klar, da ist eine Selbstverständlichkeit in allem. Viele Details haben mich auch überrascht. Zum Beispiel, wie langsam eine Fahrt mit Schlittenhunden ist. Man könnte fast Mitlaufen nebendran. Diese Fahrten haben einen gleitenden, sanften Rhythmus. So fahren sie tagelang durch das Eis, durch das Nichts.

Inwiefern hat Ihre Anwesenheit gerade in Tuvalu, wo viele religiöse Bewohner das Klimaproblem anscheinend nicht so recht wahrhaben wollen, deren Bewusstsein darum verstärkt?

Das mit der Religion ist widersprüchlich. Einerseits sagen die Bewohner: Der liebe Gott wird uns nicht untergehen lassen, er hat uns ja nach der Arche Noah den Regenbogen geschickt. Andererseits wollen sie ihre Kinder ins sichere Ausland schicken. Das Thema ist sehr präsent, gleichzeitig verdrängen es viele Leute. Man kann als Mensch gar nicht leben, wenn man die ganze Zeit die eigene Perspektivlosigkeit vor Augen hat. Ich wollte niemandem ein Thema aufzwingen. Darum ist Kaipati auf Nanumea meine Hauptfigur: Er ist der einzige, der sich von sich aus so stark mit den Problemen auf der Insel befasst. Ganz ausblenden kann sie niemand. Ich habe selbst Angst bekommen, dass unsere Wasserreserven nicht ausreichen könnten.

Inwiefern?

Wir hatten für uns drei Leute etwa dreihundert Liter Wasser kommen lassen. Als es langsam zur Neige ging, habe ich überlegt: Was, wenn es ausgeht, bevor das Schiff kommt. Das kommt nämlich nie zur Zeit, es kann auch zwei Wochen später kommen als erwartet. Die Menschen dort leben die ganze Zeit in dieser Situation.

Es regnet viel weniger als früher. Im Film wird gezeigt, wie das Trinkwasser auf 2,5 Liter pro Person und Tag rationiert werden muss.

Das bedeutet, dass man sich nicht mehr mit sauberem Wasser waschen kann. Die Leute waschen sich im Meer. Um das Salz abzuspülen, brauchen sie Grundwasser – das ist in jüngster Zeit aber auch salzhaltig geworden. Die Leute fühlen sich nie richtig sauber. Das hat etwas Entwürdigendes. Die Menschen kämpfen bereits mit konkreten Folgen des Klimawandels.

Sie zeigen, wie laufend unheimliche Veränderungen geschehen: In Tuvalu entdeckt man, dass gewisse Bäume langsam sterben, in Thule tauchen nie da gewesene Heilbutt-Schwärme auf. Die Natur scheint aus den Fugen.

Jetzt könnte man sagen: Super, jetzt können die Menschen fischen, statt Robben zu jagen. Aber sie wissen nicht, wie lange diese Heilbutte kommen, und sie sind nicht dafür eingerichtet oder ausgebildet. Das war auch eine Überraschung für mich: Wie still dieser Klimawandel vor sich geht. Das sind gewaltige Veränderungen, aber sie verlaufen unspektakulär. Da ein sterbender Baum, dort Salz im Süsswasser, da eine dünnere Eisschicht, dort Heilbutte. Es gibt keinen lauten Knall, keine Flutwelle.

Gibt es für die bedrohten Bewohner Tuvalus mittlerweile einen Ort, an den sie emigrieren können?

Es gibt absolut nichts. Das Land hat etwa 11 000 Einwohner verteilt auf neun Atolle; von den etwa 700 Kilometern sind 26 Quadratkilometer bewohnbar.

Könnte man etwa in Neuseeland 26 Quadratkilometer Land erwerben und die Menschen umsiedeln?

Dazu ist weder Neuseeland noch irgend ein anderes Land bereit. Für die älteren Einwohner ist die Umsiedlung zudem eine Bedrohung: Sie müssten lernen, mit einer Uhr zu leben – und mit Geld. Geld spielt in Tuvalu eine ganz marginale Rolle. Mir kamen manchmal fast Tränen, wenn ich realisierte, wie sehr Geld eine Gesellschaft verändert. Ich habe nicht einmal jemanden im Stress gesehen, nicht einmal jemanden laut werden hören. Die Tuvalesen haben etwas Einmaliges, eine einmalige Lebensqualität. Das ist jetzt keine sozialkitschige Betrachtung. Die Tuvalesen sagen das selber.

Am Ende blenden Sie eine Prognose des UNO-Umweltberichts ein: Dass der Meeresspiegel bei einer Erwärmung um etwa vier Grad um einen Meter steigen würde. Das beträfe 100 Millionen Küstenbewohner.

Es gibt nur Modellrechnungen. Der Klimawandel ist das grösste Experiment, das die Menschheit je gemacht hat. Und das Labor ist die Erdkugel. Aber bisher wurden leider alle Prognosen der Wissenschafter sogar übertroffen.

Wir könnten laut UNO-Bericht die Umkehr gerade noch schaffen, wenn wir jetzt drastisch eingreifen. Sind Sie optimistisch?

Nie im Leben! Diese Klimagipfel verlaufen ja seit Jahren immer genau gleich. Jedes Mal heisst es: Es ist fünf vor zwölf, wir müssen wirklich zusammenstehen und handeln. Doch im Ergebnis werden höchstens unverbindliche Massnahmen beschlossen.

Es scheint ein zu abstraktes Problem zu sein für die meisten.

Ich glaube, der Mensch ist nicht in der Lage aus intellektueller Erkenntnis heraus Entscheide zu fällen, die zunächst unbequem sind. Ich klage aber niemanden an. Ich will vor allem ein Stück Geschichte festhalten. In diesem Dokumentarfilm sieht man wahrscheinlich die letzte Generation von Jägern in Thule. Kulturen sind schon immer vergangen. Aber dass ein solcher Prozess von Menschenhand in solch riesigem Ausmass so schnell verläuft, das ist neu. Und alles, was sich verändert, verändert sich in Richtung unserer Kultur. Die Tuvalesen werden in zwanzig Jahren wahrscheinlich leben wie wir. Ich habe erlebt, was das für ein Reichtum ist, diese Kulturen zu haben. Das wird vergehen.

Noch eine sehr wichtige Frage: In Thule nimmt ein Inuit unerwartet ein Büchslein Aromat hervor und würzt damit sein Fleisch. Ein Geschenk von Ihnen?

Nein, ich käme nicht auf die Idee. Robbenfleisch essen in Grönland alle am liebsten mit Schweizer Aromat. Das ist wahrscheinlich die einzige, aber sehr starke Verbindung zwischen Grönland und der Schweiz.

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