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Ridley Scott erklärt, warum er Kevin Spacey raugeschnitten hat: «Kunst und Verhalten muss man trennen»

Getrennte Freunde Regisseur Ridley Scott (79, links) hat Darsteller Kevin Spacey (58, rechts) aus dem bereits fertig gedrehten Film «All the Money in the World» rausgeschnitten, nach dem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen Spacey bekannt wurden.

Getrennte Freunde Regisseur Ridley Scott (79, links) hat Darsteller Kevin Spacey (58, rechts) aus dem bereits fertig gedrehten Film «All the Money in the World» rausgeschnitten, nach dem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen Spacey bekannt wurden.

Was Schauspieler in ihrem Privatleben machen, interessiert Ridley Scott eigentlich nicht, trotzdem hat er Kevin Spacey aus seinem neuesten Film herausgeschnitten. Wie es dazu kam.

Ridley Scott fackelte nicht lange: Nach dem Missbrauchs-Skandal um Kevin Spacey schnitt er den Schauspieler kurzerhand aus dem fertig gedrehten Film «All the Money in the World» über die berüchtigte Getty-Enkel-Entführung in den Siebzigerjahren heraus und ersetzte ihn mit Christopher Plummer. Wie er diesen filmischen Präzedenzfall rechtzeitig zum geplanten Weihnachts-Filmstart in den USA umsetzte, erklärt der 80-jährige Regisseur via Skype aus London.

Wie haben Sie davon erfahren, dass Kevin Spacey über die Jahre junge Männer sexuell missbraucht haben soll?

Ridley Scott: Aus den News. Ich war komplett vor den Kopf gestossen. Ich habe bei den Dreharbeiten nie etwas gesehen, dass mich hätte aufhorchen lassen sollen. Aber ich suche auch nicht danach. Das tat ich nie. Es mag kaltschnäuzig klingen, aber mir ist eigentlich egal, was meine Schauspieler in ihrer Freizeit machen. Ich konzentriere mich auf meinen Job.

Wann war Ihnen klar, dass Sie Spacey ersetzen und nachdrehen wollten?

Das hat nicht lange gedauert. Ich habe nach den News auf einen Anruf von Herrn Spacey gewartet, damit er sich erklären konnte. Aber der kam nicht. Nicht einmal sein Manager oder sonst einer seiner Vertreter hat mich kontaktiert. Das gab mir die Freiheit zu machen, was ich wollte.

Glauben Sie, dass das Publikum negativ auf den Film reagiert hätte, wenn er mit Spacey ins Kino gekommen wäre?

Ja natürlich. Absolut. Ich musste reinen Tisch machen. Ich bin überzeugt, es war die richtige Entscheidung: Ich durfte es nicht zulassen, dass das schlechte Benehmen einer einzigen Person die grossartige Arbeit so vieler Leute kaputtmachte.

Wen haben Sie zuerst kontaktiert?

Meinen Produktionspartner und Financier Dan Friedkin, dann das Filmstudio Sony. Es stellte sich zuerst die Frage, ob Christopher Plummer verfügbar war. Denn ich hatte von Anfang an nur zwei Leute als John Paul Getty auf der Liste: Entweder er oder Kevin. Plummer hatte Zeit. Dann habe ich mich bei den anderen Schauspielern, Michelle Williams, Mark Wahlberg und dem jungen Charlie Plummer, erkundigt, wie es mit ihren Terminen aussah und ob wir die Schauplätze für die Dreharbeiten wieder bekommen würden. Das wussten wir alles innerhalb von zwei Tagen, denn mein Team ist sehr effizient. Dann gings los.

Sie sagen das so locker. Waren Sie nicht auch sauer?

Natürlich hat es mich genervt, dass ich die Szenen nachdrehen musste. Aber ich wusste, ich musste es machen. Zum Glück mussten wir das Drehbuch nicht ändern.

Wie haben Sie die Schauspieler von diesem gewagten Unterfangen überzeugt?

Das war nicht nötig. Sie waren sofort alle bereit. Ich fragte nur, wie viel Geld sie dafür verlangten. Aber alle drei sagten, sie kämen gratis nochmals. Und Chris Plummer war hocherfreut, dass ich ihn engagieren wollte. Ich hatte ihn durch Russell Crowe kennen gelernt, der mit ihm «The Insider» drehte. Er meinte, es sei endlich Zeit für eine Zusammenarbeit.

Welchen John Paul Getty finden Sie jetzt besser: Spacey oder Plummer?

Ich finde den neuen Herrn Getty besser. Chris Plummer bringt mehr Dimensionen und mehr Herz mit. Er hat Charme, aber wenn er seinen Text spricht, drückt er militärische Härte aus. Kevin hat einen guten Job gemacht. Ich bereue es nicht, ihn ursprünglich engagiert zu haben. Wir hatten auch ein ganz fantastisches Make-up für ihn. Ich habe Kevin aber auch gewählt, weil er dank der Hit-Serie «House of Cards» ein wertvolles Gut war und ich auch zuständig dafür bin, die Hintern in die Kinosessel zu bringen. Da helfen Leute, die man kennt.

Wird man die Spacey-Version eines Tages auf DVD sehen?

Das bezweifle ich. Es wäre nicht richtig.

Philosophisch gesehen: Darf man einen Künstler verachten, aber seine Kunst lieben?

Natürlich, sonst müsste ich ja meine Francis-Bacon-Bilder weggeben. Wie lächerlich wäre das denn! Arbeit ist das eine, was die Leute in ihrem Privatleben machen ist das andere – ausser es betrifft ein junge Altersgruppe, dann muss man eingreifen. Wir machen jetzt gerade eine Evolution durch, die zu lange auf sich warten liess. Die Zukunft gehört den Frauen, das sage ich schon lange. Wir müssen aber jetzt vorwärtsschauen. Wir sind im Show- business, und Unterhaltung ist unser Auftrag. Kunst und Verhalten muss man trennen. Ich werde auch jetzt keine Background-Checks machen, wenn ich einen Schauspieler engagiere. Hoffentlich haben wir etwas gelernt. Nicht alle werden etwas lernen, aber so ist das im Leben.

Sie sind soeben achtzig Jahre alt geworden. Hat Sie der Nachdreh nicht gestresst?

Ich bin vierzig und mich stresst nichts! (lacht). Beim Filmemachen passieren immer unvorhergesehene Sachen. Wenn jemand sagt, das Dach breche ein, dann schaue ich, dass wir uns etwas zur Seite bewegen und dass das Dach geflickt wird. Ich habe 4000 Werbespots, 30 Filme und 200 andere Produktionen hinter mir: Ich fange den Ball aus jeder Richtung.

Woher kommt diese Energie?

Von meiner Mutter. Mein Vater war in der Armee und immer weg. Sie hat drei Jungs grossgezogen: Tony, mich und meinen älterer Bruder, der als Schiffskapitän zwanzig Jahre im Südpazifik unterwegs war. Dazu bin ich ein Workaholic und ein Tennis-Fan, was mir meine Knie ruiniert hat. Die Person, die ich am allermeisten auf der Welt bewundere: Roger Federer!

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