Kino
Rassismus in der Traumfabrik: Hollywood macht Weisse zu Asiaten

Mit «Doctor Strange» und «Ghost in the Shell» kommen zwei weitere Blockbuster nach Comic-Vorlage ins Kino. Wo im Original Asiaten eine Hauptrolle spielen, setzt die Traumfabrik auf etablierte, weisse Filmstars.

Lory Roebuck
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Scarlett Johansson in «Ghost in the Shell»: Eine Petition gegen ihre Besetzung in der Verfilmung des japanischen Manga-Klassikers erreichte innert Stunden fast 100000 Unterschriften. Paramount Pictures

Scarlett Johansson in «Ghost in the Shell»: Eine Petition gegen ihre Besetzung in der Verfilmung des japanischen Manga-Klassikers erreichte innert Stunden fast 100000 Unterschriften. Paramount Pictures

Photograph by Jasin Boland

So schnell weicht süsse Vorfreude bitterer Enttäuschung. Die ersten Einblicke in die Hollywoodblockbuster «Doctor Strange» und «Ghost in the Shell» wurden mit Spannung erwartet. Doch bei ihrer Ankunft lösten sie einen Sturm der Entrüstung aus. Ein tibetanischer Mönch, gespielt von Tilda Swinton? Scarlett Johansson als japanische Cyberpunkfigur? Wo bleibt der Respekt der US-Filmstudios Marvel und Paramount vor den Comics, auf denen ihre Filme basieren?

«Ghost in the Shell» ist eine Verfilmung eines Manga-Klassikers von 1989. Die von Johansson – eine US-Amerikanerin mit dänischen Wurzeln – gespielte Figur Major Motoko Kusanagi gilt als Ikone der japanischen Populärkultur. Der renommierte japanische Mangazeichner Jon Tsuei kritisierte auf sozialen Medien: «Das ist nicht bloss eine Ausradierung asiatischer Gesichter, sondern eine Zerstörung unseres Kulturguts.» Eine Online-Petition gegen Johanssons Besetzung hatte innert Stunden fast 100 000 Unterschriften zusammen.

In den Comics von Marvel ist der von der Britin Swinton gespielte Figur The Ancient One eine Art Fu-Manchu-Verschnitt, die den Held Doctor Strange (im Film: Benedict Cumberbatch) unter seine Fittiche nimmt. Swinton wehrt sich in einem Interview mit dem «Hollywood Reporter»: «Niemand hat mich gebeten, eine asiatische Figur zu spielen.» Denn: Laut eigenen Aussagen haben die Filmemacher dem Ancient One kurzerhand einen keltischen Hintergrund verpasst.

Böse Erinnerungen

Die Besetzung dieser dezidiert asiatischen Rollen mit weissen Darstellern hat in Hollywood die Rassismus-Diskussion neu befeuert. Erst vergangenen Sommer sah sich US-Regisseur Cameron Crowe zu einer öffentlichen Entschuldigung genötigt, nachdem er seine gemischt-ethnische Hauptfigur – halb Hawaiianerin, halb Asiatin – mit der rothaarigen US-Schauspielerin Emma Stone besetzte. Sein Film «Aloha» wurde ein Flop. Auch weisse Stars wie Christian Bale, Jake Gyllenhaal und Johnny Depp sorgten jüngst für Kopfschütteln, als sie für nicht weisse Rollen gecastet wurden.

Weisse Stars spielen Nicht-Weisse

- Rooney Mara: Die US-Schauspielerin spielte in «Pan» (2015) die Indianerin Tiger Lily und versetzte «Peter Pan»-Fans in Rage.

- Christian Bale: Der Brite war in der Rolle des biblischen Moses in «Exodus: Gods and Kings» (2014) der Star einer ausschliesslich weissen Besetzung.

- Johnny Depp: In der Comicverfilmung «The Lone Ranger» (2013) schlüpfte der US-Superstar in die Rolle des schrägen Indianers Tonto.

- Ben Affleck: In seinem Oscar-prämierten biografischen Film «Argo» (2012) verkörperte der Amerikaner einen mexikanischen CIA-Agenten.

- Jake Gyllenhaal: Der US-Schauspieler mit schwedischen Wurzeln hüpfte in «Prince of Persia» (2010) als mittelöstlicher Blaublüter über Sanddünen.

- Mickey Rooney: Eines der berüchtigsten Beispiele: der Amerikaner Rooney als Japaner IY Yunoishi in «Breakfast at Tiffany’s» (1961).

Diese Form der ethnischen Säuberung wird unter dem Begriff «whitewashing» (weisswaschen) diskutiert und weckt böse Erinnerung an die mitunter düsteren Anfangsjahre der Traumfabrik. Damals war Schwarzschminken («blackface») – eine Praktik, die aus dem Theater übernommen wurde – noch gang und gäbe. Noch bis Ende der Dreissigerjahre wurden schwarze Film- und Fernsehfiguren fast ausnahmslos von weissen Darstellern in schwarzer Schminke gespielt.

Traumfabrik im Teufelskreis

Man sollte meinen, Hollywood sei nach dem #OscarsSoWhite-Debakel der letzten beiden Oscarverleihungen (unter den 40 nominierten Darstellern waren ausschliesslich Weisse) auf das Thema ethnische Vielfalt sensibilisiert. In Wirklichkeit steckt die Traumfabrik aber in einem Teufelskreis fest: Alle grossen Studios sind nach wie vor fest in der Hand von alten, weissen Männern (einzige Ausnahme: Universal Pictures). Und für sie zählt neben Weiss nur eine einzige andere Farbe: das Grün der Dollarnoten.

Konkret heisst das: Risikominimierung. Und Risikominimierung heisst: Man setze auf das, was an den Kinokassen bereits funktioniert – also weisse Stars wie eben Scarlett Johansson und Tilda Swinton. Denn schwarze Kassenmagneten wie Will Smith, Denzel Washington und Samuel L. Jackson sind immer noch Ausnahmen. Noch schlimmer steht es um die Asiaten: Sie haben heute in den USA gar keine Box-Office-Stars.

«Ghost in the Shell»-Drehbuchautor Max Landis wirft Kritikern dementsprechend vor, sie würden nicht verstehen, wie die Industrie funktioniert: «Es gibt derzeit einfach keine international etablierten Asiatinnen». Übersetzt: Schlagkräftige asiatische Darstellerinnen wie Rinko Kikuchi («Pacific Rim») oder Chiaki Kuriyama («Kill Bill») haben nicht annähernd die Zugkraft von Scarlett Johansson. Ähnlich argumentierte schon Starregisseur Ridley Scott bei seinem Moses-Epos «Exodus: Gods and Kings» (2014): «Bei einem derart grossen Budget kann ich es mir nicht leisten, die Hauptrolle mit einem unbekannten Mohammed-So-und-So zu besetzen.»

Ein Funken Hoffnung

Es ist ein selbst gemachtes Problem. Das Talent wäre eigentlich vorhanden. Nur schon im Grossraum Los Angeles – also direkt vor Hollywoods Haustür – leben riesigen Gemeinschaften von Schwarzen, Latinos und Asiaten. Doch Hollywood ist ein alter, elitärer Club, der nur Ausgewählten Zugang gewährt. Und der sich nur langsam ändert. Erst auf riesigen öffentlichen Druck hin begann beispielsweise die Oscar-Academy dieses Jahr damit, ihr Führungsgremium im Namen der Vielfalt neu zu besetzen.

Einen Funken Hoffnung verbreiten immerhin die neuen «Star Wars»-Filme: Schon «The Force Awakens» überraschte mit einem schwarzen Darsteller (John Boyega) in der Hauptrolle. Nun hat Regisseur Rian Johnson für die nächste Episode (die derzeit in London gedreht wird) eine der neuen Hauptrollen mit einer Asiatin besetzt: Newcomerin Kelly Marie Tran. Die Disney-Produktion geht als grosses Vorbild voraus, unter dem Motto: Wenn kein asiatischer Star vorhanden ist, machen wir einfach unseren eigenen.

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