TV-Serie

Präsident Underwood kämpft für seine Wiederwahl – sogar in der Realität

Schauspieler Kevin Spacey vor dem Präsidentenporträt seiner «House of Cards»-Figur in der Smithsonian’s National Portrait Gallery in Washington D. C.

Schauspieler Kevin Spacey vor dem Präsidentenporträt seiner «House of Cards»-Figur in der Smithsonian’s National Portrait Gallery in Washington D. C.

Bei «House of Cards» verschmelzen im Wahlkampfjahr Fiktion und Realität: Eine geschickt inszenierte Marketing-Kampagne für die vierte Staffel nutzt die Aufmerksamkeit im Zuge der Vorwahlen für die amerikanische Präsidentschaft.

Zwischen Vanitas-Muschel und der erschlafften Flagge der USA ereilt einen ein gnadenloser Blick. Geballt ruht des Präsidenten Faust mit Siegelring auf einem Tisch im Oval Office. Der übergrosse Halbschuh auf Gesichtshöhe zeugt von der Bereitschaft, dem Betrachter notfalls in die Visage zu treten.

Die Enthüllung eines neuen Präsidentenporträts in der National Portrait Gallery zu Washington Anfang dieser Woche verwirrt: Kein echter US-Präsident wird da der Nachwelt konserviert. Sondern Frank Underwood, fiktionales US-Oberhaupt aus der Netflix-Serie «House of Cards.»

Leute stehen an, um die «FU2016» Kampagne zu begutachten.

Leute stehen an, um die «FU2016» Kampagne zu begutachten.

Real sind nur die Präsenz seines Darstellers, des überlebensgrossen Kevin Spacey, dessen englischen Malers Jonathan Yeo und die Präsentation des grossformatigen Gemäldes in der Porträt-Sammlung des altehrwürdigen Smithsonian.

Yeo, der in seiner Laufbahn schon David Cameron und Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai porträtiert hat (und Spacey als Richard III., seiner Paraderolle am Old-Vic-Theater in London, verewigte), beschreibt das Porträt seriös als Kunst, die Leben imitiert, welches selbst Kunstform ist.

Für Chef-Kuratorin Brandon Fortune steht das Gemälde eines grossen Schauspielers (Spacey) in Maske (Underwood) in der Tradition eines Genres, das seit dem 19. Jahrhundert und vor Ankunft der Selfie-Kultur bei Schauspielern und Opernsängern gang und gäbe war.

House of Cards - Season 4 - Official Trailer - Netflix [HD]

House of Cards - Season 4 - Official Trailer - Netflix [HD]

Kampagne zum Serienstart

Grob gepinselt und pixeliert wie ein flickernder Bildschirm verweist das Gemälde auch auf einen medialen Subtext. Die Enthüllung des Underwood/Spacey-Porträts ist Teil einer Blitz-Kampagne zur Promotion von «House of Cards», der neuen Staffel des Netflix-Paradepferds, die am 4. März ins Internet gestreamt wird.

Bekanntlich dreht sich die Serie um die rücksichtslosen Machenschaften von Francis J. Underwood, seinen Aufstieg vom Powerbroker im US-Senat zum Präsidenten, der auch vor mehrfachem Morden nicht Halt macht. «House of Cards» appelliert an unsere zynisch-sadistischen Instinkte im Geiste einer übersteigerten Bösewicht-Fantasie. Wie passt dazu der seriöse Anlass in der arrivierten Portrait Gallery?

Nicht allzu sehr. Nicht Präsident Underwood wird Teil der Portrait Gallery. Die nationale Institution wird kurzerhand dem «House of Cards»-Universum einverleibt – zwecks Promotion.

In der vierten Staffel der Serie kämpft der amtierende Präsident Underwood im Wahljahr 2016 um seine Wiederwahl. «House of Cards» könnte vor dem Hintergrund des echten Wahlkampfgeschehens um Trump und Clinton thematisch nicht besser ins Zeitgeschehen fallen: Kunst und das von ihr imitierte Leben laufen simultan und parallel. Lässt sich ein reizvollerer Kontext für eine Unterhaltungsserie denken?

House of Cards Season 4 Teaser Trailer 2 (2016) Kevin Spacey Netflix

House of Cards Season 4 Teaser Trailer 2 (2016) Kevin Spacey Netflix

Underwood 2016 for President!

Dazu zieht die Produktions- und Vertriebsfirma Netflix alle Register der Marketingkunst. Der fiktionale Underwood zieht in die reale Welt ein. Nicht nur werden Journalisten zur Enthüllung des Abbilds von Frank Underwood (oder Kevin Spacey?) geladen. Präsident Underwood hält gleichen Abends Hof an einer Gala zu Ehren des frisch Porträtierten – in Anwesenheit von nationalen Medien- und Polit-VIPs, auch aus dem Weissen Haus.

Damit nicht genug: Schon im Dezember erschienen während einer Debatte der Republikaner Werbespots für Präsident Underwood 2016 auf Netflix. Seit Februar existiert ein physisches Hauptquartier von Underwoods Wiederwahl-Komitee in Greenville, South Carolina. Unter www.FU2016.com findet man eine Internetseite, die ganz im Dienst von Präsident Underwoods Wiederwahl steht und mit professionellem Merchandising und Social-Media-Accounts so manchen echten Kandidaten in den Schatten stellt.

Nicht zuletzt hat Kevin Spacey am vergangenen Sonntag auch noch seine eigene Instagram-Seite vorgestellt: Mit einem Foto vor dem Weissen Haus und dem Kommentar, er sei «ein Mann des Volkes», der gerne «ein Selfie vor seinem Zuhause aufnehme».

Hinter der gigantischen Promotion stehen Strategen von Netflix. Die spektakuläre Kampagne verfolgt ein Ziel: neue Abonnenten für das hausgemachte «House of Cards» zu gewinnen. Denn das ehemalige DVD- und Video-Versandhaus erzielt seine Einnahmen nicht durch Werbung. Sein Umsatz wird durch weltweit knapp 80 Millionen Online-Abonnenten generiert, Tendenz steigend. Die Sendung ist Werbeträger in eigener Sache. Damit das funktioniert, braucht es spektakuläre, auf Wiedererkennungswert abzielende PR-Aktionen.

Entsprechend straff geführt ist die Kampagne vor dem Launch am 4. März. Auf die Frage an Kevin Spacey, welchen Präsidentschaftskandidaten er unterstützen würde, antwortete Underwood: «Ich muss meine eigene fiktionale Wahl gewinnen!»

Wahltag ist am 4. März – auf Netflix.

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