Debatte
Maddie Ziegler: Mal wahnsinnig süss, mal unglaublich anstössig

Sie ist der Star der US-Reality-Serie «Dance Moms». Und tanzt seit Kurzem auch durch den Videoclip von Sia. Solange Maddie Ziegler im Bikini tanzt, ist Amerika entzückt. Doch rauft sie mit einem 17 Jahre älteren Mann, ist das pädophil.

Anna Kardos
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Kaum ist da ein Mann, dessen Gesicht sie berührt, wird es besorgten Müttern schlecht.

Kaum ist da ein Mann, dessen Gesicht sie berührt, wird es besorgten Müttern schlecht.

HO

Kennen Sie Maddie Ziegler? Wahrscheinlich ist sie Ihnen schon mal über den Weg getanzt, etwa in der trashigen US-Reality-Serie «Dance Moms». Unter der Fuchtel ihrer desperate moms trainieren dort kleine Mädchen von Turnier zu Turnier. Das Tenü? Mal Bikini, mal Tutu – Hauptsache Barbie en miniature. Und Amerika ist entzückt.

Denn im Land, wo jeder Tellerwäscher Millionärspotenzial hat, ist man wenig zimperlich, was mütterlichen Ehrgeiz betrifft – oder kindliche Barbiepuppen. Dass Maddie trotz ihrer zwölf Jahre mit einer zentimeterdicken Schicht Make-up im Gesicht auftritt, dass sie mit ihrer ebenfalls in der Show tanzenden, zehnjährigen Schwester ein eigenes Modelabel hat? Come on, that’s part of the game.

Und Maddie hat Starpotenzial. Ihre Pirouetten sind zwar weder graziler als die der übrigen Ballett-Eleven, noch ihre Sprünge vollendeter. Doch sie hat etwas an sich, das die Augen der Zuschauer anzieht wie ein Magnet. Vielleicht hat es mit ihren riesigen Augen zu tun, vielleicht mit den Beinen bis zum Hals. Aber vor allem mit ihren Bewegungen: In diesen steckt etwas Unmittelbares. Eine Urgewalt – gehüllt in den zarten Ballettmädchenkörper. So etwas hat man oder man hat es nicht.

Maddie als tanzende Miniatur-Barbie finden US-Sittenwächter entzückend. HO

Maddie als tanzende Miniatur-Barbie finden US-Sittenwächter entzückend. HO

Maddie hat es. Wohl deshalb hat letztes Jahr die australische Popsängerin Sia das Mädchen für ihr «Chandelier»-Video gecastet. Denn Maddie verkörpert exakt das Gefühl, das die Sängerin besingt: den absoluten Moment ohne Davor und Danach – bei Sia herbeigeführt durch Alkohol und bei Maddie durch kindlichen Übermut.

Das Spiel mit der Nacktheit

Ist sie nackt oder nicht, schiesst einem durch den Kopf, im Moment, wo man das Mädchen erblickt. Alle Viere von sich gestreckt, stemmt sie sich in einen Türrahmen. Bekleidet nur mit einem hautfarbenen Trikot und einer Cleopatra-Perücke in Platinblond. Mit diesem Bild beginnt der Videoclip. Und damit sind die Weichen im Hinterkopf gestellt, die Fahrtrichtung «Erotik» wird man nicht mehr ganz los. Vielleicht soll man auch nicht, wird im Songtext doch der Rausch der Nacht besungen, wo man sich Drink um Drink fallen lässt – bis zum bösen Erwachen am Morgen.

Ist sie nackt oder nicht? Maddie Ziegler tanzt im Videoclip von Sia zu «Chandelier».

Fallen lässt sich im Videoclip auch Maddie – rücklings auf ein Sofa. Das Verkorkste im Song wird durch die Anmut des Mädchens zu einer Mischform, fast irreal schön. Doch ist nicht gerade die Vielschichtigkeit ein Merkmal von Kunst? Statt auf verschiedenen Kanälen dasselbe abzubilden, zieht sie mehrere Ebenen ein, lässt der Fantasie Flügel nach allen Seiten wachsen. Auch das Setting flüstert einen Subtext: Der Raum erinnert an Bilder von Balthus, dem Maler mit Vorliebe für kleine nackte Mädchen. Sogar die Perücke könnte einem seiner Modelle gehören. Oder ist es mehr eine Kobold-Frisur? Die einer Puppe? Oder eines Alter Ego von Sängerin Sia, die den selben Haarstyle trägt? Das Schillernde des Clips und der Zauber der tanzenden Maddie blieben nicht unbemerkt. Das Video wurde mit Preisen überhäuft und auf Youtube mehr als 500 Millionen Mal angeklickt.

Kennen Sie Maddie Ziegler? Auf diese Frage antworteten plötzlich sehr viele Menschen mit «ja». Und seit einigen Wochen werden es immer mehr, seit Sias neuer Song «Elastic heart» auf dem Markt ist. Erneut verkörpert darin Maddie Ziegler das von Sia besungene Grundgefühl, in demselben Trikot, derselben Perücke. Doch diesmal ist alles anders. Der Song handelt von Nähe und vom Verlassenwerden. Und statt Preise und Grammys hagelt es wüste Beschimpfungen. Der Grund? Diesmal spielt neben Maddie auch der Schauspieler Shia LaBeouf mit. Der Altersunterschied der beiden beträgt 17 Jahre: Maddie ist 12, Shia 29. Weil Mann und Mädchen sich im Clip gegenseitig jagen, tragen, beissen und fangen, wittern besorgte Zeitgenossen eine Anleitung zur Pädophilie. Und in diesen Fragen ist Amerika zimperlich. «Ich musste fast kotzen, als ich das Video sah», sagt eine besonders sensible Mutter.

Das gefällt den US-Bürgern schon weniger: Das 12-jährige Mädchen im halbnackten Ringkampf-Tanz mit dem 29-jährigen Shia LaBoeuf.

Einmal hui, einmal pfui

Dabei ist im neuen Film nichts anstössiger als im ersten. Während Videos von Shakira oder Rihanna die Sängerinnen in unmissverständlichen Posen zeigen, ist hier gar nichts explizit. Niemand wird ungebührlich angefasst, niemand in sexuellen Posen gezeigt. Auch das Setting flüstert statt «Balthus», diesmal «Arena» oder «Gladiatorenkampf» – entsprechend verschmutzt sind die Trikots der Darsteller. Und Maddie tanzt weniger, als dass sie kämpft. Ist ihr Gegenüber ein Ringer? Ein Mann, der ein Kind begehrt? Ist es ein Kampf zwischen Mensch und Tier? Oder ganz einfach zwischen zwei Charakteren?

Sie habe sich den Clip mit niemand anderem als mit diesen zwei Darstellern vorstellen können, rechtfertigt sich Sia bei allen, die am gemeinsamen Auftritt von Mädchen und Mann Anstoss finden. Doch die Frage bleibt: Wenn Vielschichtigkeit ein Merkmal von Kunst ist, warum darf sie der Fantasie das eine Mal Flügel nach allen Seiten wachsen lassen, und ein anderes Mal nicht? Warum gilt das Vexierspiel mit vermeintlicher Nacktheit, mit Anklängen an Balthus als hohe Kunst und das Vexierspiel mit Bekämpfen und Berühren zwischen Mann und Kind als Anleitung zu Pädophilie? Ist es der Dreck auf den Trikots, der «Achtung, schmutzig!» schreit? Ist es schlicht die Anwesenheit eines Mannes, die den Missbrauch-Alarm schrillen lässt? Möglicherweise funktionieren unsere Gehirne tatsächlich so simpel. Trotzdem erinnert die Debatte an einen Rorschach-Test. Dargestellt sind beide Male schwarze Flecken. Und was jemand aus diesen herausliest, sagt mehr über
den Betrachter aus als über das Dargestellte.

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