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Luzerner «Tatort»: Flücki und Liz quittieren nach 17 Folgen ihren Dienst

Treten genauso einvernehmlich ab, wie sie angetreten sind: die Luzerner «Tatort»-Darsteller Stefan Gubser und Delia Mayer.

Treten genauso einvernehmlich ab, wie sie angetreten sind: die Luzerner «Tatort»-Darsteller Stefan Gubser und Delia Mayer.

Am 24. Oktober ermitteln die Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard zum letzten Mal. Die Folge «Der Elefant im Raum» wird als eine ihrer besten in Erinnerung bleiben.  Warum man dem Luzerner «Tatort» nach 17 Folgen dennoch keine Träne nachweinen wird.

Am Ende stehen sie an der Reling von Flückigers Segelboot. Liz zu Flücki, mit Wehmut in der Stimme: «Blöd, dass du keine Frau bist.» Flücki grinst in sich hinein. Seine letzten Worte: «Nobody is perfect.» So schliesst die am Sonntag ausgestrahlte letzte Luzerner «Tatort»-Folge.

Ein selbstironisches Fazit auf neun lange Dienstjahre ist das. Denn perfekt war er nie, der Luzerner «Tatort». Da waren sich die Kritiker (zu) schnell einig. «Echter Käse», befand die «Bild»-Zeitung schon zum Dienstantritt Flückigers 2011. Auf der ewigen Rangliste des Fanportals tatort-fundus.de wurden bis auf drei Luzerner Fälle alle auf die hintersten Ränge verwiesen. Fälle für die Mülltonne aus Sicht von hartgesottenen «Tatort»-Fans. «stinklangweilig», «dilettantisch», «zu routiniert». Über gutes Schweizer Mittelmass kamen die Folgen selten hinaus.

Nach 17 Folgen ist also Schluss. Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) segeln aus dem Luzerner Seebecken ins Offene, und niemand spielt traurige Seemannslieder. Nach Luzern hatte Flücki vor neun Jahren sein Segelschiff vom Bodensee verlegt, und war vom Liebhaber von Ex-Bodensee-Kommissarin Klara Blum zum Kommissar mit Sendeplatz avanciert. Darsteller Stefan Gubser war an diesem Manöver aktiv beteiligt gewesen. Es ist sein Verdienst, dass er als Filmproduzent dem Schweizer «Tatort» nach fast einem Jahrzehnt Sendepause – der Berner «Tatort» wurde 2002 eingestellt – zu einem Revival verhalf.

Viel getan, aber Vieles zu zögerlich

Was hat man nicht alles versucht, um den Luzerner «Tatort» besser zu machen? Man tat viel, aber Vieles zu zögerlich. Nach der ersten Folge, die dem SRF so peinlich war, dass man nachträglich eine Kuhglocken-Szene herausoperierte, ersetzte man Sofia Milos, Ex-Star der US-Serie «CSI: Miami», durch die bodenständigere Delia Mayer. Die Ästhetik einer US-Serie gab man auf. Blasse Nebenfiguren sparte man ein und befreite Regierungsrat Mattmann (Jean-Pierre Cornu) von seinem politischen Amt, um ihn als direkter Vorgesetzter näher an die Kommissare heranzurücken.

Weil die Schokoladenschweiz beim Schweizer Publikum nicht ankam, ersetzte man das schöne Wetter bald gegen die verregnete Echtwetterlage und trieb nach zehn Folgen die heiligen Kühe der Tourismus-Schweiz von der Alp. Fuhren Regisseure wie Markus Imboden, Tobias Ineichen oder Sabine Boss noch mit helvetischem Geschütz wie einer Armbrust auf und liessen die Kommissare sich gegen Mistgabeln schwingende Bergler behaupten, wurde der Ton in den letzten Jahren rauer. Das zahlte sich aus: Mit dem Sniper-«Tatort» «Ihr werdet gerichtet» aus dem Jahr 2015 (Regie: Florian Froschmayer), der aus der Perspektive eines Serienmörders gedreht wurde, erreichte ein Luzerner «Tatort» unter Fans erstmals Kultstatus. Die Folge rangiert bis heute auf der 1120 langen tatort-fundus-Rangliste auf Platz 52.

Der Mut zum Experiment kam zu spät

Leider kamen die Experimente – etwa die in einem Take gedrehte KKL-Folge «Die Musik stirbt zuletzt» (2018) - zu spät, um sich nochmals in die Herzen der Zuschauer zu spielen.

Die Deutschen störten sich früh an den holprigen und langatmigen Synchronisierungen der Mundartfolgen und an der Beziehungslosigkeit zwischen Flückiger und Ritschard, denen das SRF etwas gar viel Schweizer Diskretion eingeimpft hatte. Dies zu einer Zeit, als in deutschen «Tatorten» zur Hälfte der Sendezeit das Privatleben der Figuren dramatisch ausgewälzt wurde. Auch wenn man die Figuren gegen Ende dann doch mit mehr Privatleben ausstaffiert hatte – Flückiger durfte sich nochmals verlieben, Mayer sich als Lesbe outen: Mit der Emotion taten sich die Schweizer schwer. Wut blieb in Luzern leise. Gubser und Mayer mussten ihr schauspielerisches Talent hinter einer öden Beamtenmiene verbergen. Dass Gubser damit haderte, dass seine Figur in diesen starren Vorgaben beinahe erstickte, liess er öfters durchblicken.

Die letzte Folge wird die Beste sein

Seinen Job ist Flückiger nach Folge 17 los. Kollegin Ritschard wird in einer unbestimmten Zukunft, die nicht mehr von Fernsehkameras begleitet wird, seinen Chefposten übernehmen. Auf einen Heldentod hat er verzichtet. Ausgerechnet mit der letzten Folge «Der Elefant im Raum», die in atemlosem Tempo und einem pulsierenden Vorwärtsdrängen die Verfilzung zwischen Politik, Medien und Wirtschaft aufdeckt, liefert das SRF einen seiner besten «Tatort»-Folgen überhaupt. Ein Anschlag auf einen Raddampfer, auf der die angebrannte Crème de la crème der Gesellschaft Bio-Wachteleier mit Wasabi-Püree verspeist, enthüllt deren kriminelle Machenschaften. Oder sind es nur Verschwörungstheorien?.

In einer entfesselten Lust an Konventionsbrüchen, wie sie nur am Ende einer «Tatort»-Ära möglich ist, darf Flückiger das Korsett seiner Reserviertheit endlich sprengen und spielt sich frei. Er kämpft, er flucht, er boxt und bodigt brutal einen Verschwörungsjournalisten, der mit Sätzen wie «Ich bin sicher nicht der Erste, der Ihnen sagt, wie Sie Ihren Job machen müssen» im übertragenen Sinn für die Medienschelte steht, die den Luzerner «Tatort» ein Jahrzehnt lang begleitet hat. Es sind keine gewöhnlichen «Tatort»-Sätze, sondern Sätze, die direkt auf Flückigers Existenz zielen, wie etwa: «Deine Zeit ist vorbei. Du kannst nicht einfach machen, was du willst.» Flückiger kontert mit entfesselter Wut, die ihn am Ende seinen Job kosten wird. Als wolle er sagen: «Doch ich kann. Scheiss auf das System ‹Tatort›», hält er seinen Kopf hin, um das Vertrauen in das beliebte Fernsehformat zu retten. Heldenhaft.

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Autor

Julia Stephan

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