Streaming-Tipps
Klischiert und trotzdem gut: «Caïd» auf Netflix und «Mon cousin anglais» aus der Schweiz lohnen sich

Einmal brutal und überdreht, einmal stoisch in sich gekehrt: Netflix und ein Schweizer Dok thematisieren Migrantenmilieus entgegengesetzt.

Daniel Fuchs
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Franck (links) arbeitet für den Gangsterboss Tony in «Caïd».

Franck (links) arbeitet für den Gangsterboss Tony in «Caïd».

Bild: Netflix

Franck, Musikvideoproduzent, und sein Kameramann fahren für einen Auftrag in das Aussenquartier einer nicht genannten südfranzösischen Stadt. Als sie realisieren, in welch kriminelles Gangsterumfeld sie da gerade hineingeraten sind, ist es bereits zu spät. Sie landen in den Fängen der Gang von Tony, einem Drogendealer und Gangster-Rapper, der das Filmteam für den Dreh eines Musikvideos engagiert hat, und bald finden sich die Filmer auch noch in einem Bandenkrieg.

Die Geschichte ist fiktiv. Gedreht wurde der Film mit Handkameras und mit seinen verwackelten Bildern und seiner dokumentarischen Optik fühlen wir Zuschauer Franck und seinem Kameramann sehr gut nach.

Mini-Serie mit Mini-Episoden

Netflix hat produziert, die zehn Episoden sind bloss 8 bis 15 Minuten kurz, aneinandergereiht ist das eigentlich ein Spielfilm. Netflix hätte daraus auch einen machen können, gäbe es ihn nicht bereits – «Caïd» basiert auf dem gleichnamigen Low-Budget-Film derselben Regisseure Ange Basterga und Nicolas Lopez aus dem Jahr 2017. Doch das Serienformat mit den kurzen Episoden ist für diese Geschichte ausgezeichnet gewählt. Man kann sich die zehn Episoden gut am Stück anschauen. Wem der Stoff zu ungeschminkt, zu hart und zu verwackelt daherkommt, kann nach ein paar Episoden ein paar Tage Pause einlegen.

Auffallend ist, wie Frankreich zu einem Ort für aufsehenerregende Netflix-Projekte geworden ist. Die Liste französischer Netflix-Produktionen ist in der Zwischenzeit beachtlich. Zuletzt sorgte «Lupin» mit dem Franzosen-Allstar Omar Sy als trick- und charmereicher Meisterdieb Arsène Lupin in der Hauptrolle für Furore. Mit dem experimentelleren Serienformat «Caïd» probiert Netflix nun etwas Spezielles aus.

Der Begriff «Caïd» («Dealer» heisst die Serie auf Deutsch) ist eine arabische Bezeichnung mit Wurzeln in Nordafrika für Nobelmänner. Im Französischen wird der Begriff umgangssprachlich benutzt für «Gangsterboss». Die Serie spielt denn auch im südfranzösischen Strassenmilieu, das stark von eingewanderten Algeriern geprägt ist.

Nah dran ist auch dieser Schweizer Dok

Im selben algerisch geprägten Einwanderungsmilieu angesiedelt ist auch der Schweizer Dokfilm (Koproduktion mit Katar) «Mon cousin anglais».

Fahed ist der Cousin aus England von Karim Sayad in dessen Dok «Mon cousin anglais».

Fahed ist der Cousin aus England von Karim Sayad in dessen Dok «Mon cousin anglais».

Bild: Filmtor

Der schweizerisch-algerische Regisseur Karim Sayad begleitet darin seinen Cousin Fahed, mit dem er vor 20 Jahren nach Europa gekommen ist. Fahed blieb in England, kommt nach all den Jahren kaum über den Mindestlohn und hat mehrere Jobs und wenig Schlaf. Der Dok begleitet den von der Arbeit gezeichneten Fahed, der in einer Fabrik und in einer Döner-Pizza-Bude arbeitet. Kaum je hat man einen so müde aussehenden Protagonisten gesehen.

Fahed jedenfalls steckt in einer Midlife-Crisis und will zurück nach Algerien.

Keineswegs einschläfernd, nimmt dieser Dok einen eng an der Hand und begleitet Fahed durch seine Welt voller Zweifel und durch seine alte und neue Heimat im Aufruhr (Proteste gegen den Machthaber Bouteflika in Algerien, der Brexit in Grossbritannien). Wo wird Fahed Fuss fassen?

«Caïd» läuft auf Netflix, «Mon cousin anglais» (CH/QAT 2019, 82 Min.) auf Filmingo.

Und hier geht's zu den Trailern:

«Caïd» («Dealer») auf Netflix.

Youtube

«Mon cousin anglais» auf Filmingo.

Youtube