Kultur

Kinodrama «Adam»: Die ungewöhnliche Freundschaft zweier Frauen

Überzeugen in ihren Rollen: Samia (links) und Abla.

Überzeugen in ihren Rollen: Samia (links) und Abla.

Maryam Touzani verknüpft in ihrem Kinodebüt «Adam» zwei Frauenschicksale zu einer Parabel über Solidarität.

Die verwitwete Abla lebt mit ihrer achtjährigen Tochter Warda in der Altstadt von Casablanca. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, verkauft sie Selbstgebackenes: Brot und Süssgebäck.

Einfach ist ihr Leben nicht. Die Trauer um ihren Mann nagt an Abla. Sie wirkt verhärmt, mag mit Warda nicht spielen, geschweige denn lachen. Kurz angebunden weist sie denn auch die Fremde ab, die eines Tages bei ihr anklopft: Samia, Mitte zwanzig, schwanger.

Junge Schwangere trifft auf verschlossene Türen

Mit Samia, die auf der Suche nach Arbeit durch die Gassen von Casablanca irrt, nimmt der erste Kinofilm der Marokkanerin Maryam Touzani seinen Anfang. Samia geht von Haus zu Haus. Als Frisöse bietet sie sich an, oder als Köchin. Sie könne auch im Haushalt helfen oder in der Pflege. Doch die Türen schliessen sich vor ihr: Für eine junge Schwangere, die keinen Mann hat, kennt die (patriarchische) Gesellschaft keine Verwendung.

Touzani, die ihren Film ausgehend von einer persönlichen Begegnung aufbaute, lässt die Gründe, die Samia in ihre missliche Situation brachten, weitgehend offen. Man erfährt bloss, dass sie aus einem Dorf in den Bergen stammt, der Kindsvater weg ist, Samia von ihrer Familie keine Hilfe erwartet. Und dass sie ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben will.

Erschöpft von ihrem Bittgang richtet sich Samia in einem Toreingang ein, wo sie Abla spätnachts bei einem Blick aus dem Fenster entdeckt. Abla beginnt mit sich zu ringen. Vielleicht, ja gar wahrscheinlich, hat sie dabei Wardas Worte im Ohr, welche die Unterhaltung der beiden Frauen am Nachmittag belauschte und ihre Mutter danach fragte, ob sie denn nicht froh um Hilfe in der Backstube wäre.

Zuckerteigspezialität bricht das Eis

Abla holt Samia ins Haus. Für eine Nacht bloss. Doch es folgen ein Tag und eine weitere Nacht. Dann überrascht Samia Abla mit einem Blech voller Rzizas, einer in der Herstellung aufwendige, in Marokko beliebte Zuckerteigspezialität. Nicht zuletzt vermittelt durch Warda, die Samia spontan in ihr Herz schliesst, entwickelt sich zwischen den Frauen eine Freundschaft.

Touzani erzählt fokussiert auf die Einheit von Ort, Zeit, Handlung und den weiblichen Körper: die dunkle, aber gemütliche Wohnung, die zwei Frauen, das Mädchen, Samias – auch im übertragenen Sinn – immer mehr Raum einnehmender Bauch. Nur selten wird die Dreisamkeit von aussen gestört, führt die Erzählung hinaus ins quirlige Treiben der Stadt.

In erdigen Farbtönen gehalten und von Virginie Surdej sensationell schön fotografiert, führt «Adam» ins Innere einer Frauenwelt, die fremden Blicken sonst verborgen bleibt. Getragen vom starken Spiel der Protagonistinnen – Lubna Azabal und Nisrin Erradi – ist «Adam» ein ausnehmend feinfühliger und beeindruckender Film, dem zu erklären gelingt, worin die ­Stärke selbst gesellschaftlich schlechter gestellten Frauen liegt: ihrer Fähigkeit, Leben zu schenken, und ihrer Solidarität.

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