Kultserie
Im elften Luzerner «Tatort» werden Grenzen überschritten – die Kritik

Im elften Luzerner «Tatort» geht es darum, was der Krieg mit Menschen macht. Gute Darsteller retten eine oberflächliche Geschichte.

Michael Graber
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Luzerner «Tatort – Kriegssplitter»
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Nurali Balsiger (Joel Basman) mit seinem verletzten Onkel (Jevgenij Sitochin) auf der Flucht.
Laura Balsiger (Magdalena Neuhaus, r.) entdeckt bei ihrer Schwägerin Nura Achmadova (Yelena Tronina, l.) eine Waffe.
Reto Flückiger (Stefan Gubser) mit seiner Affäre, Eveline Gasser (Brigitte Beyeler), im Hotelzimmer.
Nurali Balsiger (Joel Basman) erhält Besuch von seiner Zwillingsschwester Nura (Yelena Tronina).
Nura Achmadova (Yelena Tronina) wird über die Schweizer Grenze geschleust.
Liz Ritschard (Delia Mayer, r.)) und Corinna Haas (Fabienne Hadorn, mit dem Rücken zur Kamera) am Tatort. Links: Daniel Mangisch als toter Journalist.
Nura Achmadova (Yelena Tronina, l.) auf der Suche nach ihrer Vergangenheit. Rechts: Natalia Bobyleva als Ena Abaev.

Luzerner «Tatort – Kriegssplitter»

Daniel Winkler/SRF

Beide sind dabei, Grenzen zu überschreiten. Nura (Yelena Tronina) lässt sich mittels Schlepper in die Schweiz bringen und Reto Flückiger (Stefan Gubser) schleicht sich ins Hotel Luzernerhof, um sich dort mit seiner verheirateten Affäre Eveline (Brigitte Beyeler) zu treffen. Die Eröffnungssequenz des elften Luzerner «Tatort» «Kriegssplitter» stellt diese Grenzüberschreitungen einander gegenüber.

Das ist durchaus gelungen. Während Flückiger Eveline den BH öffnet, muss sich Nura gegen einen aufdringlichen Mann wehren, der sie zuvor von der Grenze nach Luzern gefahren hat. Während beim Kommissar und seiner Affäre die pure Lust das Motiv ist, spürt man bei Nura schon früh, dass etwas Dunkles hinter der schönen, aber stets etwas traurigen Fassade gärt.
Und während sich Flückiger und Eveline auf dem Balkon nach dem Schäferstündchen etwas verlüften, knallt im gleichen Hotel zwei Stöcke weiter oben ein Mann durchs Fenster. Er landet leblos auf einem Auto. Und als der Kommissar rasch in das Hotelzimmer des Toten eilt, wird er niedergeschlagen und erwacht erst unter dem mehrmaligen Schnippen seiner Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer). Evelines Mann hat da längst von der Affäre erfahren, und Flückigers kleine Welt implodiert.

Der Tote war Journalist und einem tschetschenischen Kriegsverbrecher auf der Spur, der mittlerweile unter falschem Namen in Luzern lebt. Und wie es der dramaturgische Zufall will: Genau jenen sucht auch Nura.

Viele Nebenschauplätze

Ihre Motivation, die Grenze zu überschreiten, ist: Rache. Mithilfe ihres Zwillingsbruders Nurali (Joel Basman), der wie der Kriegsverbrecher in Luzern lebt (die Kinder wurden nach dem Tod ihrer Eltern zur Adoption freigegeben), erhofft sie sich, den Mann zu finden. Sie beschuldigt diesen – der übrigens auch noch ihr Onkel ist –, ihre Mutter als Selbstmordattentäterin in den Tod geschickt zu haben.

Was jetzt kompliziert klingt – und es sind noch längst nicht alle Nebenschauplätze erwähnt –, ist es im «Tatort» selber nicht unbedingt. Regisseur Tobias Ineichen fügt die zahlreichen Handlungsfäden nach und nach zusammen und man erfährt durchaus auch noch ein bisschen was über den Tschetschenien-Konflikt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Was dem Verständnis der Geschichte sicher entgegenkommt, ist das für Luzerner «Tatorte» fast schon typische, plätschernde Erzähltempo. Leider ist dieses Plätschern aber dem Rest nicht unbedingt förderlich: Es macht den Krimi etwas zähflüssig.

Dass dieser «Tatort» trotzdem nicht allzu schwer verdaulich gerät, ist vor allem Nurali und Nura zu verdanken. Joel Basman und Yelena Tronina spielen das ungleiche Geschwisterpaar schlicht sensationell. Sie zeigen auch auf, was die titelgebenden «Kriegssplitter» sind: Spuren, die der Krieg hinterlassen hat. Splitter, die stecken bleiben, auch wenn man sie gar nicht immer sehen muss. Vieles in diesem Luzerner «Tatort» dreht sich um seelische Versehrungen und wie mit ihnen umzugehen ist. Gut und Böse ist im Krieg immer eine Frage der Perspektive.

Es bleibt aber doch einiges an der Oberfläche in diesem düster gehaltenen Sonntagabendkrimi. Zudem sind einige Figuren sehr aus der Klischeekiste hervorgeholt. Etwa der schweigsame Killer der Russen oder der aalglatte Botschafter. Da verliert der Krimi jeweils noch etwas mehr an Fahrt – wohlgemerkt: Wirklich schnell ist er nie.

Die 22 aktuellen «Tatort»-Kommissare
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München: Batic und Leitmayr. Udo Wachtveitl als Hauptkommissar Franz Leitmayr und Miroslav Nemec als Hauptkommissar Ivo Batic.
Freiburg: Kommissarin Berlinger. Heike Makatsch spielt Kommissarin Ellen Berlinger.
Konstanz: Blum und Perlmann Eva Mattes als Hauptkommissarin Klara Blum (links), Sebastian Bezzel als Kommissar Kai Perlmann (rechts).
Kiel: Borowski und Brandt. Axel Milberg als Hauptkommissar Klaus Borowski, Sibel Kekilli als Kommissarin Sarah Brandt.
Weimar: Dorn und Lessing. Lessing (Christian Ulmen) und seine Kollegin Kira Dorn (Nora Tschirner)
Wien: Eisner und Fellner. Harald Krassnitzer als Chefinspektor Moritz Eisner, Adele Neuhauser als Major Bibi Fellner.
Dortmund: Faber, Bönisch, Dalay und Kossik. Die "Tatort"-Kommissare Martina Boenisch (Anna Schudt), Peter Faber (Joerg Hartmann) und Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske).
Hamburg: Falke und Grosz. Wotan Wilke Möhring als Kommissar Thorsten Falke, Franziska Weisz als Oberkommissarin Julia Grosz.
Luzern: Flückiger und Ritschard. Stefan Gubser als Kommissar Reto Flückiger, Delia Mayer als Komissarin Liz Ritschard.
Frankfurt: Janneke und Brix. Margarita Broich als Hauptkommissarin Anna Janneke, Wolfram Koch als Hauptkommissar Paul Brix.
Stuttgart: Lannert und Bootz. Richy Müller als Kommissar Thorsten Lannert, Felix Klare als Kommissar Sebastian Bootz.
Hannover: Lindholm. Maria Furtwängler als Hauptkommissarin Charlotte Lindholm.
Bremen: Lürsen und Stedefreund Sabine Postel als Hauptkommissarin Inga Lürsen, Oliver Mommsen als Kommissar Stedefreund.
Wiesbaden: Murot. Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot.
Ludwigshafen: Odenthal und Hoppe. Die "Tatort"-Kommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Andreas Hoppe (Mario Kopper) ermitteln in Ludwigshafen.
Berlin: Rubin und Karlow. Meret Becker als Hauptkommissarin Nina Rubin, Mark Waschke als Hauptkommissar Robert Karow.
Dresden: Sieland, Gorniak und Schnabel. Alwara Höfels als Oberkommissarin Henni Sieland, Karin Hanczewski als Oberkommissarin Karin Gorniak und Martin Brambach als Leiter Peter Michael Schnabel.
Saarbrücken: Stellbrink und Marx. Devid Striesow als Kommissar Jens Stellbrink, Elisabeth Brück als Kommissarin Lisa Marx.
Münster: Thiel und Boerne. Axel Prahl als Hauptkommissar Frank Thiel, Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne
Hamburg: Tschiller und Gümer. Til Schweiger als Hauptkommissar Nick Tschiller, Fahri Yardim als Kommissar Yalcin Gümer.
Franken: Voss, Ringelhahn, Goldwasser, Fleischer und Schatz. Fabian Hinrichs als Hauptkommissar Felix Voss, Dagmar Manzel als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn, Eli Wasserscheid als Kommissarin Wanda Goldwasser, Andreas Leopold Schadt als Kommissar Sebastian Fleischer und Matthias Egersdörfer als Leiter der Spurensicherung Michael Schatz.

Die 22 aktuellen «Tatort»-Kommissare

WDR

Vor den Kopf stossen

Mit einer Ausnahme: Kurz vor Schluss steigert sich das Tempo in einen Endspurt. Auch Luzern-«Tatort»-typisch, überschlagen sich die Ereignisse regelrecht, und alles entlädt sich. Dummerweise ist der Schluss so konstruiert und unrealistisch, dass er einen reichlich unbefriedigt zurücklässt.

Vielleicht hätte es dem «Tatort»-Team gutgetan, auch mal die eine oder andere Grenze zu überschreiten, so wie es Nura und Flückiger in der Eingangsszene tun. So eine Grenzüberschreitung braucht aber den Mut, auch mal jemanden vor den Kopf zu stossen. Das war hier sicherlich nie die Absicht.

Am bleibendsten ist der Eindruck dann, wenn man dem Zerbrechen von Evelines Familie zuschauen kann. In einer starken Sequenz sieht man den Streit der Ehepartner durch Fensterscheiben, und die nahende Eskalation ist trotz den gedämpft hörbaren Worten fühlbar. Die Szene illustriert gut das Risiko von Grenzüberschreitungen: Man setzt etwas aufs Spiel, dessen Wert man oft erst durch sein Fehlen erkennt. Als Eveline Flückiger vor die Wahl stellt, wie es mit ihnen denn nun weitergeht, ist die Antwort bezeichnend. Flückiger wählt dann einfach die mutloseste aller möglichen Optionen. Man hätte dem Kommissar und dem Luzerner «Tatort» etwas mehr Mumm gewünscht.

Tatort – Kriegssplitter läuft am Sonntag um 20.05 auf SRF 2.

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