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Hier kommt die Brutalität des Kriegs ohne sichtbaren Filmschnitt: «1917» von Sam Mendes zieht uns in die Schützengräben

Noch sind sie im Schützengraben, ab jetzt laufen sie um ihr Leben: Schofield (George MacKay; Mitte) und Blake bilden ein Himmelfahrtskommando.

Noch sind sie im Schützengraben, ab jetzt laufen sie um ihr Leben: Schofield (George MacKay; Mitte) und Blake bilden ein Himmelfahrtskommando.

Näher als in «1917» von Sam Mendes war man dem Krieg nie. Bei den Golden Globes von dieser Woche räumte das Erster-Weltkriegs-Drama ab. Doch reichen aufwendige Technik und dürftiger Inhalt auch zum Oscar?

Der Moment, ehe es kracht. Ein oft angewandter Kniff beim Film. Im neuen Kriegsdrama «1917» des Briten Mendes ist das nicht anders als in «Saving Private Ryan» (Steven Spielberg), der in den Neunzigern das Kriegsbild einer Generation von Kinogängern prägte. Hier sitzen US-Soldaten am 6. Juni 1944 gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in ihren Landungsbooten und warten angespannt darauf, dass die Landeklappen am Normandie-Strand aufgehen – und das Gemetzel beginnt. 25 Minuten dauert die Filmschlacht, die vielleicht heftigsten 25 Filmminuten überhaupt.

Der Vergleich mit «Saving Private Ryan» drängt sich auf, obwohl «1917» natürlich den ersten der beiden Weltkriege thematisiert. Beide Filmen erzählen eine Heldengeschichte. Sam Mendes beginnt auch mit einem Moment der Ruhe, um das Gemetzel umso heftiger einsetzen zu lassen. Mit dem Unterschied, dass diesmal die Schlacht nicht nach 25 Minuten unterbricht, sondern ein akuter Überlebenskampf der Protagonisten beginnt, der während des ganzen Films nur gerade einmal mit einem sichtbaren Schnitt unterbrochen wird.

Die Kamera folgt den Protagonisten auf Schritt und Tritt. Das Publikum kommt ihnen näher als in jeder vorher gesehenen Kriegsszene. Das erfordert Durchhaltevermögen.

Mendes’ Grossvater war Erstweltkriegsveteran

Was geschieht? Die beiden britischen Soldaten Schofield (George Mac­Kay) und Blake (Dean-Charles Chapman) erhalten den Auftrag, feindliche Linien zu durchqueren, um eine britische ­Division vor einem Täuschungsmanöver der Deutschen zu warnen. Ihr Wettlauf gegen die Zeit durch Feindesland soll Hunderten britischen Soldaten das Leben retten, unter ihnen Blakes Bruder.

Hintergrund ist der Grabenkrieg auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs in Europa. 1917 zog sich das deutsche Heer im Nordosten Frankreichs auf die sogenannte Hindenburglinie ­zurück und zerstörte vorher Dörfer, Strassen und die eigenen Schützen­gräben, um den Alliierten ein Fort­kommen zu erschweren. Regisseur Mendes liess sich inspirieren von den Erzählungen seines Grossvaters, der im Ersten Weltkrieg selber lange ­gedient hatte und als Laufbursche eingesetzt worden war.

Der klein gewachsene Grossvater Mendes blieb für feindliche Schützen verborgen im Dunst, der oft über den Ebenen im Kampfgebiet lag. «Seine Erzählungen haben mich inspiriert. Die Idee eines einzelnen Mannes, der mit einer Botschaft von Posten zu Posten um sein Leben rennt, prägte den Film», so Sam Mendes.

Ab Beginn nimmt der Film kontinuierlich an Heftigkeit zu. Nach einer Kampfpause auf einer idyllischen Wiese tauchen Blake und Schofield ab in das Labyrinth der Schützengräben. Und ab jetzt bleibt ihnen wie auch dem Publikum keine Zeit mehr zum Verschnaufen. Nun dominieren Stress, Angst, Tod. Mit jedem Meter werden Bilder und Lärm heftiger. Um Blake und Schofield herum wird geschossen, bombardiert, gestorben. Die Kamera zeigt die Soldaten mal von hinten, mal von der Seite, mal von vorn. Die Soldaten werden geradezu in das System der Schützengräben gesogen – und mit ihnen die Zuschauer. Und dann kommt der schreckliche Moment des Bangens: Schofield und Blake müssen den Graben verlassen – und stehen im Niemandsland, der verlassenen Zone zwischen den feindlichen Fronten. Ohne Deckung, ohne Schutz stehen Blake und Schofield inmitten der Einschlagkrater. Wie Mendes’ Grossvater. Mit den Protagonisten eilen wir nun durch Schlamm und über Leichen, aus denen Ratten kriechen.

Was bleibt? Heldenepos oder Warnung vor dem Krieg

Bei den Golden Globes diese Woche sahnte «1917» als bestes Drama ab. Damit kann Mendes auf einen Oscar hoffen. Nur: Ist die Geschichte gut genug? Allein schon die Darstellung von Krieg macht eine Haltung der Filmemacher klar. Doch wird das Argument stärker, nur weil die Grausamkeit wegen des Ohne-Schnitt-Gefühls noch näher ans Publikum tritt? Ja und nein. Denn es überwiegt zum Schluss der Eindruck der schnulzigen Heldengeschichte.

In der jüngeren Filmgeschichte war eher der Zweite Weltkrieg Thema. Sam Mendes nimmt sich mit «1917» des Ersten Weltkriegs an, das ist an sich interessant. Inhaltlich aber bietet der Klassiker des Antikriegsfilms von 1930 über das Sterben in den Schützengräben, «Im Westen nichts Neues», mehr.

Hier geht's zum Trailer:

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