Filme und Serien
Faszination Raubfilm: Wieso wir den Gangstern zujubeln – Money Heist und Co. glänzen mit Teamarbeit und ausgeklügelten Plänen

«Haus des Geldes» geht in die letzte Runde. Was macht die spanische Serie einzigartig, und was fasziniert derart am sogenannten Heist-Film?

Regina Grüter
Drucken
Teilen
Für Raubüberfälle werden Masken aller Art benutzt. In der Netflix-Serie «Haus des Geldes» setzen sie mit Salvador-Dalí-Masken ein Statement.

Für Raubüberfälle werden Masken aller Art benutzt. In der Netflix-Serie «Haus des Geldes» setzen sie mit Salvador-Dalí-Masken ein Statement.

Eine Gruppe von Dieben plant einen ausgeklügelten Überfall auf die Banknotendruckerei, um im perfektesten Raub in der Geschichte Spaniens 2,4 Milliarden Euro für sich selbst zu drucken. Mehr gibt es zum Plot von «Haus des Geldes» nicht zu sagen.

Der «Professor» hält als Mastermind alle Fäden in der Hand und lenkt von aussen, während sich das Team – und das Geld – immer noch drinnen befindet. Die Serie hat sich seit ihrem Start 2017 zum weltweiten Phänomen entwickelt. Die grosse Frage, die sich jetzt stellt: Wie kommen sie wieder raus aus der Bank?

Was ist ein Heist-Film?­

«La casa de papel» ist eine Heist-Serie, eigentlich die erste wirklich nennenswerte überhaupt. Bei Heist-Filmen stehen «die pfiffige Vorbereitung und spektakuläre Durchführung bewaffneter Raubüberfälle sowie die anschliessenden Auseinandersetzungen um die Verteilung der Beute im Zentrum der Handlung», wie es im Filmlexikon heisst.

Der Fokus liegt auf dem Coup­

Wenn man sich fragt, was die Faszination von Heist-Filmen ausmacht, wird man zurückgeworfen auf eine Urfrage. Denn der Raubfilm ist im weiten Feld des Kriminalfilms einzuordnen. Genau genommen ist er eine Unterkategorie des wichtigsten Subgenres Gangsterfilm, in dem es um die Durchführung von Verbrechen und die Schwierigkeiten dabei geht.

Der Fokus beim Heist-Film liegt auf dem Coup, ein frech und kühn angelegtes, erfolgreiches Unternehmen. Der Krimi erfreut sich seit Menschengedenken grosser Beliebtheit. Dahinter steckt die Faszination für das Böse. Kriminalgeschichten lösen zwar oft Angst aus, man empfindet aber einen wohligen Schauer dabei.

Man drückt die Daumen­

Am Ende eines «reinen» Heist-Films ziehen die Gangster mit der Beute davon, nachdem sie sich mit der Polizei und/oder denen, die sie ausraubten, ein Katz-und-Maus-Spiel geliefert haben. Eine äusserst wichtige Rolle spielt die Identifikation mit den Gaunern. Wer hat nicht schon einmal daran gedacht, eine Bank auszurauben?

Den perfekten Plan auszuhecken, das hat etwas Faszinierendes. Und, da wären wir bei Robin Hood: Den Reichen nehmen, und den Armen geben, das empfinden die wenigsten als ungerecht. Wenn die Gangster selbst die Armen sind, die einfach ihr Stück vom Kuchen haben wollen, dann drücken wir ihnen die Daumen.

Je ausgeklügelter der Plan…­

Es ist ein Spiel! Je ausgeklügelter der Plan, desto grösser die Freude des Zuschauers. Aber der mag noch so perfekt sein, je mehr Menschen involviert sind, desto grösser die Möglichkeit zu scheitern. Kann man überhaupt alle Unwägbarkeiten ausschalten? Wenn das, was auf dem Papier und in den Köpfen existiert, tatsächlich ausgeführt wird, besteht immer ein gewisses Restrisiko.

Komödie, Thriller, Action­

Aus Planung und Durchführung zieht die Geschichte Spannung, die mal mehr in Richtung Komödie geht, mal mehr Thrillerdrama oder Actionfilm ist. Heist-Filme im eigentlichen Wortsinn sind solche, in denen ein paar Typen in einem Keller oder sonst wo sitzen und grübeln. Denn, und darin liegt auch eine Faszination, so ein Raub ist meistens Teamarbeit; einer allein schafft das nicht, für jeden einzelnen Job braucht es den Richtigen oder die Richtige. Der Faktor Mensch birgt natürlich immer auch ein Risiko.

Kein Gut und Böse­

Ebenso häufig verkehren sich die Rollen «guter Polizist», «böser Gangster» ins Gegenteil oder es scheint zumindest nicht mehr klar, wer denn nun den besseren Charakter oder die effektiveren Gründe für sein Handeln hat. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiss. Zudem soll das Ziel mit dem Kopf erreicht werden und nicht mit körperlicher Gewalt.

«Haus des Geldes» führt alle Elemente zusammen. 1. Ein Plan, dessen Perfektion sich erst mit der Zeit – auch durch eine komplexe Rückblendenstruktur – offenbart. 2. Der Professor als Identifikationsfigur. Er hat alle potenziellen Unwägbarkeiten mitgedacht. 3. Es menschelt. Die Charaktere sind komplex und besitzen unterschiedliches Temperament, sind einem aber alle irgendwie sympathisch, weil sie einen glaubhaften Hintergrund bekommen.

4. Der edle Grund: Die Diebe (genau genommen sind sie noch nicht mal das) stellen sich mit ihrer «gewaltlosen» Aktion gegen das kapitalistische und korrupte System und führen die Polizei als dessen Vertreterin an der Nase herum. Das gefällt der Bevölkerung, die ihnen auf der Strasse zujubelt – genauso wie dem Publikum vor dem Bildschirm. Das Spiel über so viele Filmminuten auf die Spitze getrieben hat erst «Haus des Geldes».

La casa de papel: 1. Teil der fünften und letzten Staffel ab heute auf Netflix, 2. Teil ab 3. Dezember.

Heist-Filme oder Raubfilme gibt es unzählige. Eine stark persönlich gefärbte Auswahl.

The Ladykillers (1955)

Szene aus dem Film «The Ladykillers».

Szene aus dem Film «The Ladykillers».

Central Studio

Ein Klassiker und das beste Beispiel für eine wirklich gelungene Heist-Komödie, eine schwarze noch dazu: Alec Guinness mietet sich mit seinen Komplizen bei einer alten Dame ein, um einen grossen Überfall auf einen Geldtransport am King’s Cross zu planen. Es gibt ein Remake mit Tom Hanks, das man getrost vergessen kann. Nicht so «The Italian Job» von 2003. Der kommt fast ans Original mit Michael Caine heran.

Reservoir Dogs (1992)

Szene aus dem Film «Resevoir Dogs».

Szene aus dem Film «Resevoir Dogs».

Imago

Quentin Tarantinos Debüt ist saucool und sackbrutal, schon ganz Tarantino eben. Die eigentliche Geschichte setzt erst nach dem missglückten Juwelendiebstahl ein, als sich die Gangster gegenseitig verdächtigen. Was folgt, ist ein Blutbad. «Jackie Brown» aber ist der coolste Tarantino-Film überhaupt. Pam Grier hat einen Plan und verhilft sich als schwarze Frau mit einem miesen Job zu einem Platz an der Sonne.

Hell or High Water (2016)

Szene aus dem Film «Hell or High Water».

Szene aus dem Film «Hell or High Water».

Lorey Sebastian

Zwei Brüder, der eine ein absoluter Hitzkopf, begehen eine Verzweiflungstat, um ihre Farm nicht zu verlieren. Ein wunderbar gespieltes Heist-Drama aus jüngerer Zeit, bei dem sogar der Sheriff Mühe hat, sich auf die Seite des Gesetzes zu schlagen. Das Actiondrama «Baby Driver» von 2017 um einen Fluchtwagenfahrer ist eine einzige Choreografie zum Soundtrack der Hauptfigur– abgefahren in jeder Hinsicht.

Logan Lucky (2017)

Szene aus dem Film «Logan Lucky».

Szene aus dem Film «Logan Lucky».

Claudette Barius

Steven Soderbergh ist und bleibt der Meister des Heist-Films. Mit «Ocean’s Eleven» hat er ein Remake besser als das Original geschaffen und insgesamt eine stylishe Gentlemen-Gauner-Trilogie. Aber schon «Out of Sight» mit Clooney als Bankräuber war ein grosser Spass. Mit «Logan Lucky» begibt er sich ins Hillbilly-Land von West Virginia. Das beste daran ist Daniel Craig: Er heisst Joe Bang und ist urkomisch.

El robo del siglo (2020)

Szene aus dem Film «El robo del siglo».

Szene aus dem Film «El robo del siglo».

Trigon Film

Vergnügliches und buntes Gaunerstück aus Argentinien über einen Bankraub, der 2006 in die Geschichte einging. Die Raffinesse hinter dem Plan offenbart sich erst nach und nach. Auch «The Bank Job» hat eine reale Vorlage: ein Einbruch in London 1971 mit mehreren Millionen Pfund Beute. Und in der Serie «Der Jahrhundertraub» – es gibt noch eine – ist es ein Überfall auf die kolumbianische Zentralbank 1994.

Aktuelle Nachrichten