Film
Eine Hand im Kochtopf löst im taiwanesischen Oscar-Beitrag ein Familienchaos aus

Ein Jahr lang war der Film «A Sun» auf Netflix begraben. Erst Prognosen über die bevorstehenden Academy Awards holen ihn aus der Versenkung. Was lief da falsch?

Regina Grüter
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A-Ho versucht, ein rechtschaffenes Leben zu führen, wird aber von seiner Vergangenheit eingeholt.

A-Ho versucht, ein rechtschaffenes Leben zu führen, wird aber von seiner Vergangenheit eingeholt.

Bild: MandarinVision

Zwei Teenager rasen auf einem Motorrad durchs nächtliche Taipeh, halten vor einem Restaurant, stürmen hinein. Der eine hackt einem Dritten mit einer Machete die Hand ab, die fliegt im hohen Bogen in einen riesigen Suppentopf. Ein Bild der Hand im Kochtopf. Schnitt. «A Sun» des Taiwanesen Chung Mong-hong beginnt wie ein Gangsterfilm.

Nun stelle man sich Netflix als riesigen Suppentopf vor, wo alles Mögliche hineingeworfen wird. Das Gute schwimmt da nicht immer oben auf, sondern verschwindet zwischen den anderen Stücken in der grossen Masse. So erging es «A Sun». Ein Jahr schon kann man den Film auf Netflix sehen. Bis vor kurzem ging das nicht nur am Publikum, sondern auch an den Kritikern vorbei. Es brauchte die bevorstehenden Oscars und vor allem den Cheffilmkritiker des einflussreichen US-Branchenmagazins «Variety» – er ernannte «A Sun» zum besten Film des Jahres 2020 –, um dieses Hummerstück in der Fischsuppe an die Oberfläche zu holen.

Ein Sonnen- und ­ ein Schattenkind

Es bleibt nicht beim Gangsterfilm. Die nächste Szene nach dem Schnitt zeigt einen Fahrlehrer bei der Arbeit. Es ist der Vater des einen Teenagers, nicht der mit der Machete. Die Frau ruft an, wieso er nicht vor Gericht erschienen sei, der Richter wolle seine Meinung hören. «Sie sollen ihn einlochen, bis er stirbt», erwidert A-Wen. Mit diesem grausamen Satz nimmt der Film eine Wendung hin zum Familiendrama. Was es so speziell macht, ist, wie der 56-jährige Chung Mong-hong seine Figuren auslotet, dadurch, dass er ihnen Zeit und Raum gibt – als Regisseur, Co-Drehbuchautor und Kameramann (unter dem Pseudonym Nagao Nakashima). Die Schauspieler setzen das kongenial um.

Sie sind Teil einer klassischen Mittelstandsfamilie. Die Eltern sind beide berufstätig – Miss Qin arbeitet als Coiffeuse –, zwei Söhne, der ältere, A-Hao, Medizinstudent, der jüngere, A-Ho, derjenige, der Ärger macht, schon von klein auf. Ein Sonnen- und ein Schattenkind, die Rollen sind klar verteilt. Der Richter spricht sein Urteil, und A-Ho landet im Jugendknast. Indessen taucht eine Frau mit einem Mädchen vor der Wohnungstür auf. Das Mädchen sei schwanger, von A-Ho. Miss Qin nimmt es bei sich auf.

Über mehrere Jahre erzählt Chung Mong-hong, wie die Dynamik in dieser Familie eigentlich alle erdrückt. Jeder hat seine Rolle, und es ist so schwer, daraus auszubrechen. Die Frauen machen das lange im Stillen. Langsam gibt man sich dem speziellen Rhythmus dieses Films hin, ist überrascht, berührt und immer wieder euphorisiert von der Schönheit der Bilder; das Licht, die Farben, die Spiegelungen und speziellen Perspektiven; die eigenwilligen Originalsongs, die den Genre-Mix unterstreichen. Man rätselt und denkt nach. Über die Geschichten, die A-Hao einer Freundin erzählt, bevor er sich das Leben nimmt. Niemand hält es aus, immer in der Sonne zu stehen und für alle leuchten zu müssen, besonders, wenn man damit ungewollt jemand anderen in den Schatten drängt. Erdrückend ist das alles nicht, zu lustig, zu absurd sind gewisse Szenen. Auch nimmt der Film noch einmal eine dramatische Wendung Richtung Gangsterfilm, nur um wieder zu überraschen. Man weiss nie, wohin es geht. Bis ganz zum Schluss nicht. Und der ist so etwas von gelungen.

Netflix machte null ­Werbung für den Film

«A Sun» ist Chung Mong-hongs fünfter Film. Er beherrscht sein Handwerk meisterhaft. Sein Debüt «Parking» lief 2008 in Cannes, einem breiten Publikum wie sein Landsmann Ang Lee (siehe Kastentext) war er aber bisher nicht bekannt.

Zwar wusste «A Sun» schon an seiner Weltpremiere 2019 in Toronto das Festivalpublikum für sich einzunehmen, fand aber in den USA keinen Verleiher. Zu lang (2 Stunden, 36 Minuten), zu nischenmässig? Dann erwarb Netflix die Rechte, machte aber null Werbung für den Film, wie man das bei Eigenproduktionen vom Streaming-Giganten gewohnt ist. Die PR-Abteilung soll nicht einmal von seiner Existenz gewusst haben. Ende September 2020 dann kürte Taiwan «A Sun» zu seinem offiziellen Oscar-Kandidaten; kein Wunder, gewann doch das Familiendrama am Golden Horse Film Festival in Taipeh fünf Auszeichnungen und den Publikumspreis. Jetzt erst beginnt sich das Medien-Karussell, ausgehend von grossen US-Branchenblättern, schneller zu drehen.

Neuer Aufschwung fürs Oscar-Rennen

Derweil rückt «A Sun» bei den Oscar-Prognosen von «Variety» in der Kategorie «Bester internationaler Film» immer weiter nach vorn und rangiert gegenwärtig auf Platz 4 – und verdrängt den Schweizer Beitrag «Schwesterlein» auf den sechsten. Man darf davon ausgehen, dass es beide auf die Shortlist mit fünfzehn Titeln schaffen werden, die am 9. Februar verkündet wird. Ob «A Sun» tatsächlich unter den fünf Nominierten landet, wird sich Mitte März zeigen (siehe Kastentext). Jetzt, wo das Hummerstück seinen Weg an die Oberfläche gemacht hat, ist schon fast damit zu rechnen.

«A Sun» (Taiwan 2019), 156 Min., Regie: Chung Mong-hong. Auf Netflix.

Taiwan bei den Oscars

Seit 1957 hat Taiwan immer wieder Filme für die Oscars eingereicht. «The Wedding Banquet» und «Eat Drink Man Woman» von Ang Lee waren 1994 und 1995 nominiert. 2001 gewann sein «Crouching Tiger, Hidden Dragon» die Trophäe als bester internationaler Film. Einmal reichte es noch für einen Shortlist-Platz. Unter den 93 Bewerbern 2021 ist auch die Schweiz mit dem Drama «Schwesterlein» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Die Verleihung findet pandemiebedingt erst am 25. April statt. (reg)