Schweizer «Tatort»
Fernseh-Kommissarin Delia Mayer: «Ich gucke sonntags nicht ‹Tatort›»

Schweizer ticken anders, findet Delia Mayer. Als «Tatort»-Kommissarin Liz Ritschard hinterfragt sie alle anderen – privat oft als Erstes sich selbst. Im Interview verrät sie, was den Schweizer «Tatort» von einer deutschen Produktion unterscheidet.

Anna Kardos
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Vor der Kamera die toughe Liz, kann Delia Mayer privat herzlich lachen.

Vor der Kamera die toughe Liz, kann Delia Mayer privat herzlich lachen.

Christoph Kaminski

Delia Mayer, als Schauspielerin kriegt man Sprechunterricht, kriegt man auch Schweige-Unterricht?

Delia Mayer: Nee, sicher nicht. (Lacht.)

Im neuen «Tatort» praktizieren Sie und Stefan Gubser aber die hohe Kunst des gemeinsamen Schweigens.

Ja, wir reden nicht so viel. Man kriegt natürlich nicht den Auftrag zu schweigen. Aber in dieser Folge geht es um ein tief gehendes Thema, das uns als Kommissare sehr aufwühlt. Das bringt uns emotional an eine Grenze, wo man nicht mehr einfach labern kann.

Dafür drückt sich vieles über Ihre Gesichter aus.

Auf und ab mit Schweizer «Tatort»

Zwar ermitteln Schweizer «Tatort»-Kommissare seit eh und je so genau wie ihre deutschen und österreichischen Kollegen, aber sie taten es mit weniger Witz und Schmäh. Also stellte das Schweizer Fernsehen die Produktion 2002 ein. 2011 erfolgte mit «Wunschdenken» der Wiedereinstieg, diesmal wollte das Schweizer Team alles besser - und weniger schweizerisch - machen. Also stellte man Kommissar Reto Flückiger (alias Stefan Gubser) mit Sofia Milos eine amerikanische Kollegin zur Seite. Dass Milos tatsächlich nichts Provinzielles ausstrahlte, hatte dann vielmehr damit zu tun, dass sie überhaupt keine Ausstrahlung hatte. Unter viel Häme wurde das Serienstarlet in der zweiten Folge «Skalpell» gegen die Schweizerin Delia Mayer ausgetauscht. Ab dann stimmte die Chemie zwischen dem Ermittlerduo und die Folgen entwickelten sich mal besser, mal weniger gut, aber insgesamt mit immer mehr Profil (in «Hanglage mit Aussicht», «Schmutziger Donnerstag» und «Geburtstagskind»). Geblieben ist die Diskussion um die Schweizer Drehbücher, die für den deutschen Markt übersetzt werden müssen. Und auch, wie schweizerisch der hiesige «Tatort» sein darf - oder sein muss. Eine Frage, die die neueste Folge «Zwischen zwei Welten» (Regie: Michael Schaerer) wohltuend links liegen lässt. (ank)

Schaerer hat sich einen Namen gemacht mit einem Spielfilm über krebskranke Jugendliche. Ist er der Mann für die ernsten Themen?

«Tatort» ist per se eine ernste Sache. Es gibt Folgen, die sehr temporeich sind, schnell geschnitten. Die nächste Folge wird so sein: ein echter Action-Film. Da ist kein Platz für «Wer fühlt sich wie, warum.» Aber Mike interessiert sich dafür. Als Künstler und als Mensch. Vielleicht ist er dadurch zum Fachmann geworden. (Lacht.)

Im deutschen «Tatort» prallen oft Lachen und Leichen aufeinander. Sind wir Schweizer zu wenig schlagfertig?

Klar. Die Schweizer ticken anders, schon rein sprachlich. Aber die hiesigen «Tatorte» sollen auch typisch schweizerisch sein. Der Zuschauer will wissen, woher das Produkt kommt, wie bei der Schweizer Schokolade oder Ricola. Also wärs blöd zu denken: Wir machen auch auf schnell, witzig und komisch. Darum versuchen wir, eine eigene Art zu finden, die alles mit reinnimmt.

Darf in der Schweiz gemordet, aber nicht gelacht werden?

Ich finde schon, dass der Humor ein bisschen fehlt. Aber Flückiger und Ritschard sind ernsthafte Figuren. Erst gab es im Drehbuch einige witzige Szenen, zum Beispiel schmeisse ich einmal das ganze Beweismaterial in die Mülltonne. Aber wenn man nachher sieht: Da ist der traurige Plot über drei Kinder, die ihre Mutter verlieren. Und dazwischen wird eine witzige Szene geparkt. Das fühlt sich nicht gut an.

Oft wird bemängelt, die Schweizer Dialoge seien holprig. Ein Übersetzungsproblem? Sie spielen die Folgen ja auf Schweizerdeutsch ein, und nachträglich werden sie synchronisiert.

Wir übersetzen die Fassungen für Deutschland. Und Übersetzungen sind an sich schwierig. Wobei: Bei Filmen aus Schweden, USA und Italien stört das keinen. Bei einem «Tatort», der sprachlich so nah ist, schon. Besonders, weil Schweizerdeutsch wirklich eine andere Sprache ist als Hochdeutsch. Die Wortstellung ist anders, die Syntax auch. Es ist schwierig, das unter einen Hut zu kriegen. Entweder die Synchronfassung passt optisch zu den Mundbewegungen, dann tönt es holprig. Oder man entscheidet sich für die Sprache und gegen das Optische. Im letzten Film haben wir viel ausprobiert und entwickelt, was es braucht, dass die Sprache eloquent ist und man trotzdem spürt: Man ist in der Schweiz.

Diese Folge zeigt die Schweiz überhaupt nicht von ihrer Schokoladenseite. Drei völlig vereinsamte Kinder, eine alleinerziehende Mutter ...

Das hat mit Schweiz und Nicht-Schweiz wenig zu tun. Aber was immer wieder Thema ist, ist das Idyll zu zeigen mit den schönen Landschaften und dann den Bruch. Es wäre für einen Schweizer «Tatort» nicht richtig, in die Suburbs zu gehen. Die gibts hier auch. Aber sie sind weniger repräsentativ. Also halten wir uns meist im Idyll auf und schauen in die Familien. Das ist das Schweizerische, dass da Abgründe sind, schreckliche Dinge.

Auch die Männer zeigen nicht ihre Schokoladenseite.

Ich war neulich an einer Lesung, da hiess es: Die Männer stehen schlecht da. Und dann sagt die Autorin: Wieso? Die Frauen stehen einfach gut da. Die Frage ist, womit man vergleicht. Und in diesem «Tatort» muss ich als Liz die Männer enorm in die Mangel nehmen.

Tatsächlich prallen die Geschlechter aufeinander. Sind die Beziehungen schwieriger geworden, jetzt, wo die traditionelle Rollenverteilung aufgelöst ist?

Früher lag über manchem Problem der Deckmantel der Konvention. Der Mann konnte sich in seiner Karriere schützen: «Ich hab keine Zeit, ich muss die Familie ernähren.» Dadurch, dass das Rollenverständnis keine Leitplanken mehr vorgibt, wird vieles offengelegt, jeder wird angreifbarer.

Was hat sich in Ihrem Leben verändert, seit Sie «Tatort»-Kommissarin sind?

Der «Tatort» hat mich mehr mit der Schweiz verbunden. Die dritte Folge hat auf der Alp gespielt und ich habe gesehen: Hey, hier ist es wunderschön! Wichtig ist auch die Kontinuität. Ich mache jetzt zweimal im Jahr einen Filmdreh mit denselben Spielpartnern, mit derselben Redaktion, kann an der Rolle arbeiten. Das gibt eine Ruhe, ein Vertrauen. Und trotzdem weiss ich: Der «Tatort» wird nach Deutschland gesendet. Es ist ein ganz grosses Fenster raus – ein echt gutes Gefühl.

Als «Tatort»-Kommissarin am Set, ist man da der Star?

Wir machen da zusammen einen Film. Wenn die Lampe nicht brennt, kann ich nach Hause gehen. Dann sieht man die Schauspielerin nicht.

Liz Ritschard ist also nicht Liz Taylor?

Ich bin ein Mensch, der nicht so funktioniert. Ich brauche das Gefühl, dass wir zusammen sind. Aber natürlich sorgt man für uns. Es wird geschaut, dass wir uns gut fühlen, dass uns nicht kalt ist und wir uns hinlegen können, wenn wir müde sind. Aber Star sein? Das gibt es in der Schweiz nicht.

Haben Sie keine Angst, dass Liz Ritschard Delia Mayer auffrisst?

Gerade jetzt stecke mitten in einem anderen Film. Und ich habe auch meine Musikprojekte. Letzten Herbst eine Konzerttour, nun arbeite ich an einem neuen Programm für das Festival da Jazz in St. Moritz. Und in meinem täglichen Leben bin ich ja Mutter. Das holt mich ganz schnell aus der Liz raus.

Hat Liz etwas, was Delia gerne hätte?

Ich lasse mich als Mensch und Künstler schnell verunsichern. Das ist auch mein Job. Ich hinterfrage mich die ganze Zeit. Die Liz hinterfragt erst einmal alles andere. Das finde ich toll an ihr, dass sie handelt, auch wenn es mal falsch ist. Sie rennt einfach los in eine Richtung.

Michael Schaerer hat in einem früheren «Tatort» als Cutter gearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit?

Es war ganz toll. Ein Cutter sieht ja das ganze Material. Auch das, was Mist ist. Er sieht die Ticks, sieht, was nicht funktioniert. Das war so beruhigend für mich. So wusste er genau, wo das Potenzial liegt und was er von uns will. Und dann ist Mike auch ein Mensch, der sehr einfühlsam ist und trotzdem genau. Da kann man auch weiche Seiten von sich zulassen.

Wünschen Sie sich manchmal, das Leben wäre ein Krimi? Am Ende sind die Bösen hinter Gitter und die Guten können ruhig schlafen.

Ein bisschen schwarz-weiss ist wirklich in mir. Ich habe mich oft gefragt, warum ich als Kommissarin gecastet wurde. Einerseits hat es wohl mit meiner Neugierde zu tun. Aber tatsächlich bin ich auch jemand, der gerne hätte, dass die Dinge greifbar sind. Ich hätte es gerne aufgeräumt. Auch, wenn ich weiss, dass das nicht geht.

«Tatort» existiert seit 1970, «Wetten, dass..?» seit 1981. «Wetten, dass..?» wird jetzt abgesetzt, weil es veraltet ist.

Das kann man nicht vergleichen. «Tatort» ist Kult, allein schon das Signet. Und trotzdem konnte der «Tatort» wachsen. Wenn man mit alten Fällen vergleicht, sind heute die Geschichten aktueller, die Dialoge heutiger. Es gibt viele junge Kommissare, auch viele Frauen. «Tatort» ist ein Gefäss, das sich wandeln kann.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Sonntagabend aus?

Ich gucke jedenfalls nicht «Tatort».

Eine «Tatort»-Kommissarin, die keinen «Tatort» schaut?

Wir essen gemeinsam mit meiner Tochter, erzählen eine Gutenachtgeschichte. Dann ist viertel vor neun und ich habe das meiste verpasst. In den letzten Jahren habe ich den «Tatort» auch absichtlich nicht geguckt. Die Frage «wo waren sie gestern zwischen elf und eins?» kommt in jeder Folge vor, und ich überlege mir dann: Aha, die bohrt bei der Frage in der Nase, die guckt aus dem Fenster. Auch wenn ich das Rad nicht neu erfinde, soll es doch authentisch sein. Ich möchte das bei mir suchen. Nicht überprüfen, was alles schon abgefrühstückt wurde und dann den letzten Rest nehmen.

Zwischen zwei Welten, Ostermontag, 21. April, 20.05 Uhr auf SRF 1.