Kino

Eine Leinwand voller Klischees: Dieses Bild wird von der Schweiz in Filmen gezeichnet

Die Schweiz lässt sich vom Kino-Sessel aus erkunden – viele Male diente das Land als Filmkulisse. Nur: Welches Bild wird da eigentlich verbreitet? Eine Ausstellung im Hotel Palace in Gstaad gibt Aufschluss.

Schon mit seinen allerersten Schritten auf schweizerischem Boden fängt für Inspektor Clouseau der Ärger an. Während Lady Claudine, mutmassliche Diamanten-Diebin, am Bahnhof in Gstaad den Zug verlässt, schnurstracks in einen wartenden Rolls Royce steigt und davonbraust, klopft der tollpatschige Gesetzeshüter an die Scheibe eines Taxis. «Folgen Sie diesem Wagen!», ruft er dem Fahrer zu. Bevor es sich Clouseau auf dem Rücksitz bequem machen kann, steigt der Fahrer aus und rennt los, dem Rolls hinterher. Der Inspektor bleibt verdutzt zurück. Den Berg hinauf zum Hotel Palace, wo Claudine längst angekommen ist, muss er zu Fuss. «Entschuldigung, kennen Sie den Weg zum Palace Hotel?», fragt er einen pfeiferauchenden Passanten. «Ja», entgegnet dieser – und geht unbeirrt seines Weges.

Clouseau findet den Weg zum Hotel auch ohne fremde Hilfe – doch am Hoteleingang geht seine Pechsträhne weiter. Die Drehtür will nicht so wie der Inspektor. Als er die widerspenstige Tür mitsamt Gepäck endlich überlistet, nimmt ihm ein Gauner Mantel, Hut und Handschuhe ab. Es folgt der wohl legendärste Wortwechsel aus «Der rosarote Panther kehrt zurück» aus dem Jahr 1975, als sich Peter Sellers alias Clouseau vor dem Concierge aufbaut und mit arg überzeichnetem französischem Akzent halb fragt, halb fordert: «Do you have a rüüm?»

Rückkehr ins Palace

Vergangene Woche ist der rosarote Panther erneut zurückgekehrt – und zwar ins Palace. Zurückgebracht hat ihn Cornelius Schregle. In dessen Foto-Ausstellung «Backdrop Switzerland», die noch bis zum 3. August im Luxushotel gastiert, nimmt der Film von Regisseur Blake Edwards den grössten Raum ein.

Teile des Films entstanden tatsächlich im Hotel, sagt Schregle. Das sei nicht unbedingt üblich, wenn Hollywood in die Schweiz kommt. Normalerweise läuft es so: Ein Kamerateam reist an, macht ein paar Landschaftsaufnahmen, das war’s. Der Rest wird im Studio gedreht. Das sei günstiger, als die ganze Filmcrew einzufliegen, erklärt der in der Nähe von Lausanne geborene Kurator. Anders beim Pink Panther. Zwar wurden auch hier nicht alle Palace-Szenen im Hotel gefilmt. Eine Suite etwa wurde im Filmstudio der Produktionsfirma in London detailgetreu nachgebaut. Doch immerhin zwei Wochen gastierten Peter Sellers und Co. tatsächlich in Gstaad.

Der weiblichen Hauptdarstellerin blieb der Aufenthalt dabei nicht nur in positiver Erinnerung: In einem kleinen Zimmerchen habe sie während der Dreharbeiten gewohnt, sagt Catherine Schell, die 1975 Lady Claudine spielte und extra zur Eröffnung von Schregles Ausstellung nach Gstaad gekommen war. Mehr war seitens der Produktionsfirma für den weiblichen Star nicht drin gewesen. Das sei indes damals ganz normal gewesen: Einmal, erzählt sie, sei sie bei den Dreharbeiten für einen Film auf einer einsamen Insel vergessen worden.

Für «Backdrop Switzerland» – was sinngemäss «Die Schweiz als Hintergrund» bedeutet – hat Schregle rund 250 Fotos zusammengestellt. «Ich möchte die Schweiz zeigen, wie sie von Filmemachern im Ausland wahrgenommen wird», sagt er. Hilfe bekam Schregle von der Cinémathèque suisse, dem Schweizer Filmarchiv in Lausanne. Die Auswahl sei alles andere als einfach gewesen, sagt Schregle: Bald habe er 10'000 Bilder zusammengehabt, aus denen er aussieben musste – «die Schweiz ist nun mal ein beliebter Schauplatz für Filmproduktionen.»

Lederhose, Heidi, Furkapass

Und was zieht Hollywood in die Schweiz? Die Lobgesänge des britischen Poeten Lord Byron, der ein Haus am Genfer See besass, auf die Schweizer Berge, Seen und die gute Luft machten den Anfang. «Die erste Periode», sagt Schregle, «ist eng mit den Bergen verbunden.» Arnold Fanck, der Pionier des Bergfilms, drehte in den 20er- und 30er- Jahren in den Schweizer Alpen. Gewiss wussten Filmemacher um die Schönheit der Berge in Österreich und Italien. Aber ein Monument wie das Matterhorn gibt es eben nur in Zermatt.

Während Schregle durch den Ausstellungsraum im Palace schreitet und Anekdoten zu seinen Bildern erzählt, ertönt im Hintergrund leise das ikonische «Dam da-da-dam-dam, dam dam dam, dam da-da dam dam» der James-Bond-Reihe. Doch bevor Sean Connery hinter Gert Fröbe alias Goldfinger den Furkapass hinaufjagen darf, ist erst mal «Heidi» an der Reihe. Shirley Temple verhalf der hiesigen Bergwelt 1937 zu grosser Popularität. «Heidi» wurde zum Inbegriff des Bergfilms.

Auch dass heute Touristen in den Schweizer Bergen mit Lederhosen unterwegs sind, hat seinen Ursprung in dieser Zeit – was heute «Alpine Chic» ist, sahen die Zuschauer bereits 1938 in «Swiss Miss» von Regisseur John G. Blystone zum ersten Mal. Laurel und Hardy in Lederhosen im Berner Oberland – amerikanische Filmproduzenten legten damals, genau wie ihr Publikum, keinen besonderen Wert auf Genauigkeit. Die bajuwarische Lederhose als Konzept der Bergkultur – ein Schweizerkreuz irgendwo draufgenäht, dann passt das schon. (Die Ausnahme ist freilich Appenzell, dort hat die Lederhose tatsächlich Tradition.) Für «Swiss Miss» betrat übrigens kein Schauspieler Schweizer Boden – der Film entstand komplett im Studio.

Das Bergpanorama ist derweil nicht das Einzige, was für die Schweiz als Filmkulisse spricht. Kurator Schregle erklärt es so: Wenn die Handlung im Drehbuch eines der vielen Klischees über die Schweiz kreuzt, ist klar, wo es hingehen muss. Neben den Bergen sind das die berühmten Kliniken sowie die Internate – und ab den 50ern auch die Weltpolitik. «Kitty und die grosse Welt» von 1956 mit Romy Schneider spielt wegen der UNO in Genf. Für indische Bollywood-Produktionen ist die Schweiz bis heute ein Hot-spot. Überdies sei die Schweiz in Kriegszeiten ein beliebter «escape place», ein Zufluchtsort, gewesen – etwa in «The Sound of Music» aus den 60ern.

Bond als Meilenstein

1964 drehte Guy Hamilton einen Film, der die Schweiz zum «wow-place» machte, wie Kurator Schregle sagt: «Goldfinger». Der silberne Aston Martin DB5 auf dem Furkapass – im dritten Film der Bond-Reihe wird die Schweiz geadelt. Und wurde fortan zum Mekka der Spion-Filme.

Dabei zeigt sich gerade an der Bond-Reihe, wie schnell ein Land ins Hintertreffen geraten kann. Für sechs Bond-Streifen diente die Schweiz als Kulisse. «Spectre», der neueste Bond, spielt indes in Österreich. Dafür verantwortlich dürfte in erster Linie die Filmkommission «Location Austria» gewesen sein. 1997 mit staatlicher Hilfe gegründet, ist sie die Anlaufstelle für internationale Filmproduktionen. Eine vergleichbare Institution gibt es in der Schweiz nicht.

Cornelius Schregle würde sich eine solche Institution in der Schweiz durchaus wünschen. Der Kurator, der mit seiner Ausstellung im Winter in Rom Halt machen wird, ist indes sicher: Ausgedient hat die Schweiz als Drehort noch lange nicht. Dafür halten sich die einschlägigen Klischees einfach zu hartnäckig.

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