Lena (Zsofia Körös) ist 16 Jahre alt und verspürt ein unstillbares Verlangen nach Noah (Francis Benjamin Meier), ihrem etwas älteren Bruder. Das Thema, das der Luzerner Regisseur Thomas Imbach in seinem neuen Spielfilm «Glaubenberg» aufgreift, ist hochbrisant – aber nicht ganz neu: Von den inzestuösen Gefühlen eines Geschwisterpaars erzählte bereits Fredi M. Murer 1985 in seinem Meisterwerk «Höhenfeuer».

Bei Imbach entflammen diese gefährlichen Gefühle allerdings nicht auf einer abgelegenen Alp. Der titelgebende Glaubenberg ist ein Pass, auf dem Lena und Noah einst als Kinder gespielt haben – die beiden standen sich von klein auf nahe. Doch die eigentliche Filmhandlung spielt in Zürich, zwischen Wohnung und Schule.

Autobiografischer Filmstoff

Spannend ist, wie Imbach, der sich als eigenwilliger Essayfilmer einen Namen gemacht hat, sein Publikum voll in Lenas Innenwelt eintauchen lässt. Virtuos schneidet er zwischen Szenen aus ihrer Kindheit und aus dem Jetzt, zwischen Realität und (meist erotischen) Tagträumen – wobei für Zuschauer oft erst im letzten Moment klar wird, was echt ist und was nicht.

Der obsessive Wahn, in den sich Lena hineinsteigert, als Noah ihre Gefühle nicht erwidert, sei von Ovids «Metamorphosen» inspiriert und trage auch autobiografische Züge, verriet Imbach im Rahmen der Weltpremiere am diesjährigen Locarno Festival. Der Regisseur findet für seinen Stoff zwar sinnliche Bilder, macht es dem Publikum sonst aber schwer: Lena ist alles andere als eine Sympathieträgerin, und Jungdarstellerin Zsofia Körös müht sich an den hölzernen Dialogen sichtbar ab. Sätze wie «Mir chönnd eifach kei Chind mache, aber süscht chan üs nüd ufhalte» sorgen im Kinosaal weniger für Mitgefühl als für unfreiwilliges Gelächter.

In «Glaubenberg» ist nicht nur die Liebe, sondern stellenweise auch das Drehbuch jenseits der Vernunft.

Glaubenberg (CH 2018) 113 Min. Regie: Thomas Imbach. Ab Donnerstag, 22. 11., im Kino. HHHII