Solothurner Filmtage
Ein Schweizer Film, der Leben rettete

Das Meisterwerk «Above and Below» gibt fünf randständigen Menschen ihre Würde zurück. Der Dokumentarfilm ist der Abschlussfilm des 31-jährigen Wallisers und läuft an den Solothurner Filmtagen im Wettbewerb.

Lory Roebuck
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April und ihre Kollegen simulieren in «Above and Below» in der Wüste Utahs eine Mission auf dem Mars.cineworx

April und ihre Kollegen simulieren in «Above and Below» in der Wüste Utahs eine Mission auf dem Mars.cineworx

Kann ein Film Sozialarbeit leisten? «Das war nie meine Absicht», sagt Regisseur Nicolas Steiner. Passiert ist es trotzdem. Es ist eine faszinierende Geschichte, die in seinem Dokumentarfilm «Above and Below» ihren Anfang nimmt und abseits der Leinwand zu einem berührenden Ende findet, mit glücklichen Menschen, denen das Glück in ihrem Leben nie wirklich hold gewesen ist. Doch alles der Reihe nach.

Nicolas Steiner, Regisseur «Above and Below»: «Auch diese Menschen haben ihre Würde.»

Nicolas Steiner, Regisseur «Above and Below»: «Auch diese Menschen haben ihre Würde.»

Nordwestschweiz

«Above and Below» ist der Abschlussfilm des 31-jährigen Wallisers und läuft an den Solothurner Filmtagen im Wettbewerb. Steiner lernte sein Kinohandwerk an der Filmakademie Baden-Württemberg, studiert hat er danach noch ein Jahr am San Francisco Art Institute. So kam es, dass er als Schweizer Filmstudent seine Abschlussarbeit in den USA drehte. Über ein Amerika, dass nicht nur uns Schweizern unbekannt ist – sondern wohl auch den allermeisten Amerikanern. Beeindruckt hat das die Kritiker der «Variety». Das renommierteste Film-Fachmagazin der USA nannte «Above and Below» ein «tiefgründiges Meisterwerk über die einsamsten Seelen Amerikas» und wählte ihn in ihre Top Ten des Jahres.

«Das ist ihre Normalität»

Die einsamen Seelen in «Above and Below» heissen April, Dave, Lalo, Cindy und Rick. April ist eine Kriegsveteranin, welche die Steinwüste Utahs im Raumanzug erforscht, weil sie auf den Planeten Mars auswandern will. Dave, ebenfalls Kriegsveteran, ist ein Einsiedler in der kalifornischen Ödnis, der wegen seiner cracksüchtigen Frau sein ganzes Geld verloren hat. Und Lalo lebt, genau wie das Ehepaar Cindy und Rick, in den tückischen Flutkanälen unter der Glitzerstadt Las Vegas.

Steiners Subjekte sind Überlebenskünstler, kauzige Menschen, die nicht
so richtig ins moderne Leben hineinpassen. Steiners Mentoren waren von diesem Fokus nicht sofort begeistert, erzählt er: «Sie hatten Angst, dass jetzt der Europäer nach Amerika kommt und einen Film über Freaks zurückbringt.» Doch der Aussenblick hat sich gelohnt. Steiner gibt seine Subjekte nie der Lächerlichkeit preis, sondern porträtiert sie mit grossem Respekt. «Ob sie an Mauern herumkletterten oder im Tunnel aus angeschwemmtem Material ein Wohnzimmer basteln, für sie ist das die Normalität», sagt der Filmer. «Auch diese Menschen haben ihre Würde.»

Wenn wir nun zusehen, wie April mit einem ausrangierten Rover durch den Schnee kurvt, wie Cindy ihre Fingernägel zwecks Glücks in den Spielcasinos grün lackiert oder wie Dave auf dem Wüstenboden aus leeren Flaschen eine Nachricht an Gott formt – dann begegnen wir diesen Menschen auf Augenhöhe. «Jedem von uns ging es doch schon mal so mies, dass wir in unseren eigenen dunklen Tunnels gelandet sind oder dass wir Richtung Mars abhauen wollten», sagt Steiner, dessen Film fest im Humanismus fundiert ist.

Pingpong im Raumanzug

Neben seiner Haltung begeistert
«Above and Below» auch mit seiner Bildsprache. Steiner findet die Schönheit an den kaputtesten Orten, verpackt apokalyptische Motive in milchig-sanfte Bilder, die auf der Kinoleinwand ihre volle Pracht entwickeln. Immer wieder transzendiert er dabei das Dokumentarische. In einer denkwürdigen Montage spielen Aprils Mitarbeiter im Raumanzug Pingpong, während Tausende Kilometer entfernt Dave mit Pingpong-Bällen Musik macht und eine Flut an Bällen durch den Kanal abfliesst. Eine Szene wie aus einem Spielfilm. Ihre Aussage: Alle sind miteinander verbunden.

Verbunden sind Steiners Subjekte nicht nur in ihren Träumen, sondern auch in ihrer Einsamkeit. Aprils Mutter wirft ihr schon zeitlebens vor, dass ihr Vater sie sitzenliess, weil sie mit April schwanger wurde. Cindy schnauzt im Tunnel andere Menschen an, weil sie mit Drogen zugedröhnt ist. Und Dave sieht in der Wüste auf Facebook zum ersten Mal Fotos seiner Enkelkinder, seine eigene Tochter möchte schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr mit ihm sprechen. Die Trümmer, welche die Aussteiger hinterlassen haben, lassen sich Jahre später nur schwer wieder zusammenbauen.

Doch Steiners Film hat bei diesen Menschen und ihren Familien etwas ausgelöst. Steiner blieb in Kontakt und erfuhr, dass Dave wieder Kontakt zu seiner Tochter hat. Dank des «Variety»Artikels wurde sie auf den Film aufmerksam; nach der Premiere sei sie hell begeistert gewesen, ihren Vater so zu sehen. April hat ihren Abschluss gemacht und arbeitet nun bei der Nasa. Und Rick und Cindy sind seit 1000 Tagen wieder clean, haben Job und Wohnung. Ricks Tochter habe Steiner auf Facebook kontaktiert, um ihm zu danken, dass er ihrem Vater wieder dessen Würde zurückgegeben habe. «Das zu hören, ist mir mehr wert als jeder Filmpreis», sagt Steiner. Wir finden: Filmpreise hat er sich auf jeden Fall auch verdient.

Above and Below (CH/DE/USA, 2015), 118 Min., Regie: Nicolas Steiner. Zu sehen: 26. 1. Solothurner Filmtage, Landhaus 1, 20.30 Uhr. Ab 25. 2. in den Kinos. 5 von 5 Sternen

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