TV-Film
«Ein guter Schweizer Tatort ist wohl ein Wunschdenken»

Die erste Schweizer Tatort-Eigenproduktion seit mehr als zehn Jahren erzielte sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz gute Quoten. Bei den Zuschauern kam aber der Film nicht durchwegs gut an.

Marco Sansoni
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Der Film hatte im Vorfeld für grossen Wirbel gesorgt. So wurde die Erstausstrahlung nach interner Kritik mehrere Monate hinausgezögert. In der Zwischenzeit wurde überarbeitet, nachgedreht oder neu synchronisiert. Kulturchefin Nathalie Wappler höchstpersönlich liess im Film die Klischees entschärfen und der Politiker Josef Ebnöther wurde seiner Kuhglocken und Hellebarden im Haus beraubt.

Gute Einschaltquoten

Zumindest medial hatte «Wunschdenken» so einen Topstart. Nur selten wurde über einen Tatort derart kontrovers berichtet. Diese Berichterstattung im Vorfeld trug auch Früchte. So schauten sich 723‘000 Personen die Eigenproduktion im Schweizer Fernsehen an. Dies entspricht einem Marktanteil von fast 40 Prozent. «Wunschdenken» zählt so zu den erfolgreichsten Tatort im SF überhaupt.

Auch in Deutschland holte «Wunschdenken» eine passable Quote von 21.6 Prozent. Bei ARD schauten sich insgesamt 6.8 Millionen die etwas abgeänderte Fassung an.

Die Folge liegt damit im Mittelfeld zwischen den Koproduktionen vom Schweizer Fernsehen und dem Südwestrundfunk mit Stefan Gubser am Bodensee. Nur Flückigers Abschied von seiner deutschen Kollegin Klara Blum am Bodensee schauten sich noch mehr Personen an.

Kontroverse Diskussionen im Netz und in Zeitungen

Noch während Kommissar Flückiger im Bahnhof von Luzern die Lösegeldübergabe plante, ging auf dem Netzwerk Twitter eine regelrechte Diskussionslawine zum Tatort los. Die ernüchternden Kommentare bewegten sich zwischen «Alptraum» und «unglaublich schlecht» und waren durchwegs negativ konnotiert. Teilweise war die Kritik so vernichtend, dass sich der neu auf Twitter vertretene Kundendienst des SRF in die Diskussion einmischte.

Ähnlich negativ lauten die Kritiken der Zeitungen am Tag danach. «Schweizer Käse» («Bild») sei der Film, welcher einfach nicht typisch schweizerisch gewesen sei. Tatsächlich wurde Luzern trotz hübschen Landschaftsaufnahmen nie touristisch in Szene gesetzt, sondern war einfach der Ort, in dessen Fluss eine Leiche trieb. «Focus» fragt sich, wer den Tatort ermordet habe. Auch hier werden Parallelen zum Fondue gezogen, wobei das Fondue noch besser wegkommt.

Hauptkritik Sprache

Auch die von der ARD verlangte Sprachsynchronisation ändert nur wenig am fehlenden Lokalkolorit. Das Schweizerdeutsche musste dem deutschen Klischee eines Schweizer Dialektes weichen. Nur Sofia Milos als Abby Lanning sprach in ihrer ersten und letzten Tatortfolge als einzige Person in Deutschland korrektes Schriftdeutsch - und dies auch nur, weil ihr Schweizerdeutsch nicht perfekt ist.

Nicht aber die Aussprache, sondern vielmehr die Synchronisation zog den Unmut der deutschen Zuschauer auf sich. «Diese war nicht mit den Lippen der Darsteller synchron», sagt der Tatort-Kritiker Andi Weiland (@ohrenflimmern). «Und diese asynchronen Gespräche zwischen den Protagonisten waren eher Glückskeksdialoge.»

Auch in der Schweiz war die Sprachfassung nicht optimal. «Wunschdenken» glich einer Reise im Schnellzug durch alle Dialektregionen der Schweiz. Der Luzerner Justizdirektor sprach ein breites Berndeutsch und der Chef von Kommissar Flückiger ist offensichtlich ein in die Zentralschweiz verirrter Bündner.

Lob für Gubser

Nebst all den vernichtenden Kritiken kommt der sonst gern kritisierte Stefan Gubser gerade hervorragend weg. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» attestiert dem Neuling in Luzern Sympathie. Seine selbstverständliche Normalität sei wohltuend. Und «Stern» spricht von «tollen Schauplätzen» des Films.

Fazit: Der nächste Kriminalfall aus Luzern, welcher schon ohne Sofia Milos gedreht wurde, kann die Eigenproduktionen nur noch aufwerten. Er ist schon gedreht und heisst «Skalpell». Der Ausstrahlungstermin ist jedoch laut SF noch nicht bekannt.

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