Jafar Panahi

Ein Filmrebell gegen das Patriarchat

Filmrebell: Trotz Verbot dreht Regisseur Jafar Panahi (hier mit Hauptdarstellerin Behnaz Jafari) weiterhin Filme.

Filmrebell: Trotz Verbot dreht Regisseur Jafar Panahi (hier mit Hauptdarstellerin Behnaz Jafari) weiterhin Filme.

Trotz Filmverbot dreht der iranische Regisseur Jafar Panahi munter weiter. In seinem neuen Film «Three Faces» beleuchtet er in alltagspoetischen Bildern die Lage der in seiner Heimat systematisch unterdrückten Frauen.

Jafar Panahi darf schon lange nicht mehr – und hört trotzdem nicht auf. Der preisgekrönte iranische Filmemacher wurde 2010 wegen angeblicher Propaganda gegen seine Regierung zu einem 20 Jahre langen Berufs- und Ausreiseverbot verurteilt.

Nichtsdestotrotz hat Panahi seither schon vier Filme in seiner Heimat gedreht, die sich mit diesen Restriktionen auseinandersetzen, und mit ihnen die grossen internationalen Filmfestivals aufgemischt.

Unvergessen beispielsweise, wie er seine Haft-Doku «This Is Not a Film» 2011 auf einem in einem Kuchen versteckten USB-Stick an die Filmfestspiele von Cannes schmuggeln liess.

Auch sein neuer Film «Three Faces» schaffte es diesen Mai nach Cannes, ob wieder in einem Kuchen oder sonstwie will das in Panahis Zwangsabsenz angereiste Filmteam allerdings nicht verraten: «Wir möchten diesen Trick auch nächstes Mal noch anwenden können», sagt Panahis Cutterin Mastaneh Mohajer und lacht.

Der Trailer zu «Three Faces»

Das Risiko, an einem verbotenen Filmprojekt mitzuarbeiten, hat Mohajer bewusst in Kauf genommen: «Wenn du die Chance hast, mit einem renommierten Regisseur wie Jafar Panahi zusammenzuarbeiten, sagst du nicht Nein.»

Früher hat Panahi noch sämtliche Namen aus dem Abspann gestrichen, um die Crew zu schützen, doch bei «Three Faces» habe man den Regisseur gebeten, ihre Namen stehen zu lassen, erzählt Mohajer.

Ist das nicht gefährlich? Hauptdarstellerin Behnaz Jafari nimmt’s gelassen: «Ich bin Schauspielerin und tue bloss meinen Job.» Die Sittenwächter hätten streng genommen kein Problem mit ihr und der Crew, sondern nur mit Regisseur Panahi.

Doch dieser lasse sich nicht abbringen. «Warum auch? Nach seiner bereits bestehenden Strafe kann er kaum noch weiter bestraft werden», glaubt Jafari.

Skurriler Roadtrip in den Bergen

«Three Faces» beginnt mit einem Handyvideo, in dem eine junge Frau (Marziyeh Rezaei) erklärt, dass sie Suizid begehen möchte, weil ihre Eltern ihr verbieten, Schauspielerin zu werden. Die Empfängerin dieser verzweifelten Botschaft ist die im Iran berühmte Schauspielerin Behnaz Jafari.

Jafari und Regisseur Jafar Panahi spielen sich in «Three Faces» quasi selbst, das Duo bricht im Verlauf des Spielfilms gemeinsam in ein entlegenes Bergdorf auf, um die junge Frau von ihrem Vorhaben abzubringen. Das Rätsel, ob Marziyehs Video bloss ein Jux ist oder ob die junge Frau es tatsächlich ernst meint, löst Panahi schon in der Mitte des Films auf.

Skurriler Roadtrip: Jafar Panahi (hinter dem Steuer) mit Jafar Panahi mit Behnaz Jafari (links) und Marziyeh Rezaei.

Skurriler Roadtrip: Jafar Panahi (hinter dem Steuer) mit Jafar Panahi mit Behnaz Jafari (links) und Marziyeh Rezaei.

Ins Zentrum rückt stattdessen der Roadtrip durch das Bergdorf: Da ist ein Stier, der unbelästigt die Strasse blockieren darf, weil er, wie ein Dorfbewohner erklärt, mal zehn Kühe in einer Nacht befruchtet hat; da ist ein alter Mann, der die Vorhaut seines erwachsenen Sohnes als Talisman mit sich herumträgt; da ist eine Frau, die bereits ihr eigenes Grab schaufelt.

Es sind skurrile Momente voller Alltagspoesie, die sich im Filmverlauf zu einer Allegorie zusammenfügen über Engstirnigkeit und über das alle iranischen Gesellschaftsschichten durchdringende Patriarchat. 

Anders als in seinem Berlinale-Gewinnerfilm «Taxi Teheran» (2015) fokussiert Panahi in «Three Faces» (Drehbuchpreis in Cannes) nicht mehr auf seine eigene missliche Lage, sondern auf jene der im Iran unterdrückten Frauen.

Stellvertretend dafür stehen im Film Marziyeh Rezaei, Behnaz Jafari und eine dritte, ältere Schauspielerin namens Shahrazade, die am Dorfrand lebt und von allen anderen Bewohnern gemieden wird. Sie sind die drei Gesichter, die dem Film den Namen spenden, drei Generationen an Schauspielerinnen, die das Gestern, Heute und Morgen der Frauen im Iran repräsentieren.

«Panahi gibt durch unsere Filmfiguren jenen Frauen eine Stimme, die für bessere Rechte kämpfen», sagt Marziyeh Rezaei, die Kunst studiert und vor «Three Faces» noch nie in einem Film mitgespielt hat.

Viele ihrer Mitstudentinnen seien ähnlich verzweifelt wie ihre Filmfigur, weil sie von ihren Eltern wegen ihrer Berufswünsche angefeindet würden. «Ich glaube, Jafar Panahi geht es nicht anders als uns», sagt die junge Darstellerin abschliessend. «Um das zu tun, was wir lieben, müssen wir die grössten Hürden überwinden.»

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