Interview
«Doctor Strange»: Vom hochmütigen Genie zum aufopfernden Helden

Benedict Cumberbatch über seine Rolle als «Doctor Strange», psychedelische Erlebnisse und die pure Glückseligkeit.

Lory Roebuck, Berlin
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Benedict Cumberbatch schlüpft in die Rolle des Comic-Helden «Doctor Strange».

Benedict Cumberbatch schlüpft in die Rolle des Comic-Helden «Doctor Strange».

Ein kurzer Schreckmoment. Wir hocken im hippen Berliner Soho House, als es plötzlich heisst: Bitte sofort das Gebäude verlassen. Feuer-Alarm. Draussen steht ein halbes Dutzend Feuerwehrwagen bereit, die Lage ist schnell unter Kontrolle. Kurz stellen wir uns vor, wie auch Benedict Cumberbatch das Seinige dazu geleistet hat. Der 40-jährige Schauspieler muss gerade als Superheld «Doctor Strange» etliche Brände löschen, auf der Kinoleinwand natürlich. Wenige Minuten vor dem Feuer-Alarm sass die «Nordwestschweiz» mit dem Briten zusammen, den man vor allem aus der TV-Serie «Sherlock» kennt. Die Ähnlichkeit zwischen dem Meisterdetektiv und seiner neuen Kinofigur ist frappant.

Benedict Cumberbatch, wie in Ihrer Erfolgsserie «Sherlock» spielen Sie in «Doctor Strange» ein arrogantes Genie. Woher kommt Ihre Vorliebe für solche Rollen?

Benedict Cumberbatch: Ich glaube, das ist eher umgekehrt: Filmemacher finden wohl, dass ich mich für eine bestimmte Art von Rolle eigne. Mich persönlich kümmert das wenig. Ich suche mir Projekte lieber nach den Leuten aus, mit denen ich zusammenarbeiten möchte.

Aber Sherlock und Doctor Strange sind schon so etwas wie Geistesverwandte?

Doctor Strange ist wie Sherlock clever und arrogant, darin sind sie einander ähnlich. Doch wo Sherlock sich vor anderen verschliesst, ist Strange ein Mann von Welt mit materiellen Ansprüchen. Und er macht in diesem Film einen Wandel durch, für den Sherlock sein ganzes Leben braucht.

Dieser Wandel vom hochmütigen Genie zum sich aufopfernden Helden: Hatten wir das Gleiche nicht schon in Marvels erstem Kinofilm, mit Iron Man?

Das wirkt nur so, weil beide dieselbe Gesichtsbehaarung haben. (Lacht.) Im Ernst: Ich finde, dass viele dieser Ursprungsgeschichten der Superhelden sich überschneiden. Iron-Man-Darsteller Robert Downey Jr. ist natürlich die Messlatte, an der sich alle anderen Marvel-Darsteller messen. Spannender aber finde ich die Anknüpfungspunkte zwischen unserem Film und Shakespeare.

Wie meinen Sie das?

Ich sehe eine Übereinstimmung zwischen dem, was Shakespeare machte, und dem, was Comicfilme anstreben: Beide blicken tief in die menschliche Psyche und verpacken komplexe Stoffe in etwas Unterhaltendes, das Menschen durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch anzusprechen vermag. Shakespeare schrieb auch immer geniale Bösewichte, die nicht grundlos böse waren. Hört man dem Schurken in «Doctor Strange» zu, muss man zugeben: Was er sagt, ist nicht falsch. Wir sind Sklaven der Zeit, sie grenzt unsere Existenz ein ... Ich finde aber auch: Zeit hat eine Schönheit, sie lehrt uns die Wertschätzung einzelner Momente.

Verleihen solche Betrachtungen dem Film eine poetische Kraft?

Wie bei Shakespeare stehen bei uns tragische Figuren im Zentrum – unsere Poesie sind die Bilder und die Effekte, mit denen wir ihre bewusstseinserweiternden Erlebnisse darstellen.

Welche bewusstseinserweiternden Erlebnisse haben denn Sie schon so erlebt?

Die ich erwähnen kann? (Schmunzelt.) Sagen wir es so: Auch ich war mal ein Jugendlicher ... Aber alleine diesen Film zu machen, war ein psychedelisches, abgefahrenes Erlebnis. Schauspieler sind wie Magier, sie täuschen dem Zuschauer mit Tricks etwas vor. Einen Monat lang auf den Strassen Hongkongs Szenen zu drehen, in denen die Zeit rückwärts läuft, oder an Stuntkabeln durch die Luft zu schweben – das fuhr so richtig ein.

Würden Sie gerne wie Doctor Strange durch die Lüfte schweben können?

Klar, wer von uns hatte noch nie diesen Traum vom Fliegen? Und ich würde sehr gerne wie Doctor Strange Portale in die Luft zaubern können, um schneller wieder bei meiner Frau und unserem Kind zu sein. Wir sind für diesen Film um den ganzen Globus gereist, da waren viele einsame Stunden dabei. Ich versuche immer, für den Moment zu leben, spüre seit der Geburt meines Sohnes aber eine grössere Verantwortung, auch in die Zukunft zu blicken.

Haben Sie als Kind Superhelden bewundert?

Nein. Meine Vorbilder waren meine Eltern, die beide Schauspieler sind. Ich habe ihre Karriere verfolgt und den Respekt und die Liebe gesehen, die sie von ihren Berufskollegen erhielten. Das inspirierte mich. Ein wahrer Superheld ist aber meine Frau: Wenn ich nach einem langen Dreh zu ihr und unserem Kind nach Hause komme, ist das pure Glückseligkeit. Ich merke, dass da zwei Menschen sind, die wichtiger sind als alles andere. Das setzt meine Arbeit sofort ins richtige Verhältnis und lässt mich abschalten.

Doctor Strange wird in weiteren Marvel-Abenteuern auftauchen. Für Sie bedeutet das eine zeitintensive Verpflichtung über mehrere Filme hinweg. Gab das nie Anlass zur Sorge?

Nein, denn was Marvel mit dieser Figur vorhat, finde ich aufregend. Als ich während einer Drehpause bei «Sherlock» für ein paar «Doctor Strange»-Nachdrehs wieder in den roten Umhang schlüpfte, merkte ich, wie sehr mir diese Figur am Herzen liegt. Viel freie Zeit bleibt mir zwar nicht – aber ich gehe jeden Morgen mit einem Lächeln zur Arbeit.

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