Eine Szene. Ein Satz mit Sprengkraft: «Ich frage mich, ob die ewige Liebe noch relevant ist – denn am Ende trennen wir uns doch sowieso alle.» Ariane Labed spricht ihn während ihres Kurzauftritts im amerikanischen Independentfilm «Before Midnight» (2013). Die Worte bringen die kleinen Risse zum Vorschein, welche die Vorzeigebeziehung von Ethan Hawke und Julie Delpy zum Einsturz bringen.

Von traditionellen Paarbeziehungen halten Ariane Labeds Filmfiguren nicht viel. Auch nicht in den zwei neuen Kinofilmen, in denen die 31-jährige Französin mit griechischen Wurzeln die Hauptrolle spielt. In der Komödie «Love Island» mimt Labed eine Hochschwangere, die auf einer Ferieninsel eine lesbische Liebschaft aus ihrer Jugend wieder aufflammen lässt. Und im Hochseedrama «Fidelio – l’Odyssée d’Alice» bandelt sie mit einem Schiffskapitän an, während ihr Freund auf dem Festland wartet.

Doppelte Auszeichnung in Locarno

Für ihren Auftritt in «Fidelio» gewann Labed unlängst die Auszeichnung als beste Schauspielerin am Filmfestival in Locarno. Beide Filme feierten dort letzten August Premiere und machten die schöne Französin zur Entdeckung des Festivals. Ihr gegenüber verblassten selbst weibliche Stargäste wie Melanie Griffith und Juliette Binoche.

Denn Ariane Labed hat mehr zu bieten als bloss ein schönes – und unverbrauchtes – Gesicht. Nachdem sie ihre Jugend in Athen verbrachte, liess sich die Tochter zweier Lehrer aus Paris in der Provence zur Tänzerin ausbilden. Labeds Interesse gilt der Performance-Kunst. Ihr neckisches Lächeln ist reizend, aber ihre wahre Ausdrucksstärke zeigt sich in ihrem körperbetonten Spiel. «Love Island» bietet leider nur wenig davon. Labeds Auftritt ist der einzige Höhepunkt des Films. Regisseurin Jasmila Zbanic, die mit weitaus ernsteren Stoffen schon wichtige Festivalpreise gewonnen hat, tischt einen inspirationslosen Dreiecksklamauk auf. Immerhin: Am Ende dieses wirren Plädoyers für freie Liebe ist es Labeds Filmfigur, die den starren Beziehungskäfig aufbricht. Und dieses Selbstbewusstsein kauft man der Darstellerin sofort ab.

Kalt, aber sinnlich

Weitaus fordernder war ihre Rolle in «Fidelio». Das dokumentarisch angehauchte Hochsee-Drama spielt auf einem Frachter, Labed ist die einzige Frau in einer traditionellen Männerdomäne – und weiss sich zu behaupten. Der prächtige Erstlingsfilm von Lucie Borleteau kehrt für einmal die Geschlechterrollen: Labed ist die taffe Seefahrerin, die am Ufer ihren Geliebten zurücklässt, um sich auf See selbst zu finden – und mit anderen Männern zu vergnügen. Mit dem Kapitän zum Beispiel, auch er eine verflossene Liebe, dem sie keinen Besitzanspruch gewährt. Denn Labeds Filmfigur fordert auf ihrer Odyssee eine Unabhängigkeit ein, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen.

Das ist kalt, aber auch sinnlich und ergreifend. Ariane Labed ist eine Entdeckung, die alle vor der Leinwand aphrodisieren wird. Es wäre eine Tragödie, würde ihre Schauspielodyssee sie eines Tages nicht bis ganz nach oben führen.

Fidelio – l’Odyssée d’Alice (F 2014), 97 Min. Regie: Lucie Borleteau. Ab Donnerstag im Kino. 

Love Island (HR 2014), 86 Min. Regie: Jasmila Zbanic. Seit dieser Woche im Kino.