TV-Kritik
«Die Schweizer»: Von Bärten, Uniformen und fehlenden Frauen

Sechs herausragende Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte in vier Dokufilmen stehen im Zentrum: Die Dokureihe «Die Schweizer» ist ein massloses Unterfangen – und verdient doch auch ein wenig Lob. Wir haben uns die Reihe angesehen, eine TV-Kritik.

Claudia Landolt
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Die Schweizer Dokureihe «Die Schweizer»
15 Bilder
... Guillaume Henri Dufour ins Zentrum. Fotos: SRF
Niklaus von Flüe in «Haudegen und Heiliger».
«Der General, der die Schweiz rettete» rückt ...
... Werner Stauffacher in «Die Schlacht am Morgarten».
Szene aus «Kampf am Gotthard».
Das Poster der Dokuserie «Die Schweizer»

Die Schweizer Dokureihe «Die Schweizer»

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Was Geschichtsunterricht im schlechtesten Fall bedeuten kann, weiss jeder, der während der nicht enden wollenden Lektionen über den Sonderbundskrieg sich sehnsüchtig von der Schulbank weggeträumt hat. Das Schweizer Fernsehen nimmt sich nun ebenjener bevorzugt in Vergessenheit geratener Eckpunkte der Schweizer Geschichte an.

Mehr noch: Es versucht, sich die Eidgenossenschaft regelrecht einzuverleiben. Einen ganzen Monat lang widmet sich das Schweizer Fernsehen in einer Fünf-Millionen-Produktion Mutter Helvetia. Kernstück ist die heute beginnende Dokumentationsserie «Die Schweizer».

«Die Schweizer»: Die vier Teile in der Übersicht

7.11.: «Die Schlacht am Morgarten - Werner Stauffacher»

14.11.: «Haudegen und Heiliger - Hans Waldmann und Niklaus von Flüe»

21.11.: «Der General, der die Schweiz rettete - Guillaume Henri Dufour»

28.11.: «Kampf um den Gotthard - Alfred Escher und Stefano Franscini»

Jeweils um 20.05 Uhr auf SRF 1

Diese will wettmachen, was an historischem Bewusstsein in den Jahren nach dem Schulbesuch vergessen ging, und gleichzeitig der ehrgeizigen Frage nachgehen: Was hält «die» Schweiz eigentlich zusammen?

Ein suggestiver Ansatz, der manche an 1992 erinnern mag, als mit der Aufschrift des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung in Sevilla, «La Suisse n’existe pas», ein Aufschrei durch das kollektive Gewissen dieses Landes ging.

Nun aber das Herzstück dieser Zeitreise, die vierteilige Serie, in der die Schweizer Geschichte anhand von herausragenden Persönlichkeiten in ausgewählten Epochen erzählt wird.

Der geschichtliche Rahmen beginnt mit der Schlacht am Morgarten vom 15. November 1315 und endet nach der Gründung des Bundesstaates mit dem Bau am Gotthard und Alfred Escher (1819 bis 1882).

Was erwartet den gemeinen Zuschauer also am heutigen Fernsehabend? Eine Art Volkshochschule zur besten Sendezeit? Ein farbiges, blutiges Kriegsspektakel über fünf Jahrhunderte? Dekonstruktion als Gestaltungsprinzip?

Es erwartet ihn eine Doku-Fiction, wie wir sie von Produktionen von «Arte» oder auch aus der neunteiligen Dokumentationsreihe «Die Deutschen» (wohl Inspirationsquelle für «Die Schweizer») kennen.

Eine dramatische Erzählstimme aus dem Off wechselt ab mit Spielszenen, die möglichst faktentreu von echten Schauspielern nachgespielt werden, oft untermalt durch historisches Material. Historiker und Historikerinnen liefern Erklärungsstücke und betten das Gesehene in den Gesamtzusammenhang.

Ein erster Blick zeigt: Einfach macht es sich SRF nicht. Es ist keine einfache Kost. Es wird viel geredet, erklärt, kontextualisiert.

Der Versuch, aus vielen Einzelepisoden einen Gesamtteppich zusammenzuknüpfen, mag den einen oder andern Zuschauer überfordern.

Das Resultat erinnert zuweilen an Frontalunterricht aus der Flimmerkiste. Abtemperierte Dramatik, etwa beim Bürgerkrieg zwischen den konservativen und liberalen Kräften anno 1847, macht es nicht einfacher, nicht abzuschalten.

Eine einzige Kostümschlacht, viele Bärte, unzählige Uniformen, unaufhörlicher männlicher Expansionsdrang und immer wieder die schmerzliche Abwesenheit von Frauen, die nichts als treu, sorgend und aufopfernd («Henri, du blüetisch ja») dargestellt werden. (Die Abwesenheit von Frauen wurde im Vorfeld zur Serie denn auch schon prominent kritisiert.)

Alles sehr detailgetreu, doch meist auf dem Altar der Ausgewogenheit erzählt – etwas mehr der Realität entsprechende Dramatik und Spannung in der Interpretation der Figuren hätte kaum geschadet.

Aus dramaturgischen Gründen wird in zwei Folgen mit dem Prinzip der Dialektik gearbeitet. Hans Waldmann (1435 bis 1489) und Niklaus von Flüe (1417 bis 1487) etwa, oder Alfred Escher und Bundesrat Stefano Franscini (1796 bis 1857) etwa. Obwohl akribisch detailgetreu dargestellt, driftet die Charakterisierung dieser Figuren allzu leicht ins Plastische ab.

Hans Waldmann, das Oberhaupt von Zürich, wird als Emporkömmling gezeichnet, dessen Bart der direkten Fortsetzung seiner Libido zu entsprechen scheint.

Und Niklaus von Flües Ringen mit Gott ist so schmerzlich dargestellt, dass der Zuschauer selbst um Erlösung fleht. Anderes Beispiel: General Guillaume-Henri Dufour (1787 bis 1875) zieht seinem Auftraggeber im Genfer Rathaus zur Illustration einer Ingenieursidee die Hosen herunter.

Auch ein ärgerlicher Punkt: Die Schauspieler sprechen nicht immer den Akzent der dargestellten Figuren. So etwa Josef Leu aus Luzern oder die Sarnerin Dorothea von Flüe:

Da sucht man den Innerschweizer Dialekt vergeblich. Und das Französisch von Suzanne Dufour wird in der deutschen Fassung leider wegsynchronisiert.

Und doch gebührt dem Unterfangen ein Lob. In vielen Köpfen der Schweiz grassiert die historische Rütli-Schweiz.

Die Historie hat es versäumt, Klarheit über die Gründung der Eidgenossenschaft und die Zeit davor und danach zu verschaffen. Ob das Prinzip der erzieherischen Absicht in dieser Form funktioniert, wird sich am Freitag an den Zuschauerzahlen zeigen.

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