Der moderne amerikanische Film beginnt ja eigentlich 1989. Es war das Jahr, als ein blutjunger US-Regisseur eine simple Dreiecksgeschichte ersann und über Nacht zum Hoffnungsträger einer ganzen Generation wurde. «Sex, Lies and Videotape», das Debüt des damals 26-jährigen Steven Soderbergh, gewann die Goldene Palme von Cannes und löste Wogen der Begeisterung aus: Endlich wieder ein Film mit normalen Menschen, die über normale Probleme reden, hiess es. Wobei in «Sex, Lies and Videotape» gelogen und betrogen wurde, was die Libido hergab.

Was Soderbergh aus dem Stand schaffte, war ein Film über sexuelle Frustrationen des Mittelstands. Haudrauf-Muskelschränke wie «Rambo» konnten zusammenpacken. Heute, knapp 30 Jahre später, klingt das Unbehagen gegenüber der US-Filmindustrie ähnlich: Macht mal Schluss mit diesem Superhelden-Gedöns und gebt uns Figuren aus Fleisch und Blut zurück! Eine berechtigte Forderung? Tatsache ist, dass sich das Verhältnis zwischen Mainstream- und Independent-Produktionen über die Jahre stark verschoben hat.

Trailer zu Logan Lucky (Deutsch)

In den Achtzigern gab es die Fraktion «Back to the Future» und die Fraktion David Lynch. Dazwischen existierte nichts, und das blieb so, bis Soderbergh kam. Dann folgten die Hollywoodstudios und kauften im Independentsektor ein. So kam es bei den Oscars 2001 zum denkwürdigen Moment, dass sich Soderbergh in den Kategorien Bester Film und Beste Regie selbst gegenüberstand – mit dem Mainstream-Tränendrücker «Erin Brockovich» und dem experimentellen Drogenmilieufilm «Traffic».

Das gab es vorher und nachher nie mehr, war aber typisch Soderbergh: Der Mann drehte schneller als sein Schatten, mal mit, mal ohne Hollywood, und man wusste nie, was er als Nächstes aushecken würde.

Eine Karriere als Fieberkurve

Wer die wechselhafte Karriere des heute 54-jährigen Amerikaners nachzeichnen will, tut das am besten anhand einer Fieberkurve. 1989: Heftiger Erstausschlag mit «Sex, Lies and Videotape». In den Neunzigern: Sturz in die Bedeutungslosigkeit (ein Filmtitel wie «Schizopolis» sagt alles). Jahrtausendwende: Maximalausschlag dank «Traffic», «Erin Brockovich» und dem Gangsterfilm-Remake «Ocean’s Eleven». In der Folge: uninspirierte Science-Fiction («Solaris»), überambitionierte Revolutionärsbiografie («Che 1 + 2»), pseudodokumentarischer Katastrophenfilm («Contagion»). Und als letzte bunte Ausschläge: die Stripperkomödie «Magic Mike» und die Liberace-Biografie «Behind the Candelabra» (beide 2013).

Trailer zu Logan Lucky (Englisch)

So hätte Soderberghs Jo-Jo-Existenz eigentlich weitergehen können. Der einstige Geschichtenerzähler war zum Handwerker und Versteckspieler geworden, der in seinen Filmen unter dem Pseudonym Peter Andrews die Kamera führte und als Mary Ann Bernard den Schnitt besorgte. In den letzten Jahren musste man genau hinschauen, um einen Soderbergh-Film zweifelsfrei zu erkennen. Anhaltspunkte gab es insofern, als der Regisseur immer häufiger Farbfilter einsetzte und seine Filme übertrieben geschwätzig und/oder bemüht humorvoll ausgestaltete. Zudem arbeitete Soderbergh regelmässig mit Stars wie George Clooney, Matt Damon, Julia Roberts oder Channing Tatum.

Doch dann, 2013, war plötzlich Schluss. Die Ursache hiess «Behind the Candelabra». Soderbergh hatte für diesen Film ganz Hollywood abgeklappert, aber kein Studio war bereit, die Biografie über den schwulen Sänger Liberace zu finanzieren. Der Film kam erst dank des Fernsehsenders HBO zustande, doch Soderbergh hatte genug: «Wenn ich noch ein einziges Mal in einen Van steigen und mir eine Film-Location anschauen muss, dann gebe ich mir die Kugel.»

Rücktritt vom Rücktritt

Aber was sollte einer wie Soderbergh fortan tun? Töpfern, Hunde züchten, Humorkurse besuchen? Der Regisseur tat das Naheliegendste und wechselte zum Fernsehen, ab 2014 drehte er die Spitalserie «The Knick».

Doch dann fand er einen Weg, wie er seinen Rücktritt vom Rücktritt präsentieren konnte. Das Resultat liegt jetzt vor: «Logan Lucky» (siehe Box) ist ein Hollywood-Werk, das ohne Hollywood-Studio entstanden ist.

Der Trick: Soderbergh hat den stargespickten Film durch Vorverkäufe von Auswertungsrechten finanziert, das Marketing selbst übernommen und seine Mitarbeiter am Gewinn beteiligt. Der Vorteil: Die Erfolgsschwelle liegt viel tiefer als bei Studio-Blockbustern, und der Regisseur behält die kreative Kontrolle. Anders gesagt: Soderbergh ist 2017, was er 1989 schon mal war – der Hoffnungsträger einer ganzen Generation. Jetzt müsste er nur wieder lernen, Geschichten zu erzählen.