Solothurner Filmtage

Der Schweizer Film – gefangen im Reduit

Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, fand an der Eröffnung deutliche Worte.

Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, fand an der Eröffnung deutliche Worte.

Die politische Isolation schadet der Filmindustrie, sagt Direktorin Seraina Rohrer an der Eröffnung der 51. Solothurner Filmtage.

«Heimatland» war der eindrücklichste Schweizer Film des letzten Jahres. Die Schweiz wird darin von einer unerklärlichen Naturkatastrophe heimgesucht. Darauf schliessen die europäischen Nachbarländer die Grenzen. Die Schweiz wird zum Gefängnis.

Was derzeit mit der Schweizer Filmindustrie in ihrem Heimatland passiert, ähnelt in den Grundzügen dem Filmplot. Nur ist das unerwartete Ereignis mit den weitreichenden Folgen keine rätselhafte elektromagnetische Wolke, die alles lahmlegt, sondern die Masseneinwanderungsinitiative, die nicht alles, aber zumindest die Beziehung mit der EU lähmt.

Als Reaktion auf die drohende Verletzung der bilateralen Verträge hat die EU vor zwei Jahren die Schweizer Mitgliedschaft beim europäischen Förderprogramm für audiovisuelle Medien (Media) sistiert. Mit drastischen Folgen für das Schweizer Filmschaffen, wie Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, in ihrer gestrigen Eröffnungsrede darlegte. «Für die meisten Schweizer Produktionen gilt heute: Sie sind europäisch schwer vermittelbar.»

Das Tor zur Welt ist geschlossen

Das Fördersystem Media ist ein ausgeklügeltes, 20-jähriges Subventionssystem, mit einem Budget von 1,46 Milliarden Euro und 33 Mitgliedstaaten. Media sorgt dafür, dass Filme der Mitglieder-Länder in den Partner-Staaten in die Kinos kommen, in dem es für Film-Verleiher finanzielle Anreize schafft. Zusätzlich unterstützt Media in Europa rund 100 Film-Festivals, die 70 Prozent europäische Filme in ihrem Programm garantieren müssen. Davon haben Schweizer Filme bis 2014 massiv profitiert.

Seither gelten Schweizer Filme nicht mehr als europäisch. «Es hat schon etwas Absurdes», sagt Ivo Kummer, oberster Filmförderer beim Bundesamt für Kultur. Die Schweiz werde immer wieder als Paradebeispiel für den kulturellen Raum Europa genannt. Die Viersprachigkeit, die geografische Lage. Doch: «In der Filmförderung haben wir heute denselben Status wie ein aussereuropäisches Land wie Ghana.»

Das Media-Programm war das Tor zur Welt für das Schweizer Kino. Das Tor ist zu. Kummer sagt: «Uns fehlt zunehmend die Visibilität.» Zwar hat der Bund sofort nach der Sistierung Ersatzmassnahmen getroffen und Fördergelder umgeleitet.

Die rund 5 Millionen Franken, die zuvor an Media flossen, werden jetzt direkt in die Schweizer Filmindustrie investiert. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Insbesondere bei der Förderung der Schweizer Filme im Ausland. Der Grund ist einfach: «Das Bundesamt für Kultur darf keine Direktzahlungen ins Ausland leisten», sagt Corinna Marschall, Geschäftsführerin des für die Ersatzmassnahmen zuständigen Media Desk Suisse.

«Das schadet dem Film»

Finanziell geht die Rechnung für die Schweiz zwar auf. Bis 2014 zahlte der Bund 8,3 Millionen Franken in den europäischen Topf, erhielt aber nur rund 5 Millionen zurück. Manche Schweizer Filmemacher kommen laut Kummer heute eventuell sogar einfacher an Fördergelder, weil die internationale Konkurrenz fehlt. «Aber wir sind nicht mehr Teil der europäischen Kooperation. Das schadet dem Schweizer Film», sagt er.

Der politische Wille ist zwar da, so schnell wie möglich wieder Teil des Programms zu werden. «Wir sitzen sofort am Verhandlungstisch, wenn Brüssel ein Signal sendet.» Dies bekräftigte auch Bundesrat Alain Berset in seiner Rede in Solothurn. Berset: «Dieses Ziel bleibt aber wohl nur realistisch, wenn wir gute und geregelte bilaterale Beziehungen mit der EU haben. Natürlich nicht nur – aber auch – deswegen müssen wir uns zuerst gegen die Durchsetzungsinitiative durchsetzen.»

Für Rohrer geht es deshalb bei der Abstimmung Ende Februar auch um die Zukunft des Filmstandorts Schweiz. Vorlagen wie die Durchsetzungsinitiative würden nicht nur die Menschenrechte missachten, sie verstärkten auch die Tendenz, dass der Schweizer Film und letztlich die Schweiz weder Haupt- noch Nebenrollen, sondern gar keine Rolle mehr spielt. «Nicht einmal mehr als Statisten dürfen wir dann auftreten.»

Da bliebe dann für den Schweizer Film nur noch das Heimatland, gefangen im Reduit.

Autor

benno tuchschmid

benno tuchschmid

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