Schweizer Talente

Der filmische Nachwuchs unter der Lupe

Urkomisch: «Ganoven», eine gemeinsame Produktion von Pia Hellenthal und Marina Klauser.Fotos: HO

Urkomisch: «Ganoven», eine gemeinsame Produktion von Pia Hellenthal und Marina Klauser.Fotos: HO

Mit dem neuen Programmteil «Upcoming Talents» hat der filmische Nachwuchs an den Solothurner Filmtagen endlich eine angemessene Plattform erhalten, um sich einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können.

Mit dieser Neuerung trägt Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer dem jungen Filmschaffen endlich Rechnung. Von spannenden Experimenten über eigenwillige Dramaturgien bis hin zu frühreifen Filmsprachen finden sich so einige Trouvaillen.

Wie absurd eine ergebnislose Suche sein kann, zeigen die Deutsche Pia Hellenthal und die Zürcherin Marina Klauser. Drei Ganoven observieren einen Ballonladen, suchen Stoff und werden dabei kläglich scheitern. In ihrer fünften gemeinsamen Produktion als Regie- und Autorenduo legen die zwei Jungregisseurinnen ein urkomisches Stück mit dem Titel «Ganoven» vor. Die Jungfilmerinnen beweisen ein gutes Gespür für Bildsymmetrien und ein exzellentes Timing für Sprache und Schnitt.

Konventionell und aktuell

Ein weiterer, sehr interessanter Beitrag, der in Solothurn mit dem 15000 Franken dotierten Preis für den besten Nachwuchsfilm ausgezeichnet wurde, kommt vom Fribourger Vincent Weber. «La noyée», die zwölfminütige Erzählung einer Mutter-Sohn-Beziehung, überzeugte die Jury durch ihre subtile Darstellung und ihren schönen Einsatz der filmischen Mittel. Weber beweist mit seinen erst 22 Jahren bereits eine grosse Empathie für komplexe Gefühlswelten.

Im Kurzfilm «Acht Blumen» des Zürcher Jungfilmers Timo von Gunten heisst das soziale Netzwerk Facebook Tracebook. Von Gunten erzählt die Geschichte des jungen Benjamin Lewis, der seinen besten Freunden noch nie physisch begegnet ist. Am Tag, an dem er seinen tausendsten Freund akzeptiert, möchte sich seine virtuelle Freundin zum ersten Mal mit ihm treffen. Sie scheitern an der Realität. Zwar arbeitet von Gunten im Bezug auf Kamera und Schnitt sehr konventionell. Doch der von ihm thematisierte Rückzug in die virtuelle Welt und die daraus resultierende Entfremdung ist aktueller denn je.

Trailer zum Kurzfilm «Acht Blumen»

Trailer zum Kurzfilm «Acht Blumen»

Mehr als nur ein Porträt

Im jungen Dokumentarfilmschaffen sticht eine Kurzdokumentation besonders ins Auge, die mehr ist als nur ein Porträt über zwei junge Basejumper. Der Zuger Tom Gibbons fokussiert in «Aufsteiger im Höhenflug» nicht den freien Fall, vielmehr erforscht der Film die Grenzen des menschlichen Seins; Themen wie Freundschaft, Familie und blindes Vertrauen werden erörtert. Interessant sind Kameraführung und Montage. Der Film entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann – bis man selbst vor dem Abgrund steht, bereit, sich in die Tiefe zu stürzen. Spannender kann man den Sprung ins Ungewisse wohl kaum inszenieren.

Visuell nicht überragend, aber dafür thematisch interessant ist die Kurzdokumentation «Straight Edge» der Bernerinnen Myriam Gallo und Alina Reinhard. Ihr Film ist eine Annäherung an die «Straight Edge»-Szene in der Schweiz. Sechs miteinander verwobene Porträts verschaffen Einblick in eine Subkultur, die einen drogenfreien Lebensstil sowie eine positive Lebenseinstellung propagiert und gleichzeitig der Hardcore-Musik zugeneigt ist.

Bitterböse und nicht ganz gewaltfrei

Sie fallen, die kleinen Figürchen, eines nach dem anderen, in den Wüstensand der Sahara, sie ersaufen im Mittelmeer, und wenn sie alle Widrigkeiten überstanden haben, und endlich in Europa angekommen sind, schicken wir sie wieder nach Hause – die Figürchen, die Flüchtlinge. So in etwa lässt sich die bitterböse Satire «Bon voyage» des Berners Trickfilmers Fabio Friedli umschreiben. Ein kleines Werk, das bereits mehrere Preise einheimste und auch in Solothurn mit dem Publikumspreis der Suisseimage/SSA ausgezeichnet wurde.

Trailer zum Trickfilm «Bon voyage»

Trailer zum Trickfilm «Bon voyage»

Zu guter Letzt noch ein Amuse-Bouche aus dem Kunstfilm: Joerg Hurschel setzt sich in «Destroy
Dreamland» mit der Faszination Zerstörung auseinander. Sein subjektiver Blickwinkel versucht, Widersprüche zwischen Gewaltanwendung und passivem Gewaltkonsum zu vereinen. Eine ebenso verwirrende wie gelungene Sound- und Bildcollage – nicht ganz gewaltfrei.

Die Solothurner Filmtage zeigen: Es steht ausser Frage, den filmischen Nachwuchs angemessen abzubilden. Nun bleibt zu hoffen, dass die Filmschaffenden von morgen ihr kreatives Potenzial auch auszuschöpfen vermögen. Die Chancen stehen gut.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1