Zeichentrickfilm
Das Filmarchiv gibt seine Schätze frei

Zum 100. Geburtstag erscheint ein spektakulärer Bildband über Walt Disney.

Axel Knönagel
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«Bambi» war erst der zweite abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney. Walt Disney war besonders stolz auf die hohe künstlerische Qualität der Zeichnungen.

«Bambi» war erst der zweite abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney. Walt Disney war besonders stolz auf die hohe künstlerische Qualität der Zeichnungen.

Die Zeichentrickfilme aus den Studios von Walt Disney sind weltberühmt. Ein opulenter Band bietet nun einen spannenden Blick hinter die Kulissen und zeigt, wie diese Klassiker der Filmgeschichte entstanden.

Der Mann, auf dessen kreative Impulse ein Grossteil dessen zurückgeht, was heute die Ästhetik der Animationsfilme ausmacht, starb vor 50 Jahren im Dezember 1966, aber sein künstlerisches Erbe lebt bis heute weiter.

Sein grosses Verdienst ist, die Zeichentrickfilme, die es seit Beginn des Filmzeitalters gab, aus der Ecke der belanglosen kleinen Lückenfüller befreit und zu einem künstlerisch anerkannten Filmgenre befördert zu haben. Ihm verdankt die Filmwelt nicht nur sprechende und singende Tiere, sondern vor allem die Erkenntnis, dass mit den Stilmitteln des Zeichentricks tatsächlich etwas künstlerisch Wertvolles geschaffen werden kann.

Micky Maus ist der bekannteste Bewohner des Disney-Universums, und er grüsst auch vom Einband des grossformatigen, mehrere Kilo schweren Prachtbands, der jetzt im Taschen-Verlag erschienen ist. Zugleich steht Micky auch beispielhaft für die Anfänge von Disneys Filmen.

Walt Disney 1942.

Walt Disney 1942.

Ab 1920 erste Filmchen

Ab etwa 1920 produzierte Disney neben seiner Arbeit in einer Werbeagentur kurze Zeichentrickfilme, in denen er sich mit den Grundlagen des Mediums vertraut machte und viele Möglichkeiten ausprobierte, die ihm in späteren Jahren immer wieder wichtige Anregungen geben sollten.

Die Anfangsjahre nehmen allerdings nur einen kleinen Raum im «Walt Disney Filmarchiv» ein. Die Autoren widmen ihre Kapitel den einzelnen Spielfilmen, die die Disney-Studios von den 30er-Jahren an produzierten und die fast in jedem Fall Weltruhm erlangten.

Herausgeber Daniel Kothenschulte merkt in der Einleitung zwar an, dass es «verwegen scheint, alle abendfüllenden Filme, alle wichtigsten kurzen Cartoons und viele unvollendete Projekte, die unter Walts Leitung entstanden, in ein einziges Buch fassen zu wollen». Aber genau das ist mit dem «Walt Disney Filmarchiv» gelungen.

Jeder einzelne Film, vom «Schneewittchen und die sieben Zwerge» von 1937 bis zum «Dschungelbuch» aus dem Jahre 1967, wird ausführlich dargestellt. Unterschiedliche Autoren befassen sich dabei vor allem mit der Entstehungsgeschichte und den Debatten innerhalb der Produktionsteams.

Dabei wird deutlich, wie Walt Disney zur zentralen Figur für alle Produktionen wurde, seien es die grossen Filme oder auch die kleinen Produktionen dazwischen gewesen. Walt Disney war als Produzent dafür verantwortlich, dass die Projekte bestmöglich umgesetzt wurden, auch wenn er selbst nicht als Regisseur oder Zeichner im Einsatz war.

Angestellte des Disney-Archivs

Die Essays zu den Filmproduktionen geben hochinteressante Einblicke in den Schaffensprozess der Disney Studios. Besondere Einsichten ermöglichen Auszüge aus den Produktionskonferenzen, in denen gezeigt wird, wie um die besonderen Farben und Stimmungen der Filme gerungen wurde.

Die meisten Autoren sind Angestellte des Disney-Archivs und so erstklassige Experten für die Materie. Die Texte im Buch sind übrigens im originalen Englisch abgedruckt. Die komplette deutsche Übersetzung ist in einem separaten Heft von 110 Seiten beigefügt.

Der wahre Schatz des «Walt Disney Filmarchivs» liegt in den Illustrationen. Neben ganzseitigen Bildern, die die Hauptfiguren in typischen Szenen zeigen, präsentiert der Band Fotos von den Produktionsteams, die während der Entstehungszeit der Filme aufgenommen wurden.

Besonders interessant und aufschlussreich sind die zahlreichen Skizzen, die zeigen, wie die Figuren ihre endgültige Erscheinungsform bekamen. Die Veränderungen der Hunde Susi und Strolch im gleichnamigen Film sind hervorragende Beispiele für den kreativen Prozess bei den Animationsfilmen.

Das «Walt Disney Filmarchiv» bietet einen aussergewöhnlichen Blick in die stilbildende Kreativität einer Filmlegende. Wer sich für die Materie interessiert, findet hier eine ganz besondere Sammlung, die durch ihre Fülle aussergewöhnlicher Texte und vor allem Bilder ein ganz neues Niveau erreicht. (sda/dpa)

Daniel Kothenschulte, Das Walt Disney Filmarchiv. Die Animationsfilme 1921–1968, 620 S. 188 Franken.